Prozess zur Archiv-Katastrophe : Ein penibler Hamburger arbeitet Kölns größtes Trauma auf

Neun Jahre nach dem Einsturz des Stadtarchivs geht es im Strafprozess um die juristische Aufarbeitung.
Neun Jahre nach dem Einsturz des Stadtarchivs geht es im Strafprozess um die juristische Aufarbeitung.

Das Unglück hat die Mentalität der ganzen Stadt verändert. Ein Gutachter setzt die entscheidenden Puzzleteile zusammen.

shz.de von
04. Juli 2018, 17:08 Uhr

Köln | Zwischen technischen Daten und juristischen Finessen gibt es immer wieder Momente im Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs, die den Zuhörer erstarren lassen. So sagte vor einiger Zeit ein Rechtsmediziner, dass einer der beiden verschütteten jungen Anwohner wohl erst Tage später in den Trümmern starb – an Unterkühlung oder Flüssigkeitsmangel. 24 Jahre wurde er alt. Er hatte sich ins Bett gelegt, und dann stürzte sein Haus ein. Mitten am Tag. Mitten in Deutschland.

Wenn man so etwas hört, dann bekommt man eine Ahnung davon, warum der Einsturz die Kölner auch mehr als neun Jahre danach immer noch beschäftigt. Man kann soweit gehen zu sagen, dass das Unglück die Mentalität der Kölner nachhaltig verändert hat. Vorher schwelgten sie in einer zur Schau gestellten Lässigkeit, nach dem Motto "Et hätt noch emmer joot jejange" (Es ist noch immer gut gegangen). Seit dem Einsturz ist das so nicht mehr möglich. Es ist jetzt deutlich mehr Professionalität gefragt statt Köln-Tümelei.
 

Hauptgutachter Hans-Georg Kempfert gibt seine Einschätzung ab beim Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs.
dpa/Henning Kaiser
Hauptgutachter Hans-Georg Kempfert gibt seine Einschätzung ab beim Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs.


Penibler Hamburger arbeitet Fall auf

Das Hauptgutachten zum Archiv-Einsturz ist von einem Hamburger erstellt wurden: Professor Hans-Georg Kempfert, Bauingenieur und Geophysiker. Der 72 Jahre alte Wissenschaftler tritt genauso seriös und nüchtern auf, wie sich das anhört. Mehrere Jahre hat er auf die Erforschung der unterirdischen Unglücksstelle verwendet. Die Ergebnisse füllen mehr als 20 Aktenordner.

Seine Aussage vor Gericht begann am Mittwoch und wird mehrere Tage in Anspruch nehmen. Schon in der ersten Stunde wimmelte es von Fachbegriffen wie "Geometrie des Einbruchtrichters" und "Kulturschutt" – unter letzterem versteht man die Erdschicht aus Zivilisationsmüll, die die Kölner in 2000 Jahren aufgebaut haben. Kempferts Hauptergebnis hat der Vorsitzende Richter Michael Greve schon vorweggenommen: Ein Loch in einer unterirdischen Wand für eine neue U-Bahn-Linie hat den Einsturz ausgelöst.

Damit stützen die Nachforschungen des unabhängigen Gutachters die These der Staatsanwaltschaft, wonach das Unglück durch einen Fehler beim U-Bahn-Bau verursacht wurde. Die Verteidiger der vier Angeklagten und die beteiligten Baufirmen widersprechen. Sie glauben, dass das Archiv durch plötzliche Bodenverschiebungen eingestürzt sein könnte. Daran hätte dann niemand schuld, es wäre ein Naturereignis wie ein Erdbeben.

Fehler beim Baggern

Der Prozess ist einerseits ein hochkomplizierter Expertenstreit. Doch wenn die Staatsanwaltschaft recht hat, dann war die Sache andererseits auch wieder erschütternd banal. Dann geht das Unglück nämlich darauf zurück, dass ein Baggerführer bei Ausschachtungen an der späteren Unglücksstelle 2005 auf ein Hindernis stieß, einen Gesteinsblock. Auf Anweisung seines Vorgesetzten schlug er immer wieder mit seiner Baggerschaufel drauf, aber ohne Erfolg. Am Ende beließ man's einfach dabei. Das war, laut Staatsanwaltschaft, der Fehler, der in letzter Konsequenz zum Einsturz geführt hat.

Ein Fehler beim Baggern – und vier Jahre später zwei Tote. Und der gesamte Archivbestand in einer Wassergrube. Im Krieg ist Köln plattbombardiert worden, aber sein Archiv überstand alles unversehrt. Ein Archiv, das in Deutschland seinesgleichen nicht kannte, weil Köln im Mittelalter eine Sonderstellung einnahm: Es war die größte Stadt im Reich. Entsprechend kostbar waren die ruinierten Archiv-Akten, für deren Rekonstruktion noch 30 Jahre nötig sein sollen.
 

Auch Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs werden noch immer Archivalien restauriert.
imago stock&people
Auch Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs werden noch immer Archivalien restauriert.


Angeklagt in dem Verfahren sind "kleine Lichter". Der ehemalige Polier der Baustelle ist mittlerweile sogar so schwer erkrankt, dass er nicht mehr verhandlungsfähig ist. Aber den meisten Kölnern dürfte es sowieso nicht um Vergeltung gehen, sondern um Vergangenheitsbewältigung. Um eine peinlich genaue und damit "unkölsche" Aufarbeitung des größten Traumas in der jüngeren Geschichte dieser ältesten deutschen Millionenstadt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen