Historische Bücher haben Konjunktur : Bestseller zur deutschen Geschichte stammen oft aus England – warum?

Neil MacGregor nutzt Gegenstände wie VW Käfer und Napoleons Hut, um Geschichte zu erklären. Foto: Paul Zinken/dpa
Neil MacGregor nutzt Gegenstände wie VW Käfer und Napoleons Hut, um Geschichte zu erklären. Foto: Paul Zinken/dpa

Fast alle neueren Werke zur deutschen Geschichte, die in Buchmarkt und Fachwelt breite Beachtung finden, stammen aus England. Warum?

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29. Juli 2018, 13:41 Uhr

Flensburg | Machte Paul Kennedy den Anfang? Vor 30 Jahren beschrieb der Brite den „Aufstieg und Fall großer Mächte“ und wies nach, was die Entstehung historischer Weltereiche begünstigte und zu ihrem Scheitern beitrug. Das Buch wurde ein Weltbestseller. Freiheiten und ein florierendes Wirtschaftssystem zählten zu den wesentlichen Wachstumsgründen, Selbstüberschätzung und Überdehnung stets zu den Faktoren des Zerfalls. Aber die Aussagen des Autors kamen in ihrem Fokus auf Ökonomie und Militär derart eingängig daher, dass sie einigen deutschen Historikern bis heute als zu schlicht gelten, obwohl der Zerfall der Sowjetunion kurz nach dem Erscheinen des Buches die Thesen des Forschers nahezu visionär erscheinen ließ.

Seit Kennedy machen immer wieder angelsächsische Autoren mit Bestsellern namentlich über die deutsche Geschichte auf sich aufmerksam. Wie kommt das? „Die englische Geschichtsschreibung hat einen stärker erzählenden Zug entwickelt“, sagt Eva Schlotheuber, Vorsitzende des Deutschen Historikerverandes. Sie verweist außerdem darauf, dass der Blick von außen auf ein deutsches Thema eine interessante Perspektive mit sich bringe.

Souveräne Erzähler

„Es ist der britische Stil“, glaubt auch Markus Desaga, Sprecher der Deutschen Verlagsanstalt, die innerhalb des Bertelsmann-Konzerns zahlreiche prominente Historiker verlegt. Sie verfügten über die „gewisse Souveränität, Themen nicht nur für die Zunft, sondern auch für den normalen geschichtsinteressierten Leser aufzubereiten“.

Acht Jahre nach Kennedy sorgte ein Amerikaner für einen beispiellosen Bucherfolg in Deutschland. Daniel Goldhagen schrieb über „Hitlers willige Vollstrecker“. Basierend auf Vorarbeiten über die frappierende Bereitschaft zur Brutalität in einem Polizei-Reserve-Bataillon zeigte der Soziologe, dass die These, man habe von Holocaust und Kriegsverbrechen nichts mitbekommen können, eine Ausrede gewesen sein muss. Allein die logistische Dimension des nationalsozialistischen Massenmords war zu groß dafür. Ohne unzählige Mitwisser und Mittäter und ohne Teilhabe normaler Bürger sei er unmöglich gewesen.

Die Fachwelt reagierte – abermals – zurückhaltend auf das anklagend geschriebene Buch. Aber Goldhagen entfaltete eine Breitenwirkung, der sich deutsche Historiker mit Arbeiten zur NS-Zeit nur bedingt rühmen können.

Unorthodoxe Thesen

Überhaupt, die deutschen Themen. Gerade bei ihnen fällt auf, dass zentrale Beiträge aus Großbritannien stammen. Der Militärhistoriker Antony Beevor schilderte die Schlacht von Stalingrad und den Kampf um Berlin und schuf Werke, die Jahrzehnte Bestand haben. John Keegan, Beevors Lehrer, erntete Protest, als er eine kühne Verbindungslinie vom totalen Krieg zum absoluten Krieg zog, wie ihn der preußische Stratege Carl von Clausewitz als ratsam dargelegt hatte. Cambridge-Professor Richard J. Evans schrieb eine maßgebliche und vielfach übersetzte Trilogie über das Dritte Reich.

Zuletzt war es Ian Kershaw, der mit „Hollensturz“ die mitteleuropäische Geschichte von 1919 bis 1949 prägnant darstellte und eine weltbekannte Hitler-Biografie verfasste. Oder der in Cambridge lehrende Preußen-Spezialist Christopher Clark, der in „Schlafwandler“ unter großer Beachtung gegen die vorherrschende Auffassung der deutschen Alleinschuld am Ersten Weltkrieg anschrieb und für seine unorthodoxe These viel Kritik einstecken musste.

Dann ist da noch Neil MacGregor. Er konzipierte als Direktor des Britischen Museums eine Ausstellung, wie sie Deutschland nie gesehen hatte. Exponate von Reichskrone bis VW Käfer führten den Besucher in die Geschichte des Landes ein, und zwar so gut, dass der Schotte Gründungsintendant des Humboldt-Forums in Berlin wurde. Während sich das Deutsche Historische Museum schwertut, nachhaltig Beachtung zu finden, publizierte MacGregor seine Collage mit „Erinnerungen einer Nation“ als Buch, während der Brite Timothy Garton Ash für seine Publikationen zur Europäischen Geschichte den Aachener Karlspreis erhielt.

Lieber ohne Hollywood

Das letzte Beispiel: Weil vor hundert Jahren der Erste Weltkrieg endete, liegt in den Auslagen derzeit ein lesenswertes Buch über die Zarendynastie Romanow. Deren Thronfolger haben seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ausnahmslos Prinzessinnen aus den deutschen Familien Hollywood? Die deutsche Zunft würde sich abwenden. „Ich glaube, in Deutschland gibt es nicht wenige Historiker, die sich bewusst nicht in die Niederungen des Marktes begeben wollen“, meint Desaga. „Wer es doch tut, muss mit Anwürfen rechnen.“

Klaus Kowalke, Historiker, Buchhändler und Landesvorstand im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, verweist immerhin darauf, dass die „gewohnte ,deutsche‘ Gründlichkeit“ auch Vorteile habe. Thesen würden fundiert untermauert und exakt ausgedrückt. Das geschehe auf Kosten der Eleganz. „Es liegt quasi in der Natur deutschsprachiger Geisteswissenschaftler ,staubtrocken‘ rüberzukommen.“

„Es liegt am System, nicht an den Genen“, verteidigt auch Verlagsmann Desaga die deutschen Autoren und verweist auf Frank Trentmann, der ebenso erfolgreich wie unterhaltsam über die Geschichte des Konsums geschrieben hat. Aber: Trentmann lehrt in London, ebenso wie Nicolaus Wachsmann, der 2016 nach zehnjähriger Arbeit ein Standardwerk über das System der Konzentrationslager vorlegte – zu einem Zeitpunkt, als die Historiker seiner deutschen Heimat meinten, auf diesem breit erforschten Feld seien kaum mehr relevante Arbeiten möglich.

Ändert sich etwas? Degasa ist skeptisch. Zu festgefahren seien die Verhältnisse. Kowalke verbreitet größere Zuversicht und nennt als Beispiel Leonhard Horowski und sein Buch „Das Europa der Könige“: „Was für ein Wurf, was für ein Panorama, was für eine Geschichtserzählung!“ Ebenso lobt er Barbara Stollberg-Rilingers Biographie über Maria Theresia, die auch Historiker-Vorsitzende Schlotheuber sehr empfiehlt. Für Kowalke ist es „eine erzählerische Meisterleistung“. Auch Johannes Frieds Biographie über Karl den Großen fällt ihm ein, die wie ein Roman daherkomme. Kurz, es gebe auch im deutschsprachigen Raum Autoren mit dem Mut, die angelsächsische erzählerische Tradition in der historischen Forschung zu pflegen – oder die sie gerade für sich entdecken?

Fixiert auf Nazi-Zeit

Schlotheuber würde sich derweil wünschen, dass sich nicht nur die Sprache, sondern auch die Themenwahl deutscher Autoren – und Leser – weiterentwickelt. Während in England ein tiefes Interesse an der Geschichte in der Gesellschaft verwurzelt sei, konzentriere sich die Aufmerksamkeit in Deutschland auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. „So wichtig die Reflexion und ein tiefergehendes Verständnis der Ursprünge und Dynamik des Nationalsozialismus – heute vielleicht mehr denn je – sind, würde ich mir wünschen, dass auch wir unseren Interessenshorizont wieder weiten für die ganze Breite einer faszinierenden und vielschichtigen Geschichte, die unseren eigenen Zeithorizont bedeutsam zu erweitern und zu bereichern vermag“, wirbt die Historikerin für mehr Mut nicht nur im Erzählstil, sondern in der Wahl der Themen.

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