Getötete Radfahrer in 2018 : Wie der Abbiegeassistent Leben retten könnte

Das Zusammentreffen mit einem LKW endet für Radfahrer oft tödlich.
Das Zusammentreffen mit einem LKW endet für Radfahrer oft tödlich.

Für einen Lastwagenfahrer bedeutet Abbiegen Stress – jeder Fehler kann tödlich sein. Abbiegeassistenten können helfen.

shz.de von
10. Juli 2018, 14:37 Uhr

Hamburg | Montag, 4. September 2017: An der Kreuzung Husumer Straße / Schützenkuhle in Flensburg überrollt ein Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen einen 14-Jährigen, der auf dem Fahrrad die Kreuzung überquert. Der Junge stirbt wenig später an seinen schweren Verletzungen.

Der tragische Unfall ist kein Einzelfall: So oder so ähnlich sind in diesem Jahr laut Zahlen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) schon 23 Radfahrer in Deutschland ums Leben gekommen. In Köln und Leipzig sind allein bis Ende Juni drei Menschen durch abbiegende Lkw zu Tode gekommen, wie unsere Karte zeigt.

"Abbiegende Lkw sind eine Todesfalle für Radfahrende", sagt ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork. "Der Verkehr auf unseren Straßen ist für Radfahrende knallhart – so hart, dass oft nur Hochleistungs-Radfahrer eine Chance haben, an Kreuzungen schnell genug weg zu kommen, um nicht von Lkw niedergemäht zu werden." Der Ruf wird lauter, Abbiegeassistenten zur Pflicht zu machen – zumal in den Städten immer mehr Radfahrer und Lastwagen unterwegs sind. Nach Angaben der Unfallforschung der Versicherer (UDV) könnten so jährlich fast 200 Unfälle mit getöteten oder schwer verletzten Radfahrern verhindert werden.

Wie funktioniert ein Abbiegeassistent?

Schwere Lkw haben heute sechs Außenspiegel, zwei links, drei rechts, einen vorn. Mercedes-Entwickler Mathias Lichter sagt: "Theoretisch gibt es keinen toten Winkel mehr", also Bereiche neben dem Lastwagen, die der Fahrer nicht einsehen kann. "Aber theoretisch gibt es auch keine Unfälle." Warum es praktisch anders ist? "Der Mensch hat leider nur zwei Augen, im Idealfall hätte er zehn", sagt Lichter. "Dann könnte er in alle Spiegel gleichzeitig sehen."

Helfen soll ein unscheinbarer schuhkartongroßer schwarzer Block. Darin: zwei Radar-Geräte. Sie erfassen die Längsseite des Lastwagens, dreieinhalb Meter werden überwacht. Ob Mensch oder Poller – steht beim Abbiegen etwas im Weg, leuchtet das Warndreieck am rechten Rahmen der Frontschreibe und im Armaturenbrett. Kommt der Lastwagen dem Hindernis näher, piept es – ähnlich der Einparkhilfe im Auto.

Die Unfallforschung der Versicherer glaubt, dass solche Helfer jedes Jahr knapp 200 Unfälle mit getöteten oder schwer verletzten Radfahrern verhindern könnten.

Warum gibt es sie nicht in jedem Lastwagen?

Union und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, dass sie Abbiegeassistenten verbindlich vorschreiben wollen. Der Bundesrat fordert zusätzlich eine Nachrüstpflicht. Die EU will eine Pflicht für neue Lkw erst ab 2022 erlassen. Das dauert Bundesverkehrsminister Andras Scheuer zu lang. "Technisch ist es machbar. Deswegen müssen wir jetzt Tempo machen", sagte der CSU-Politiker im ARD-"Morgenmagazin". "Jetzt machen wir den ersten Schritt: in Deutschland zu schauen, dass alle mitmachen."

Dafür setzt sich der Minister mit Vertretern der Autoindustrie, Logistik, Prüforganisationen, Verkehrssicherheitsexperten, Autofahrer- und Fahrradfahrerclubs zusammen. Eine Verordnung, die Abbiegeassistenten in Lkw verbindlich machen, kann Scheuer durch die ausstehende EU-Regelung nicht erlassen.

Deswegen geht es derzeit nur um einen freiwilligen Einbau. Unternehmen sollen sich verpflichten, ihre Lkw-Flotten mit solchen Assistenten nachzurüsten. "Es dreht sich da um ein System, dass 800, 900, 1300 Euro kostet. Es gibt in Deutschland einige Hersteller, die diese Systeme nachrüsten", sagte Scheuer. Der Minister kündigte an, er wolle sich bei den Verhandlungen über den Haushalt 2019 für einen neuen Fördertopf für Nach- und Umrüstungen von Lastwagen mit elektronischen Abbiegeassistenten einsetzen. Angaben zum möglichen Fördervolumen machte er nicht.

Unfälle mit Lkw sind für Fahrradfahrer am gefährlichsten, wie die Statistik zeigt.

 

Bis der Abbiegeassistent wirklich in jedem Lkw zu finden sein wird, rät die Deutsche Verkehrswacht Fahrradfahrern zur Vorsicht. Um Abbiege-Unfälle zu vermeiden sei es wichtig, sich zu verständigen und möglichst Sichtkontakt herzustellen. Wer unsicher ist, ob der Lkw-Fahrer ihn bemerkt hat, sollte zu seiner eigenen Sicherheit nicht auf seinen Vorrang als Geradeausfahrender bestehen, sondern stehen bleiben und warten, bis der Lastwagen oder das Auto abgebogen ist.

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