Nach kurzer Babypause : Neuseelands Premierministerin regiert wieder – warum das so besonders ist

Im heimischen Wohnzimmer: Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern hält ihre sechs Wochen alte Tochter Neve im Arm, daneben steht ihr Lebensgefährte Clarke Gayford. Foto: dpa/Derek Henderson
Im heimischen Wohnzimmer: Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern hält ihre sechs Wochen alte Tochter Neve im Arm, daneben steht ihr Lebensgefährte Clarke Gayford. Foto: dpa/Derek Henderson

Jacinda Ardern ist eine der jüngsten Regierungschefinnen und im Amt Mutter geworden: ihr etwas anderer Weg.

shz.de von
02. August 2018, 17:15 Uhr

Auckland | Ereignisreiche zwölf Monate liegen hinter Jacinda Ardern, der neuseeländischen Premierministerin. Sie wurde Staatsoberhaupt – und Mutter. Erst vor ziemlich genau einem Jahr nahm ihre politische Karriere überraschend an Fahrt auf: Die Umfragewerte der New Zealand Labour Party waren am Boden, der bisherige Vorsitzende der Sozialdemokraten schmiss hin. Die 38-Jährige übernahm und zog in einen Kampf, der eigentlich schon verloren schien.

Doch es kam anders: Die 4,7 Millionen Neuseeländer wählten Ardern zur jüngsten Regierungschefin in der Geschichte des Landes. Ihre Beliebtheit im Land ist groß. Die offene junge Frau, die sich auf Facebook häufig mit kurzen Videos zu Wort meldet, schafft den schwierigen Spagat zwischen Nähe zu den Wählern und Professionalität. International geriet Ardern bereits kurz nach ihrer Wahl in den Fokus: Eine der ersten Fragen, die ihr von Journalisten gestellt wurde, war die nach eigenen Kindern. Statt die Unverschämtheit wegzulächeln, beschwerte sich die Politikerin lautstark. Es sei "völlig unannehmbar, dass Frauen im Jahr 2017 am Arbeitsplatz auf eine solche Frage antworten sollen".

Vollzeit-Papa und First Man

Nur wenige Monate später, im Januar 2018, verkündete Ardern ihre Schwangerschaft – natürlich über die Sozialen Netzwerke. "Wir schließen uns in diesem Jahr den vielen Eltern an, die zwei Dinge unter einen Hut bringen. Ich werde Premierministerin UND Mama sein. Clarke wird der 'First Man' des Fischens und Vollzeit-Vater." Arderns Lebensgefährte Clarke Gayford, ein Journalist, moderiert in Neuseeland eine populäre Sendung über Fischen und Angeln. Er kümmert sich seit heute hauptsächlich um die kleine Neve, die am 21. Juni zur Welt kam.

Ardern ist nicht die erste Staatschefin, die während ihrer Amtszeit ein Kind bekommt. Schon 1990 brachte die damalige pakistanische Premierministerin Benazir Bhutto ein Baby zur Welt – sie war bereits während der Wahl schwanger, hatte dies allerdings verschwiegen. Ministerinnen, die im Laufe ihrer Amtszeit Mutter wurden, gab es weltweit schon mehrfach, in Deutschland war Kristina Schröder die erste. Sie war Familienministerin als 2011 ihre erste Tochter geboren wurde. Schröder musste nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Mutterschutz – in Deutschland liegt der bei acht Wochen – zurück in ihren Job. Eine "hammerharte" Zeit, wie sie später sagte.

Schwangerschaft war "große Überraschung"

Auch wenn viele Neuseeländer sich über das moderne Familienbild ihrer Regierungschefin freuen, schlägt Ardern auch immer wieder Kritik entgegen. Besonders die Tatsache, dass sie die Schwangerschaft bis zum vierten Monat geheim hielt, stieß vielen bitter auf. Sie selbst hatte Mitte Oktober – nach der Wahl, aber noch vor der Vereinigung – davon erfahren. Ardern deutete damals an, dass sie mit ihrem Partner schon seit längerer Zeit auf Nachwuchs gehofft hatte. Ihnen sei aber gesagt worden, dass sie "Hilfe" bräuchten. Deshalb sei die Schwangerschaft eine "große Überraschung". "Wir wollten eine Familie. Aber wir waren nicht sicher, ob das für uns klappt. Deshalb sind die Nachrichten unerwartet und großartig."

Jacinda Ardern und Clarke Gayford in der Küche ihres Wohnhauses. Foto: dpa/Derek Henderson
dpa/Derek Henderson
Jacinda Ardern und Clarke Gayford in der Küche ihres Wohnhauses. Foto: dpa/Derek Henderson

In Neuseeland wirkt vieles familiärer als in anderen Ländern. Die Fotos der jungen Familie, die nun veröffentlicht wurden, zeigen sie entspannt in ihrem Zuhause – Bilder, die bei Spitzenpolitikern in vielen anderen Ländern nur schwer vorstellbar wären. Ihr gemütlich wirkendes Haus müssen die drei nun allerdings räumen, sie ziehen zurück von ihrer Heimat Auckland in die Hauptstadt Wellington. Ardern möchte zukünftig ihre Tochter so weit wie möglich in ihre Arbeit integrieren. Im neuseeländischen Parlament wurden bereits einige Neuerungen umgesetzt, so dürfen Kinder ihre Eltern zukünftig auch mal zur Arbeit begleiten.

Ardern wird als Vorreiterin der modernen Gleichberechtigung gefeiert. Die Premierministerin wünscht sich derweil, dass der Hype um ihre Person wieder etwas nachlässt, wie sie in einem Interview mit dem Fernsehsender TVNZ sagte. Auch wenn sie vielleicht eine der Erste sei, die einen so öffentlichen und wichtigen Job mit einer Mutterschaft unter einen Hut zu bringen versuche, gehe sie davon aus, dass dies eines Tages ganz normal sein wird. Sie und der Vater würden sich in Multitasking üben – so wie alle anderen Eltern auch.

 

(mit dpa)

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