Coworking-Spaces & Co. : Freibier und Tischkicker – So sieht der Arbeitsplatz der Zukunft aus

Platz für lockeren Austausch, während oder nach der Arbeit: die Common-Area im WeWork Hamburg. Fotos:
Platz für lockeren Austausch, während oder nach der Arbeit: die Common-Area im WeWork Hamburg.

Der digitale Wandel macht auch vor dem Arbeitsplatz nicht Halt. Was sich heute schon verändert, erklärt eine Expertin.

shz.de von
15. Juli 2018, 11:32 Uhr

Hamburg | Der Arbeitsplatz ist für viele das zweite Zuhause. Kein Wunder, verbringt ein Großteil der Bevölkerung mindestens ein Drittel des Tages dort. Da will man es halt auch möglichst gemütlich und vertraut haben: Fotos von den Liebsten, die Kaffeekanne griffbereit und alles ist noch am selben Platz wie am Vortag. Was für viele – vorwiegend ältere Kollegen – traumhaft konstant klingt, ist für andere – Generation Y und jünger – bereits undenkbar. Für sie gilt oft: Hauptsache, es ist flexibel.

Wie sieht der Arbeitsplatz der Zukunft also aus? "Das lässt sich so pauschal gar nicht sagen", erklärt Anna Steidle, Professorin für Verwaltungsmanagement, insbesondere Personalmanagement sowie Führung und ergänzt: "Ebenso wie wir aktuell nicht nur den einen typischen Arbeitsplatz haben, wird es diesen in der Zukunft auch nicht geben." Dabei verweist sie auf eine aktuelle Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation, die vier Szenarien zeigt, in welche Richtung sich der Arbeitsplatz in Büros oder der Produktion entwickeln könnte.

Vorteile von Coworking-Spaces

Dabei werde im Produktionsbereich zwischen Arbeit, bei der die digitalen Systeme dem Arbeiter sagen, was er zu tun hat und Arbeit, bei der die Prozesse vollständig automatisiert sind, unterschieden. Im Fach- und Wissensbereich unterscheide man zwischen Arbeit, die zwar von Maschinen geleistet, aber von Menschen betreut und überwacht wird und flexiblen sowie innovativen Bürokonzepten wie Coworking-Spaces.

Hintergrund: Coworking ist eine neue Arbeitsform, bei der man sich einen zeitlich flexiblen Arbeitsplatz in einem offenen gestaltetem Büro anmieten kann und den Vorteil des zusammen Arbeitens (co-working) nutzen möchte.

Diese sogenannten Coworking-Spaces sind schon heute auf dem Vormarsch, auch in Deutschland. Für Steidle sind sie ein Konzept der Zukunft: "Insbesondere für Start-Ups, Freiberufler und die sogenannten Digital-Nomaden, die sich exponentiell vermehren, bieten Coworking-Spaces viele Vorteile wie soziale Kontakte, monatlich kündbar, Trennung von Arbeit und Zuhause sowie der Aufbau eines neuen Netzwerks." Aber auch für große Unternehmen sieht Steidle gewisse Reize: "Großkonzerne wollen, dass ihre Mitarbeiter von diesen innovativen Menschen sowie ihren Arbeitsmethoden in Coworking-Spaces lernen, sich etwas abgucken und an der Sinnstiftung, die dort stattfindet, Teil haben."
 

Ein Hund im Büro? Kein Problem im WeWork-Coworking-Space. Foto: WeWork
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Ein Hund im Büro? Kein Problem im WeWork-Coworking-Space. Foto: WeWork
 


Coworking-Spaces wie "WeWork" und "Mindspace" schießen nahezu monatlich aus den Böden deutscher Großstädte. München, Frankfurt, Berlin und Hamburg: Allein der Branchenführer "WeWork" zählt acht Standorte in diesen vier Städten, in denen bereits mehr als 9.000 Mitglieder täglich ihrer Arbeit nachgehen. Tendenz steigend: Im nächsten halben Jahr kommen sieben weitere Standorte hinzu.

Weltweit gibt es mehr als eine Viertelmillion "WeWork"-Mitglieder, die sich auf 283 Standorte in 73 Städten und 22 Länder aufteilen. Das größte "WeWork"-Gebäude ist der Tower 49 in New York mit 4.500 Mitgliedern.

Netzwerken leicht gemacht

Der Großteil (65 Prozent) der "WeWork"-Mitglieder in Deutschland sind Start- und Scale-Ups. Weitere fünf Prozent sind Freelancer oder Einzelunternehmer. Längst haben aber auch Großkonzerne die Vorzüge von Coworking-Spaces für sich entdeckt, erklärt Wybo Wijnbergen, Geschäftsführer "WeWork" Nordeuropa: "Auf der ganzen Welt sehen wir ein wachsendes Interesse großer Unternehmen an unserem Community Konzept. Tatsächlich sind Firmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern unser am schnellsten wachsendes Mitglieder Segment - von 2016 auf 2017 sind sie um 370 Prozent gewachsen und machen heute fast ein Drittel unserer globalen Mitglieder aus. Diese Unternehmen wollen innovativ bleiben und ihre Kultur und ihr Arbeitsumfeld zunehmend denen von Start-Ups anpassen."

Alle versprechen sie sich von der Arbeit im Coworking-Space eine möglichst große Vernetzung. Wijnbergen: "Bei WeWork haben Mitglieder im Durchschnitt Zugang zu mehr als 160 verschiedenen Unternehmen, mit denen sie potentiell zusammenarbeiten können. Und das wird durchaus auch angenommen, 70 Prozent unserer Mitglieder haben bereits mit anderen bei WeWork zusammengearbeitet.”

Täglich ab 15 Uhr gibt es Freibier in der 'Com-Area' des WeWork Stadthauses in Hamburg.
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Täglich ab 15 Uhr gibt es Freibier in der "Com-Area" des WeWork Stadthauses in Hamburg. Foto: WeWork

"WeWork" versucht diesen Prozess der Vernetzung unter den verschiedenen Mitglieder und Unternehmen durch verschiedene Angebote zu fördern. So gibt es eine große "Common-Area" in jedem "WeWork", wo große Sofas, Tischtennisplatten und Tischkicker sowie Freibier zum gemeinsamen Verweilen einladen. Hier finden beinahe täglich wechselnde Veranstaltungen statt, die sowohl unterhaltenden als auch informativen Charakter haben.

Alle Mitglieder auf der ganzen Welt können zusätzlich über die "WeWork"-App miteinander in Kontakt treten - sei es, um sich für ein Feierabendbier in einer fremden Stadt zu verabreden oder weil man Hilfe für ein Projekt braucht. “Wir sehen uns nicht als Coworking-Space sondern als Community Unternehmen, denn wir bieten weit mehr als nur Arbeitsräume und Office Services. Unsere höchste Priorität ist es, unsere über 250.000 Mitglieder zusammen zu bringen", sagt Wijnbergen.

Kurze Pausen oder Meetings können bei einer Partie Tischtennis oder Kicker verbracht werden.
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Kurze Pausen oder Meetings können bei einer Partie Tischtennis oder Kicker verbracht werden.

Das "lokale Playbook"

So global wie sich "WeWork" organisiert, so regional möchten sie sich aber auch vor Ort sein: Wybo Wijnbergen hierzu: “​Wir sind ein globales Unternehmen mit einem lokalen Playbook. Ein 'WeWork' erkennt man überall auf der Welt wieder, denn zahlreiche Elemente in der Architektur, dem Design und der Ausstattung sind identisch. Darüber hinaus möchten wir den lokalen Geschmack und regionale Partner in unser Angebot integrieren - 20 Prozent unserer Inneneinrichtung werden stets von lokalen Designern bezogen. Und auch bei Catering und Getränken arbeiten wir mit regionalen Unternehmen zusammen - In Hamburg schenken wir zum Beispiel verschiedene Sorten Ratsherren aus, in Berlin das lokale Craft Beer Brlo, in Frankfurt Henninger-Bräu und Rapps Apfelwein.”

Alles unnötiger Schickimicki? Mitnichten, meint Anna Steidle, Professorin für Personalmanagement: "Das Gehalt kann nur bis zu einem gewissen Grad motivieren. Und weil aktuell ganz viele Firmen um einen sehr kleinen Kreis von hochqualifizierten Personen buhlt, spielen eben auch solche Faktoren eine Rolle. Da kommt es natürlich immer auf den Einzelnen an, aber eine attraktive Bürofläche, flexible Arbeitszeiten oder andere spezielle Anreize können da schon gute Mitarbeiter anlocken und dafür sorgen, dass sie auch bleiben." Auf den Punkt gebracht, bedeute das: Eine Atmosphäre schaffen, in der die Mitarbeiter sich absolut wohlfühlen.

Wie sieht es in 20 Jahren aus?

Trotz der vielen Vorteile, die Coworking-Spaces für die neuen Anforderungen der digitalen und globalen Arbeitswelt ohne Zweifel bieten, sieht Steidle kein Aussterben von herkömmlichen, isolierten Büroflächen, wie wir sie kennen: "Auch in 20 Jahren wird es noch Bereiche geben, die vertrauliche Informationen behandeln. Ich glaube nicht, dass das Bereich sind, die man in solche Coworking-Spaces verlagern wird. Außerdem strebt nicht jeder Mensch nach größtmöglicher Flexibilität, auch in 20 Jahren nicht. Manche brauchen einfach diese Vertrautheit und Stabilität – selbst wenn diese Zahl im Laufe der Zeit kleiner wird."

Die Entwicklung gehe aber klar hin zu diesen Arbeitsplatz-Modellen, wie sie Unternehmen wie "WeWork" und "Mindspace" bereits praktizieren, meint auch die Expertin: "In 20 Jahren wird die Mehrheit der Wissensarbeit in solchen Coworking-Spaces stattfinden."

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