Gepanschte Krebsmedikamente : Apotheker-Verband: "Scharfe Kontrollen schaffen auch keine Sicherheit"

Der Verband der Zytostatika herstellenden Apothekerinnen und Apotheker zeigt sich schockiert und auch etwas ratlos ob der Situation. Foto: dpa
Der Verband der Zytostatika herstellenden Apothekerinnen und Apotheker zeigt sich schockiert und auch etwas ratlos ob der Situation. Foto: dpa

Nach dem Medizinskandal in Bottrop wird gefordert, die Überwachung zu verstärken. Nicht so vom Apothekerverband.

shz.de von
14. Juli 2018, 16:29 Uhr

Hamburg | Nun hat das Landgericht Essen also entschieden: Der Bottroper Apotheker Peter S., der wegen gepanschter Krebsmedikamente in 60.000 Fällen angeklagt wurde, ist schuldig. Er wurde zu 12 Jahren Haft verurteilt. Tausende Patienten in fünf Bundesländern waren wenigstens davon betroffen.

Die Dunkelziffer wird jedoch deutlich höher geschätzt. Ein Schaden von 56 Millionen Euro entstand in einem der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit. Aber was sind die Folgen dieses Urteils, können Krebskranke nun unbesorgte sein? Hat die Politik entsprechende Maßnahmen ergriffen, die Transparenz bei Krebs-Apotheken zu erhöhen, um so die Sicherheit von Millionen Krebskranken zukünftig zu gewährleisten?

Das System ist "manipulationsanfällig"

Für Prof. Dr. Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, ist der Fall des Bottroper Apothekers Peter S. "eine Katastrophe für das Vertrauensverhältnis zwischen Patient, Arzt und Apotheker". Weiterhin müsse dieser aber klar abgegrenzt werden zu den Fällen, die in dem umstrittenen Buch "Die Krebs Mafia" beschrieben werden. "Es ist ein großer Unterschied, ob jemand Absprachen trifft, um sich selbst zu bereichern, den Patienten aber dennoch medizinisch korrekt versorgt, oder den Patienten wissentlich mit gestreckter beziehungsweise gänzlich ohne die notwendige Medikation behandelt – wie es in Bottrop geschehen ist", stellt er im Gespräch mit unserer Redaktion klar.

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Nichtsdestotrotz bezeichnet auch Wörmann das aktuelle System als "manipulationsanfällig", sieht aber auch Vorteile: "Eine enge Kooperation zwischen Arzt und Apotheker ist durchaus sinnvoll, um eine qualitativ hochwertige Behandlung zu erhalten. Es gibt sehr viele Behandlungsschemata, die bei diesen Kooperationen standardisiert sind und je mehr standardisiert ist, desto geringer ist die Fehlerquote."

Forderung nach mehr Kontrollen

Um die Gesetzeslücken, wie oben beschrieben, zu schließen, fordert Wörmann größtmögliche Transparenz auf allen Seiten: "Wenn Kooperationen zwischen Ärzten und Apothekern bestehen, müssen diese offen gelegt werden. Es darf keine Vorteile oder Boni geben." Jedoch müsse auch transparent gemacht werden, wie, wann und wo kontrolliert wird. "Krebspatienten müssen darauf bauen können, dass das System funktioniert und das braucht Vertrauen, welches nur durch Transparenz wiedererlangt werden kann."

Eugen Brysch, Vorstand Deutsche Stiftung Patientenschutz,fordert daher: "Für die bundesweit 330 Schwerpunktapotheken muss es eine umfassende Überwachung und Kontrolle geben." Die neuen Transparenz-Regeln, die Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr als Reaktion auf den Bottroper Fall eingeführt hat, seien "Scheinlösungen". Apotheken, die Krebsmedikamente herstellen, müssten viermal im Jahr unangekündigt kontrolliert werden, fordert Brysch. Außerdem müssten zur Sicherung mögliche Beweise nicht verbrauchte Krebsmedikamente zentral verwahrt werden - so könnte im Nachhinein bewiesen werden, ob die vom Arzt verschriebene Wirkstoffmenge darin enthalten war.

Tatsächlich obliegt die Überwachung der Apotheken den zuständigen Behörden der Länder. Auch die Apothekerschaft sowie die Apothekenaufsicht sind föderal organisiert. Eine zentrales, bundesweites Überwachungsorgan existiert nicht, obwohl Krebsapotheken ihre Medikamente häufig in mehrere Bundesländer ausliefern, wie auch der bottroper Apotheker Peter S. dies jahrelang tat.

„Ungeheuerlicher und abgründiger Kriminalfall“

Deshalb hat Nordrhein-Westfalen nach dem Fall von Peter S. die Überwachung der Krebsapotheken per Gesetz verschärfte und beispielsweise unangekündigte Überprüfungen eingeführt. Ein notwendiger Schritt, bestätigt auch Michael Schmitz, Sprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, die von dem Fall Peter S. unmittelbar betroffen war, gegenüber unserer Redaktion. "Durch den Fall in Bottrop ist das Vertrauen vieler Patienten zerstört. Das gilt es nun zurückzugewinnen. Das ist das Wichtigste. Deshalb begrüßt die Apothekerkammer diesen Schritt ausdrücklich."



Auch der Verband der Zytostatika herstellenden Apothekerinnen und Apotheker äußert sich gegenüber unserer Redaktion schockiert über den Fall Peter S., sieht aber keine Notwendigkeit, die Kontrollen zu verschärfen: "Der Bottroper Fall war so ungeheuerlich und abgründig, als wenn ein Chirurg nachts ohne OP-Schwester und Narkose operieren würde. Es bleibt aber zweifelhaft, ob durch generelle Verschärfungen kriminelle Handlungen einzelner ausgeschlossen werden können." Schließlich könnten noch so scharfe Vorschriften und Kontrollen keine zusätzliche Sicherheit schaffen, wenn mit krimineller Energie dagegen verstoßen wird, erklärte der Verband.

Inzwischen haben die niedergelassenen Onkologen in NRW gemeinsam mit den Apothekern jedoch bereits aus eigenem Antrieb heraus ein Positionspapier erarbeitet, worin sie sich selbst zu größerer Transparenz und Qualitätssicherung verpflichten. Offensichtlich bewertet man die Situation dort anders als der Verband in Berlin. Ein Zeichen, das signalisieren soll: "Seht her, wir haben nichts zu verbergen." Prof. Dr. Bernhard Wörmann lobt den Vorstoß: "Sollte sich dieses Modell als praktikabel erweisen, wäre es wünschenswert, das auch bundesweit umzusetzen."

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