Schiff mit vier Säuglingen : Deutsche "Lifeline" weiter auf See: "Lage könnte lebensgefährlich werden"

'Bereits jetzt ist die hygienische und medizinische Situation prekär', sagte die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Luise Amtsberg über ihren Besuch auf der 'Lifeline'.
"Bereits jetzt ist die hygienische und medizinische Situation prekär", sagte die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Luise Amtsberg über ihren Besuch auf der "Lifeline".

Die Situation auf dem deutschen Schiff spitzt sich zu. Unter den 230 Menschen befinden sich auch vier Säuglinge.

shz.de von
25. Juni 2018, 13:16 Uhr

Valletta | "Die Menschen sitzen dicht gedrängt an Bord. Das Wetter soll sich morgen ändern", berichtet zu Wochenbeginn der Grünen-Parlamentarier Manuel Sarrazin, der in der Nacht zum Montag auf dem Schiff war.

Am Donnerstag hatte das Schiff der Dresdner Hilfsorganisation Mission Lifeline nach eigenen Angaben die mehr als 220 Menschen in internationalen Gewässern zwischen Libyen und der italienischen Insel Lampedusa gerettet. Unter ihnen sind nach Angaben von Kapitän Claus-Peter Reisch auch vier Säuglinge mit ihren Müttern. In einem am Wochenende veröffentlichten Video berichtete er, dass sich das Schiff immer noch in der Nähe von Malta in Warteposition befinde. "Es scheint, als ob die Weltpolitik auf dem Rücken dieser Menschen ausgetragen werden soll", sagte er und betonte, dass Lebensrettung aus Seenot kein Verbrechen sei – "sondern eine gesetzliche Pflicht". Eine Rückführung der Menschen nach Libyen sei gegen die Genfer Flüchtlingskonvention.

Die Lage könnte so sowohl für die deutsche Besatzung als auch für die Flüchtlinge an Bord lebensgefährlich werden, sagte Manuel Sarrazin nach seinem Besuch. "Wenn das Wetter schlecht ist, haben wir eine Seenotsituation. Es besteht konkrete Gefahr auch für deutsche Staatsbürger."

Nach seinen Angaben sind 17 deutsche Besatzungsmitglieder an Bord. Bislang hat sich kein Land bereit erklärt, dem Schiff einen Hafen zu öffnen. "Der Kapitän hat seit Tagen keine Anweisungen mehr erhalten", sagte Sarrazin. Mit der Verzögerungstaktik riskiere man, dass die Lage "eskaliert".

Die Bundesregierung müsse sich für die Menschen einsetzen, sagte die Grünen-Abgeordnete, Luise Amtsberg, die ebenfalls auf der "Lifeline" war. "Es muss für diese Menschen sofort eine Lösung geben." Es dürfe nicht sein, dass der politische Streit in der EU, aber auch zwischen CDU und CSU in Deutschland dazu führe, dass Menschen in Lebensgefahr gerieten.

Die "Lifeline" liegt laut Aussagen der Abgeordneten rund 50 Kilometer vor der maltesischen Küste. Malta fühlt sich aber nicht zuständig für die Rettung. Und in Italien wollen die neue populistische Regierung und der rechte Innenminister Matteo Salvini privaten Hilfsorganisationen das Anlegen komplett verbieten. Er drohte ihnen mit der Beschlagnahmung der Schiffe und der Festnahme der Besatzung. "Sie riskieren das Leben der Migranten auf den Schlauchbooten, hören nicht auf die italienischen und libyschen Behörden und intervenieren, um diese wertvolle Ware von Menschen – von Menschenfleisch – an Bord zu laden." Für ihn sind die NGOs "Vize-Schlepper", die Geld mit den Migranten machen wollen.

Seenotretter sehen einen direkten Zusammenhang zwischen den vielen Toten und der Abweisung privater Rettungsboote in Italien. "220 Menschen sterben innerhalb von drei Tagen und Matteo Salvini redet von "Menschenfleisch", verheerend", twitterte die deutsche Organisation Sea-Eye, die ihre Rettungsmission im Mittelmeer mittlerweile abgebrochen hat.

Ein weiteres Schiff mit im Mittelmeer geborgenen Migranten wartet derweil auf die Einfahrt in einen Hafen in Italien. Das dänische Containerschiff mit 113 Flüchtlingen an Bord erwarte Anweisungen, wie ein Sprecher der Maersk Line am Samstag sagte. Die "Alexander Maersk" sei vor der Küste Siziliens. Auch am Sonntagmorgen war nicht klar, wann das Boot anlegen darf. Der Unternehmenssprecher sagte, die Migranten seien am Freitag gerettet worden, nachdem die italienische Küstenwache Maersk alarmiert hätte.

Italienische Medien zeigten ein Video, wie die Migranten teils in Wärmedecken draußen auf dem Schiff warten. Die "Maersk" sei vor dem Hafen von Pozzallo. Eine Schwangere mit ihrer kleinen Tochter und zwei weitere Kinder und eine Frau seien als Notfälle an Land gebracht worden, schrieb die Nachrichtenagentur Ansa.

1000 Tote im Mittelmeer seit Anfang des Jahres

Nach Angaben des UNHCR steigt die Zahl der Toten im Mittelmeer seit Anfang des Jahres mit den geschätzten 220 Toten nun auf über 1000. Unter anderem am Dienstag war ein Holzboot gesunken. Nach Schätzungen sollen 100 Menschen an Bord gewesen sein, aber nur fünf hätten das Unglück überlebt. Die libysche Küstenwache habe sie gerettet. Am selben Tag sei ein Gummiboot mit 130 Menschen an Bord gesunken. Fischer hätten nur 60 der Bootsinsassen retten können. Am 20. Juni hätten andernorts auf See gerettete Flüchtlinge und Migranten von 50 Mitreisenden berichtet, die ertrunken seien.

Viele Flüchtlinge sitzen in Libyen fest, wo sie nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen Folter und Vergewaltigungen ausgesetzt sind. Für die meisten Migranten ist es keine Option, aus Libyen in ihre Heimatländer zurückzukehren, weshalb sie trotz schlechter Aussichten den Weg übers Mittelmeer wagen. Vor allem im Sommer legen viele Boote aus dem Bürgerkriegsland Libyen ab. Die libysche Küstenwache nahm zum Beispiel am Donnerstag innerhalb eines Tages nach eigenen Angaben 680 Migranten im Mittelmeer auf.

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