Neue Schätzungen veröffentlicht : 4,4 Millionen Kinder in Deutschland von Armut betroffen

Neuen Schätzungen zufolge sind deutlich mehr Kinder von Armut betroffen, als zunächst angenommen.
Neuen Schätzungen zufolge sind deutlich mehr Kinder von Armut betroffen, als zunächst angenommen.

Es ist ein "Armutszeugnis für ein reiches Land", betont der Deutsche Kinderschutzbund nach Veröffentlichung des Berichts.

shz.de von
22. August 2018, 16:34 Uhr

Berlin | Etwa 4,4 Millionen Kinder in Deutschland sind nach Schätzungen des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) von Armut betroffen – rund 1,4 Millionen mehr als bisher angenommen. Dies sei ein "Armutszeugnis für ein reiches Land", betonte der Verband am Mittwoch. Er forderte die Bundesregierung auf, entschlossener gegen die Kinderarmut vorzugehen. Deren Pläne etwa zur Erhöhung des Kinderzuschlags seien "völlig unzureichend".

Überforderung und Scham

Grund für die höheren Zahlen ist demnach, dass viele Familien staatliche Leistungen nicht in Anspruch nehmen, also in den Statistiken nicht erfasst werden. "Oft liegt es daran, dass die Eltern mit den bürokratischen Abläufen überfordert sind oder sich schlichtweg dafür schämen", sagte DKSB-Präsident Heinz Hilgers. Regierung und Behörden setzten auch bewusst auf den abschreckenden Faktor der Bürokratie. "Die Verschleierungsmethoden der Ministerien funktionieren gut", sagte Hilgers.

Die Bundesregierung müsse deshalb endlich handeln und die Reform des Kinderzuschlags angehen, forderte die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock. "Dazu gehört neben einer Erhöhung auf jeden Fall die automatische Auszahlung, damit die Hilfe auch da ankommt wo sie gebraucht wird: bei den Kindern." Die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Verena Bentele, meinte: "Wir fordern die Bundesregierung auf, zielgerichtet und konsequent diejenigen zu unterstützen, die unsere Zukunft sind – ohne Wenn und Aber."

Der Schutzbund bezieht sich mit seinen Zahlen unter anderem auf die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen vom 18. Juni 2018. Sogenannte aufstockende Leistungen nach Hartz IV nähmen geschätzt nur etwa 50 Prozent der Berechtigten in Anspruch. Das allein betreffe rund 850.000 Kinder unter 18 Jahren.

"Schande für die Gesellschaft"

Linken-Chefin Katja Kipping nannte die Zahlen bedrückend und sprach von einer "Schande für die Gesellschaft". „Der Kampf gegen Kinderarmut muss endlich absolute Priorität haben", appellierte Kipping an die Regierungskoalition aus Union und SPD. Der Vorsitzende der Linken-Bundestagsfraktion, Dietmar Bartsch, kritisierte: "Es ist geradezu zynisch, auf der einen Seite über den Fachkräftemangel zu schimpfen und auf der anderen Seite zuzulassen, dass Kindern gesellschaftliche Teilhabe verwehrt wird." Die Maßnahmen der Bundesregierung im Koalitionsvertrag seien völlig unzureichend.

DKSB-Präsident Hilgers sagte: "Zählen wir alles zusammen, kommen wir konservativ gerechnet auf eine Dunkelziffer von 1,4 Millionen Kindern. Alle diese Kinder sind offiziell nicht arm, doch sie fallen durch das Raster unseres Sozialstaates." Perspektivisch fordert der DKSB die Einführung einer einfachen und unbürokratischen Kindergrundsicherung.

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