UN-Aktionstag : 40 Millionen Menschen sind weltweit Opfer moderner Sklaverei

Kinderarbeit in Ghana: Viele Jungen aus armen Familien werden an Fischer verkauft oder 'verschenkt' – in der Hoffnung, dass diese eine Ausbildung erhalten. Die geraten aber stattdessen jahrelang in Zwangsarbeit.
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Kinderarbeit in Ghana: Viele Jungen aus armen Familien werden an Fischer verkauft oder „verschenkt“ – in der Hoffnung, dass diese dort eine Ausbildung erhalten. Die meisten geraten aber stattdessen jahrelang in Zwangsarbeit.

Zwangsarbeit, Prostitution und Menschenhandel sind weltweit verboten. Und doch leben Millionen von Menschen unfrei. Das zeigt nicht nur die aktuelle Lage in Libyen.

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01. Dezember 2017, 17:07 Uhr

Sklaverei ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Dokumentiert wurden Formen der  Leibeigenschaft zumindest schon in den frühesten Hochkulturen. Auch im Alten Testament wird der Umgang mit Sklaven thematisiert. Denkt man heute an Sklaverei, so denkt man wohl zuerst an den transatlantischen Sklavenhandel der europäischen Kolonialmächte und damit an die Unterdrückung von Millionen Schwarzafrikanern, die auf dem „neuen“ Kontinent auf Plantagen arbeiten mussten.

Dieses dunkle Kapitel währte rund 400 Jahre. Erst 1865 – mit dem Ende des Bürgerkrieges – wurde auch in den Südstaaten der USA die institutionell legitimierte Sklaverei in den Industrienationen verboten. Doch das Zeitalter der Aufklärung und die offiziellen Verbote haben die Sklaverei keineswegs weltweit beseitigt. Gerade erst haben Berichte über versklavte Migranten den EU-Afrika-Gipfel in Abidjan überschattet und international für Empörung gesorgt. Auch dass die Vereinten Nationen im Jahre 2002 den 2. Dezember zum Internationalen Tag für die Abschaffung der Sklaverei erklärt haben, zeigt, wie aktuell das Problem weiterhin ist. Noch heute arbeiten Menschen in unfreien Lebens- und Arbeitsverhältnissen – und zwar nicht „nur“ in Form von Kinderarbeit oder Zwangprostitution, sondern auch im klassischen Sinne.

Was genau ist Zwangsarbeit?

Als Zwangsarbeit bezeichnen International Labour Organization und Walk Free Foundation all jene Arbeit oder Dienstleistungen, die von einer anderen Person unter Androhung von Strafe abverlangt wird und für die sich der Betroffene nicht freiwillig gemeldet hat. Zwangsarbeit ist also durch die Art der Beziehung zwischen einer Person und dem „Auftraggeber“ bestimmt und nicht durch die Tätigkeit – sei sie auch mühsam, gefährlich oder illegal.

 

40 Millionen Menschen weltweit Opfer von Sklaverei

Die International Labour Organization (ILO) und die Walk Free Foundation veröffentlichten 2017 aktuelle Zahlen zu diesem Thema. Demnach leben rund 40 Millionen Menschen weltweit unter Verhältnissen moderner Sklaverei – 25 Millionen in Form von Zwangsarbeit, 15 Millionen lebten in einer Zwangsehe, die häufig auch Zwangsarbeit mit einschließe. In den vergangenen fünf Jahren hätten sogar 89 Millionen Menschen zumindest über einen Zeitraum von einigen Tagen Formen der Sklaverei erfahren.

71 Prozent der Opfer seien Frauen und Mädchen, rund 37 Prozent Kinder. Von den 25 Millionen Zwangsarbeitern fielen 16 Millionen auf private Wirtschaft. Am häufigsten betroffen seien dabei häusliche Arbeit (24 Prozent), Baugewerbe (18 Prozent) sowie Produktion und verarbeitende Industrie (15 Prozent). 4,1 Millionen Menschen sind den Angaben zufolge zudem durch staatliche Behörden versklavt, die übrigen 4,8 Millionen sind Opfer sexueller Ausbeutung.

Regionale Verbreitung von Sklaverei

Am meisten verbreitet sei die moderne Sklaverei in Afrika (7,6 Menschen pro 1000 Einwohner). Die Asien-Pazifik-Region folge mit 6,1 pro 1000 Einwohner. In Europa und Zentralasien seien es zusammen 3,9 von 1000 Menschen.

Betrachtet man nur den Bereich der Zwangsarbeit, so ist die Asien-Pazifik-Region laut ILO trauriger Spitzenreiter (4 von 1000 Einwohnern). Auch bei den absoluten Zahlen liegt diese Region mit insgesamt 25 Millionen in moderner Sklaverei lebender Menschen weit vorne. Weil vor allem in den Arabischen Staaten wenig zuverlässige Daten vorliegen, könnten die Zahlen allerdings abweichen.

Laut dem Global Slavery Index der Walk Free Foundation arbeiten in Indien, China, Pakistan, Bangladesh und Usbekistan die meisten „modernen Sklaven“ – nämlich 58 Prozent der über 40 Millionen. Die ILO stellt darüber hinaus fest, dass jedes vierte Opfer von Zwangsarbeit dies außerhalb seines Heimatlandes wurde – wie im aktuellen Fall in Libyen.

Auch in Deutschland gibt es dem Index nach moderne Sklaverei. 14.500 Menschen leben demnach nicht selbstbestimmt. Dabei spiele Zwangsheirat eine Rolle, aber auch die Zwangsprostitution, von der vor allem russische Frauen in Deutschland betroffen seien.

Aktuelle Beispiele moderner Sklaverei

Menschenhandel in Libyen

Vor Kurzem wurde bekannt, dass viele Migranten auf dem Weg nach Europa in dem nordafrikanischen Land in einen Alptraum aus Gefangenschaft, Erpressung, Folter bis hin zum Sklavenhandel geraten. Vor einigen Tagen sorgte ein Video, das an den US-Sender CNN gelangt war, für Empörung. Darin zu sehen ist die Versteigerung von Menschen in Libyen im August 2017.

In dem Land herrschen seit dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi Gewalt und Chaos. Diese Situation nutzen Schleuserbanden und Menschenhändler aus. Frauen werden vielfach als Sexsklaven gehalten. „Wir gehen stark davon aus, dass die meisten so lange zur Prostitution gezwungen werden, bis sie sterben“, sagte Ibrahim Moussa, Psychologe der Hilfsorganisation Italienische Internationale Kooperation (COOPI).

Die EU einigte sich mit afrikanischen Staaten und den Vereinten Nationen am Rande des EU-Afrika-Gipfels in Abidjan nun auf einen Evakuierungsplan für Migranten.

Tote auf den WM-Baustellen in Katar

Seit Katar am 2. Dezember 2010 den Zuschlag für die WM 2022 bekommen hat, hagelte es Kritik. Vor allem Korruptionsvorwürfe und die fragwürdigen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen stehen im Mittelpunkt. Amnesty International hatte mehrmals die schlechten Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen angeprangert und spricht von 1200 Todesopfern.

Die Arbeiter seien einer Reihe von Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt. Sie kommen vor allem aus Nepal, Bangladesch, Indien oder Sri Lanka. In einigen Fällen sprach die Organisation auch von Zwangsarbeit. Zum Teil wurden die Pässe entzogen.

Erst im September 2017 kritisierte die Organisation Human Rights Watch, dass die Risiken der großen Hitze und Feuchtigkeit auf den Baustellen weiter ignoriert und die Ursache von Todesfällen nicht ausreichend untersucht würden.

Kinderarbeit in der Fischerei in Ghana

Eine Studie der Menschenrechtsorganisation International Justice Mission (IJM) ergab, dass allein in Ghana Zehntausende Kinder als Sklaven in der Fischerei im Lake Volta arbeiten, die jüngsten Fischer sind vier Jahre alt. Für häufig weniger als 10 Euro werden sie als billige Ware verkauft. „Die Menschenhändler auf dem Voltastausee zwingen sie erbarmungslos zu langer und harter körperlicher Arbeit auf den Fischereibooten, häufig bis zu 18 Stunden am Tag. Die Sklaverei raubt den Jungen jegliche Kindheit“, sagte Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender des deutschen Zweiges von IJM in Berlin.

Nordkoreanische Zwangsarbeiter

In keinem Land gibt es laut Index proportional zur Bevölkerungzahl mehr Sklaven als in Nordkorea (4,3 Prozent der rund 25 Millionen Einwohner). Wie die Zeit berichtete, verschachere Dikator Kim Jong-un Einwohner zudem für Zwangsarbeiten ins Ausland. 50.000 bis 100.000 Nordkoreaner sollen derzeit weltweit vermittelt worden sein. Vor Ort werden ihnen meist der Reisepass entzogen. Die Regierung verdiene damit bis zu 2,3 Milliarden Dollar jährlich. Die Zeit beruft sich auf Aussagen von UN-Ermittlern. 

Die meisten von ihnen wurden nach Russland verkauft. Wie in Katar würden auch beim Bau der WM-Stätten in Russland Zwangsarbeiter beschäftigt. Auf Befehl des nordkoreanischen Regimes, wie Investigativrecherchen des norwegischen Magazins „Josimar“ ergaben. „80 Prozent der Arbeitskräfte kommen aus dem Ausland, die meisten aus ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten wie Tadschikistan oder Usbekistan. Viele werden gar nicht bezahlt, es sind eine Menge unehrlicher und unseriöser Subunternehmen in den Prozess involviert“, erzählte ein Ingenieur den Reportern über den Bau der Zenit-Arena (Final-Spielort).

Usbekistan - Zwangsarbeit mit System

Platz 2 in der Negativliste geht an das kleine Land östlich vom Kaspischen Meer, in dem Laut Index 1,24 Millionen Menschen versklavt sind. Vor allem in der Baumwollindustrie, in der mehr als eine Millionen Menschen tätig sind, soll es demnach Zwangsarbeit und Drohungen geben.

Im Rahmen der Nachhaltigen Entwicklungsagenda (SDGs) der Vereinten Nationen hat sich die internationale Gemeinschaft verpflichtet, Sklaverei bis 2030 und Kinderarbeit bis 2025 zu beenden.

Zahl der von moderner Sklaverei betroffenen Menschen nach Regionen:

(Quelle: Global Slavery Index)
(Quelle: Global Slavery Index)
 
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