Weltflüchtlingstag 2018 : Die größten Fluchtkrisen – vom Kongo über den Südsudan bis Venezuela

Kinder hinter Zäunen: Weltweit sind Millionen Familien auf der Flucht, wie hier Rohingya-Kinder aus Myanmar im Flüchtlingslager Kutupalong.
Kinder hinter Zäunen: Weltweit sind Millionen Familien auf der Flucht, wie hier Rohingya-Kinder aus Myanmar im Flüchtlingslager Kutupalong.

Die Bilder der Flucht der Rohingya in wackligen Booten bleiben im Gedächtnis. Andere Notlagen werden kaum beachtet.

shz.de von
19. Juni 2018, 14:06 Uhr

Genf/Johannesburg | Konflikte, Kriege und Verfolgung - wegen verheerender Krisen in aller Welt steigt die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen jedes Jahr. Wenn man die 40 Millionen Binnenvertriebenen berücksichtigt, rückt die 70-Millionen-Marke bereits in Sichtweite. In Europa schüren Populisten den Eindruck, die Bürde trügen vor allem reiche Länder. Tatsächlich finden die allermeisten Flüchtlinge in ärmeren Ländern Zuflucht, vor allem in Afrika und im Nahen Osten.

Die großen Fluchtkrisen des vergangenen Jahres im Überblick:

Bangladesh

Übersicht über das Rohingya-Flüchtlingslager Thaingkhali (Bangladesch) im November 2017. Foto: dpa/Nick Kaiser
dpa/Nick Kaiser
Übersicht über das Rohingya-Flüchtlingslager Thaingkhali (Bangladesch) im November 2017. Foto: dpa/Nick Kaiser

Als am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise der Welt bezeichneten die Vereinten Nationen 2017 die Lage der Rohingya, die nach Einschätzung der UN Opfer einer ethnischen Säuberung wurden. Innerhalb weniger Wochen flohen mehr als eine halbe Million Angehörige der muslimischen Minderheit vor Militärgewalt in ihrer Heimat Myanmar ins Nachbarland Bangladesch - eines der ärmsten und am dichtesten besiedelten Länder der Welt. Dort harren inzwischen fast eine Million Rohingya aus, viele davon im weltgrößten Flüchtlingslager Kutupalong. Eine längst vereinbarte Rückkehr der Flüchtlinge kam bislang nicht zustande.

Kongo

Ein Flüchtlingsdorf im Kongo. Laut Helfern herrscht in dem zentralafrikanischen Staat die weltweit schlimmste Flüchtlingskrise: 2017 waren Millionen Menschen auf der Flucht. Foto: dpa/Christian Jepsen/Norwegian Refugee Council NRC
dpa/Christian Jepsen/Norwegian Refugee Council NRC
Ein Flüchtlingsdorf im Kongo. Laut Helfern herrscht in dem zentralafrikanischen Staat die weltweit schlimmste Flüchtlingskrise: 2017 waren Millionen Menschen auf der Flucht. Foto: dpa/Christian Jepsen/Norwegian Refugee Council NRC

Neue Konflikte im zentralafrikanischen Riesenreich Kongo haben 2017 eine Massenflucht ausgelöst. Die Zahl der Binnenflüchtlinge verdoppelte sich auf rund 4,4 Millionen. Brisant ist die Lage vor allem in der zentralen Region Kasai und im rohstoffreichen Osten des Landes. Ende 2017 waren über 620.800 Kongolesen ins Ausland geflohen, etwa die Hälfte Kinder. Jetzt sind es schon 750.000. Umgekehrt nahm das Land 2017 fast 540.000 Flüchtlinge aus anderen Staaten auf. Der Kongo "ist eine der kompliziertesten, herausforderndsten, langwierigsten und am meisten vergessenen Krisen", erklärt das UNHCR.

Syrien

Der 70-jährige syrische Flüchtling Mohammad steht vor seinem Zelt in dem Flüchtlingslager 053 in dem libanesischen Dorf Minyara. Foto dpa/Marwan Naamani
dpa/Marwan Naamani
Der 70-jährige syrische Flüchtling Mohammad steht vor seinem Zelt in dem Flüchtlingslager 053 in dem libanesischen Dorf Minyara. Foto dpa/Marwan Naamani

Der Krieg in Syrien hat zur weltweit größten Flüchtlingskatastrophe geführt. Ende 2017 hatten mehr als 6,3 Millionen Menschen das Land verlassen, das war fast jeder dritte ins Ausland Geflohene weltweit. Die meisten flohen in die Nachbarländer Türkei, Libanon und Jordanien. Nimmt man die Binnenflüchtlinge hinzu, dann sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) rund elf Millionen Syrer betroffen - mehr als die Hälfte der Bevölkerung.

Südsudan

Flüchtlinge aus dem Südsudan sitzen im Flüchtlingslager Bidi Bidi in Yumbe (Uganda) zusammen. Foto: dpa/Benoit Doppagne/BELGA
dpa/Benoit Doppagne/BELGA
Flüchtlinge aus dem Südsudan sitzen im Flüchtlingslager Bidi Bidi in Yumbe (Uganda) zusammen. Foto: dpa/Benoit Doppagne/BELGA

Das jüngste Land der Welt ist Schauplatz massiver Vertreibung. Jeder dritte Südsudanese ist wegen der Gewalt in dem ostafrikanischen Bürgerkriegsland auf der Flucht. Rund 2,4 Millionen flohen in Nachbarländer, vor allem nach Uganda, Sudan und Äthiopien. Fast zwei Drittel der Flüchtlinge sind Kinder. Im Land selbst sind knapp zwei Millionen Menschen auf der Flucht. Hintergrund ist ein Bürgerkrieg, der 2013 - nur zwei Jahre nach der Unabhängigkeit - ausbrach. Der Konflikt hat auch zu einer Hungerkrise geführt.

Jemen

Aus ihrer Heimatregion vertrieben: Familien schlafen neben einer Straße in Sanaa, Jemen. Foto: dpa/EPA/YAHYA ARHAB
dpa/EPA/YAHYA ARHAB
Aus ihrer Heimatregion vertrieben: Familien schlafen neben einer Straße in Sanaa, Jemen. Foto: dpa/EPA/YAHYA ARHAB

Beim Bürgerkrieg im Jemen sprechen die UN derzeit von der weltweit größten humanitären Katastrophe. Rund drei Viertel der Bevölkerung sind auf Hilfe von außen angewiesen. Rund 200.000 Jemeniten sind ins Ausland geflohen. Doch noch mehr Menschen fliehen in den Jemen: Sie kommen über die Meerenge vom Horn von Afrika. Viele versuchen von dort, in die reichen Golfstaaten weiterzukommen.

Libyen

Frauen sitzen im Auffanglager für Flüchtlinge in Misrata (Libyen), einer alten Schule. Foto: dpa/Benno Schwinghammer
dpa/Benno Schwinghammer
Frauen sitzen im Auffanglager für Flüchtlinge in Misrata (Libyen), einer alten Schule. Foto: dpa/Benno Schwinghammer


Besonders für Migranten aus Afrika ist Libyen das Sprungbrett nach Europa. Zwar sind die Ankunftszahlen der Flüchtlinge auf der Mittelmeerroute zuletzt stark zurückgegangen, aber nach Schätzungen könnten sich immer noch bis zu eine Million Migranten in Libyen aufhalten. Schlepperbanden nutzen das Chaos in dem Bürgerkriegsland aus. Viele Afrikaner werden in teils unmenschlichen Zuständen festgehalten und eingesperrt. Menschenrechtler beklagen Folter. Seit 2017 hat die IOM mehr als 23.500 Afrikaner in ihre Heimat- oder in Drittländer gebracht.

Mittelamerika

Eine Gruppe von abgeschobenen Mexikanern warten in Tijuana (Mexiko) darauf, dass sie an der Reihe sind, um in die Flüchtlingsunterkunft zu kommen. Foto: dpa/Luis Alonso Pérez
dpa/Luis Alonso Pérez
Eine Gruppe von abgeschobenen Mexikanern warten in Tijuana (Mexiko) darauf, dass sie an der Reihe sind, um in die Flüchtlingsunterkunft zu kommen. Foto: dpa/Luis Alonso Pérez

Zahlreiche Menschen aus Mittelamerika fliehen jedes Jahr vor Gewalt und Armut in ihren Heimatländern. Das UNHCR hatte Ende 2017 rund 294.000 Menschen aus der Region als Flüchtlinge registriert, 58 Prozent mehr als im Vorjahr. Die meisten Migranten versuchen, über Mexiko in die USA zu gelangen.

Afghanistan

Zwei Mädchen laufen durch das Flüchtlingslager Darul-Aman für Binnenvertriebene in Kabul. Foto: dpa/Hannibal
dpa/Hannibal
Zwei Mädchen laufen durch das Flüchtlingslager Darul-Aman für Binnenvertriebene in Kabul. Foto: dpa/Hannibal

In Afghanistan sind wegen des sich verschärfenden Krieges mit den radikalislamischen Taliban allein im vergangenen Jahr mehr als 450.000 Menschen aus ihren Dörfern und Städten vertrieben worden. Seit Jahresanfang sind nochmals 100.000 Menschen geflohen. Dazu kommen Hunderttausende afghanische Flüchtlinge, die seit 2016 vor allem aus Pakistan zurückgeschickt werden. Hunderttausende Afghanen haben auch im Iran und in Europa Zuflucht gesucht.

Venezuela

Venezolaner verlassen vollbepackt ihr Land. Die kolumbianische Regierung gewährt 150 000 bis 200 000 geflüchteten Menschen einen Sonderaufenthaltsstatus. Foto: dpa/Juan Pablo Cohen/colprensa
dpa/Juan Pablo Cohen/colprensa
Venezolaner verlassen vollbepackt ihr Land. Die kolumbianische Regierung gewährt 150 000 bis 200 000 geflüchteten Menschen einen Sonderaufenthaltsstatus. Foto: dpa/Juan Pablo Cohen/colprensa

Angesichts der humanitären Krise in Venezuela verlassen immer mehr Menschen das Land. 1,6 Millionen Venezolaner leben nach IOM-Angaben bereits im Ausland. Die venezolanische Opposition geht sogar von bis zu vier Millionen aus. Der Flüchtlingsstrom hält weiter an. Laut einer Gallup-Studie wollen 41 Prozent der Venezolaner ihre Heimat verlassen. Bis 2014 lag ihr Anteil noch unter 15 Prozent.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen