#wirsindmehr : Auch das ist Chemnitz: Mehr als 65.000 Menschen besuchen Konzert gegen rechts

Mehr als 65.000 Menschen versammelten sich am Montag auf dem Platz vor der Johanniskirche in Chemnitz. Foto: Christopher Chirvi
Mehr als 65.000 Menschen versammelten sich am Montag auf dem Platz vor der Johanniskirche in Chemnitz. Foto: Christopher Chirvi

Nach dem Ende des Konzerts räumen einige Demonstranten selbst auf. Eine Szene, die typisch ist für diesen Abend.

shz.de von
04. September 2018, 12:08 Uhr

Chemnitz | Es ist ganz am Ende des Abends, das Konzert ist gerade beendet: Junge Leute räumen Glasflaschen vom Asphalt, noch bevor sich die Straßenreinigung an die Arbeit macht, und stellen sie auf die Rasenflächen, damit nichts unnötig zu Bruch geht. "Kommt, helft schnell mit" ruft ein junges Mädchen anderen Besuchern zu, die sich sofort an die Arbeit machen. Es ist eine Szene, die typisch ist für diesen Abend: Mehr als 65.000 Menschen hatten die Stunden zuvor gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt demonstriert - und es war friedlich geblieben.



Unter dem Motto #wirsindmehr hatte die Chemnitzer Band Kraftklub befreundete Musiker, wie die Toten Hosen, Feine Sahne Fischfilet, K.I.Z, Casper und Marteria, in ihre Heimatstadt eingeladen, um gemeinsam wieder ein anderes Bild auf diese Stadt im Süden Sachsens zu werfen, von der in den vergangenen Tagen so viele negative Schlagzeilen ausgingen. Ursprünglich geplante Gegenveranstaltungen des ausländer- und islamfeindlichen Bündnisses Thügida und der rechten Bewegung Pro Chemnitz hatte die Stadt nicht genehmigt.

Liveticker zum Nachlesen: #WirSindMehr-Konzert endet mit spektakulären Gästen beim Tote-Hosen-Auftritt

Und sie waren tatsächlich mehr: Schnell zeigte sich, dass viele Menschen dem Aufruf folgen würden, für ein friedliches Miteinander zu demonstrieren. Das Konzert wurde vom Karl Marx Monument auf den deutlich größeren Platz vor der Johanniskirche verlegt, noch kurz vor Konzertbeginn waren die Autobahnen rund um Chemnitz mit Besuchern aus dem gesamten Bundesgebiet verstopft, auch in der Stadt ging es nur schleichend voran.

Schweigeminute zu Konzertbeginn

Der Stimmung tat das trotzdem keinen Abbruch. Polizisten beobachteten das Geschehen lediglich vom Rand aus, eingreifen musste sie selten. Über die Straßen zogen Menschen aller Generationen – von kleinen Kindern mit bunten #wirsindmehr-Schildern bis zu denen, die die Gründung der DDR noch miterlebt hatten.



Immer wieder aber wurde auch betont, dass dies keine Party sein soll. Vor gut einer Woche war nur wenige Meter vom Geschehen ein junger Mensch ums Leben gekommen. Daniel H. wurde am Rande eines Stadtfestes erstochen, zwei Begleiter verletzt. Unter Tatverdacht stehen ein Syrer und ein Iraker. Rechte Gruppierungen, wie Pro Chemnitz und die Afd hatten die Tat zum Anlass für fremdenfeindliche Proteste genommen, die bald aus bald aus dem Ruder liefen. Es wurden in aller Öffentlichkeit Hitlergrüße gezeigt, Migranten durch die Stadt gejagt, zahlreiche weitere Menschen verletzt.



Das Konzert am Montagabend hatte mit einer Schweigeminute begonnen, bevor die Künstler die Bühne betraten. Den Abschluss des Abends bildeten die Toten Hosen. Die Düsseldorfer Band, die früher für ihre Rivalität mit den Ärzten aus Berlin bekannt war, holte an diesem Abend neben Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks auch den Ärzte-Bassisten Rodrigo Gonzalez auf die Bühne - um gemeinsam "Schrei nach Liebe“ von eben dieser Berliner Band zu singen.
 


Zum Ende des Abends hin rief Tote-Hosen-Sänger Campino in die Menge: "Wenn das hier gewaltfrei bleibt, dann haben wir 5:0 gewonnen." In Anbetracht der Menschenmassen ist das Ergebnis am Ende wahrscheinlich sogar höher ausgefallen.

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