Interview : 25 Jahre Scooter: H.P. Baxxter denkt nicht ans Aufhören

1993 gründete Hans Peter Geerdes „Scooter“, ein Jahr später gelang der Band mit „Hyper Hyper“ der große Durchbruch.

1993 gründete Hans Peter Geerdes „Scooter“, ein Jahr später gelang der Band mit „Hyper Hyper“ der große Durchbruch.

Der Sänger der Band „Scooter“, über Hochkultur, Rockstarallüren und den Umgang mit abfälligen Beurteilungen.

shz.de von
15. Januar 2018, 17:47 Uhr

Hamburg | Ende der Achtziger gab Hans Peter Geerdes, besser bekannt unter dem Namen H.P. Baxxter, eine Zeitungsannonce auf: „Sänger sucht Keyboarder“. Dass er damit den Grundstein für eine lange Karriere legen würde, hätte der gebürtige Ostfriese sich damals wohl nicht träumen lassen. 1993 gründete er „Scooter“, ein Jahr später gelang der Band mit „Hyper Hyper“ der große Durchbruch.

Für ihren Rumms-Rumms-Kirmes-Techno mussten Scooter viel Häme einstecken – und trotzdem sind sie mit über 30 Millionen verkauften Tonträgern eine der erfolgreichsten deutschen Bands. Zu ihrem 25-jährigen Bestehen haben sie sich etwas Besonderes einfallen lassen: Für ihr Box-Set „100% Scooter – 25 Years Wild & Wicked“ hat Echo-Klassik-Gewinnerin Olga Scheps elf Scooter-Songs auf dem Piano eingespielt.

H.P. Baxxter, wie fühlte es sich an, Songs von Scooter zum ersten Mal auf dem Piano zu hören?
Mich hat das echt berührt! Ich hatte mich vorher schon gefragt, ob eine Pianistin mit Scooter überhaupt etwas anfangen kann. Umso begeisterter bin ich von dem Ergebnis. Ich habe die Schallplatte mit nach Hause genommen, auf den Plattenspieler gelegt und es genossen. Dabei habe ich das Buch aus der Box durchgeblättert – vom ersten Scooter-Pressefoto bis zu Bildern von heute. Im alltäglichen Trubel nimmt man ja gar nicht wahr, wie lange das schon geht. Aber in dem Moment wurde ich echt melancholisch. Die Songs sind toll arrangiert und richtig gefühlvoll.

Olga Scheps spielt sonst Chopin. Wurden Scooter-Kompositionen all die Jahre unterschätzt? Sind Ihre Songs in Wirklichkeit Hochkultur?
Ich weiß nicht. Manchmal ist das vielleicht eher eine Sache von Unverständnis: Wenn man etwas nicht versteht, sagt man schnell „Das gefällt mir nicht“. Ich kann das den Leuten nicht mal verübeln – mir ging es mit der Oper ja auch so. Was ich eher unangenehm finde, ist, wenn eine Meinung kritiklos übernommen wird. Einer sagt, dass etwas Schrott ist, und alle schießen sich drauf ein. Bis jemand vom Feuilleton plötzlich schreibt, dass es doch gar nicht so schlecht ist und alle ihre Meinung ändern. Wie eine Schafherde (lacht). Die Band The KLF hat deshalb mal eine Pressekonferenz vor einer Schafherde abgehalten. Ernsthaft, als Inszenierung. Ich fand das wahnsinnig cool.

So erfolgreich Scooter auch waren: Sie mussten im Laufe der Jahre viel Häme einstecken. Macht Ihnen Kritik noch etwas aus?
Nein, auch früher hat mich das nicht wirklich berührt. Es war eher nervig, wenn immer wieder dieselben Sprüche kamen. Mich hat das aber eher angestachelt. Nach dem Motto: Jetzt erst recht! Im Endeffekt hat es mir Kraft gegeben. Ich denke, wenn man von allen hochgejubelt wird, ist der Druck noch viel größer.

Sie sind jetzt 53 Jahre alt, Scooter gibt es fast die Hälfte Ihres Lebens. An welche Momente denken Sie besonders gerne zurück?
Das erste Mal in den Charts aufzutauchen, war irre. Und dann ging es ja weiter mit Gold- und Platinauszeichnungen. So toll wie bei der ersten Goldenen Schallplatte wird das Gefühl nie wieder. Irgendwann gewöhnt man sich dran. Deswegen waren unsere Anfänge eine sehr intensive Zeit. Toll war aber auch, als unsere Konzerte größer wurden. Früher waren das eher Diskotheken-Auftritte, nichts Spektakuläres. Aber wir haben das immer weiter ausgebaut. Ich weiß noch, wie wir das erste Mal in einem Stadion aufgetreten sind – das war ein Gefühl! Da ging mir wirklich die Düse.

Zumal es das Stadion ihres Lieblingsvereins war – das vom HSV…
Ich bin gar nicht so der Fußballfan, ich gehe gelegentlich mal hin. Aber ich finde es natürlich klasse, dass wir da den Tor-Song gemacht haben. Immer wenn ein Tor fällt, spielen die Scooter. Ich gehe aber auch gerne zum FC St. Pauli, weil die Stimmung da super ist.

Hatten Sie eigentlich schon früh den Wunsch, Musik zu machen?
Ich habe tatsächlich schon in der Schule angefangen. Meinen ersten Gitarrenunterricht hatte ich bei meiner Oma: deutsche Volkslieder. Irgendwann habe ich dann eine E-Gitarre bekommen. Mit 13 hatte ich die erste Schülerband und zwei Jahre später habe ich die Schule komplett vernachlässigt, weil ich Rockstar werden wollte. Kurz nach dem Abitur hat sich mein Geschmack dann radikal geändert, von Heavy Rock zu New Wave. Ein Keyboard konnte ich mir aber nicht leisten. Also habe ich eine Zeitungsannonce geschaltet: Sänger sucht Keyboarder. Dabei hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nie ein Mikrofon in der Hand gehabt.

Hat ja trotzdem ganz gut geklappt.
Ich hatte immer Probleme mit der Intonation, aber das Gefühl und der Druck war richtig. Das Shouten habe ich von den MCs übernommen. In Hannover, wo ich damals lebte, waren noch die Engländer stationiert und wenn bei einem Rave ein englischer DJ aufgelegt hat, hatte der immer einen MC dabei, der im Freestyle zu der Musik etwas erzählt oder die Leute angefeuert hat. Irgendwann bin ich auf die Idee gekommen, das auch auf CD zu machen.

25 Jahre später gibt es Scooter immer noch. Was treibt Sie noch an?
Zum einen geben mir die Konzerte unheimlich viel. Ich bin auch gerne unterwegs. Wenn das nicht mehr wäre und ich nur zu Hause sitzen würde, wäre mir nach drei bis vier Wochen ziemlich langweilig. Das ist ein Bestandteil meines Lebens geworden, den ich nicht missen möchte – selbst wenn es manchmal stressig ist. Ich liebe auch das Gefühl im Studio, wenn man merkt, dass etwas gut wird. Ich wüsste nicht, was ich sonst machen sollte. Mein Jugendtraum hat sich erfüllt, ich käme gar nicht auf die Idee aufzuhören.

Was machen Sie, wenn Sie nicht mit Scooter beschäftigt sind?
Mein Hobby sind alte Autos. Dieses Jahr bin ich mit meiner Freundin nach Schottland gefahren, in einem Bentley von 1966. Es ging durch die Highlands und nach Loch Less – das war schon bewegend. Ansonsten beschäftige ich mich gerne mit meinem Haus und meinem Garten. Ich habe eine alte Villa und interessiere mich für Antiquitäten. Wenn man bei mir zu Hause ist, denkt man, man wäre mit einer Zeitmaschine 120 Jahre in die Vergangenheit katapultiert worden. Das einzige Modernere ist ein Fernseher, aber selbst der steht relativ versteckt. Ich finde das toll, mir hilft diese Umgebung beim Runterfahren.

Sie wohnen in Wohldorf-Ohlstedt. Brauchen Sie die Ruhe?
Ich liebe die Großstadt und könnte mir nie vorstellen, richtig auf dem Land zu leben. In Ostfriesland, wo ich herkomme, war es mir immer zu eng und zu klein. Aber trotzdem bin ich sehr naturverbunden. Der Ortskern von Wohldorf-Ohlstedt sieht noch aus wie vor 100 Jahren, da steht eine alte Kupfermühle, es gibt Pferde, Weiden und Wald. Das ist eine wunderschöne idyllische Umgebung, wo ich morgens einfach die Tür aufmachen und im Wald joggen kann. Das ist eine wahnsinnige Lebensqualität, da nehme ich gerne in Kauf, dass ich manchmal etwas länger in die Stadt brauche.

Das klingt nicht gerade nach Rock'n'Roll. Sie wurden mal als konservativer Rebell bezeichnet. Welche von beiden Seiten überwiegt?
Gute Frage! Ich würde sagen mal so, mal so. Ich habe auf jeden Fall beides in mir, und ich glaube, das rettet einen auch davor, völlig abzudrehen. Gerade als ich noch jünger war und es mit dem Erfolg losging. Ich finde aber schon Inspiration in den Rockstars der frühen Siebziger, die es ja sehr opulent mochten, mit Pelzmänteln und Rolls Royce. Ein bisschen übers Ziel hinaus.

Haben Sie mal einen Fernseher aus dem Fenster geworfen?
Zweimal in meiner ganzen Karriere. Das eine Mal war in Lillehammer, wo wir auf einem Festival spielen wollten. Vor uns waren die Leute von Jackass dran und haben das Publikum aufgefordert, sie mit allem Möglichen zu beschmeißen. Als wir danach auf die Bühne kamen, haben die Leute nicht begriffen, dass es vorbei war, und die Sachen flogen immer weiter. Hier ein Becher, da ein Glas. Wir mussten unseren Auftritt abbrechen und ich war total genervt. Als ich wieder im Hotelzimmer war, habe ich dann dieses Klischee bedient. Fenster auf, raus und bumm (lacht). Was ich nicht wusste: Unser Keyboarder Jay hatte das Zimmer im Erdgeschoss und hat den Aufschlag gehört. Das waren ja damals noch richtige Brummer. Er guckte ungläubig nach oben und meinte nur: „H.P., warst du das?“

Biografie: Hans Peter Geerdes, besser bekannt als H.P. Baxxter, wurde am 16. März 1964 in Leer geboren. Nach seinem Abitur studierte er für kurze Zeit Rechtswissenschaften in Hannover, danach arbeitet er als Angesteller bei einer Plattenfirma. Nach diversen anderen Projekten gründete er 1993 die Band Scooter, mit der er bis heute 30 Millionen Tonträger verkauft hat.
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