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Prager Botschaft : 1989: Schwarzenbekerin hilft DDR-Flüchtlingen

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Besetzung der Prager Botschaft vor 25 Jahren: Waltraud Schröder aus Schwarzenbek erinnert sich an die Flucht in die Freiheit.

Es war der Einsatz ihres Lebens. Um ihre Erinnerungen daran zu verdeutlichen, bleibt Waltraud Schröder auf dem roten Teppich stehen, steigt auf die erste Treppenstufe und hebt ihre Fersen an. „Wir konnten hier nur auf Zehenspitzen laufen, mehr Platz gab es nicht, überall lagen und saßen die Menschen“, erzählt die Schwarzenbekerin (Herzogtum Lauenburg) von ihrer Zeit als Rot-Kreuz-Einsatzleiterin 1989 in der Prager Botschaft. Rund 17.000 DDR-Bürger flohen damals über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik.

„Am Schlimmsten war das ewige Warten“, sagt Schröder, eine rüstige Rentnerin, Lachfalten, weiße Haare, weißes Rot-Kreuz-Polohemd. Immer wieder schweift ihr Blick durch die hohen Räume, so als könne sie nicht glauben, dass sich das Drama hier, inmitten der barocken Pracht des Palais Lobkowicz abgespielt hat. Zehn Erwachsene saßen auf jeder der etwa drei Meter breiten Treppenstufen, die Kinder auf dem Schoß. In den Zelten im Garten schliefen die Flüchtlinge in Schichten, drinnen im Stehen, im Sitzen, auf Fensterbänken, in Kartons. Wochen verstrichen, die Anspannung stieg, Alkohol befeuerte die Aggressionen. „Jemand da oben muss seine Hand über die Menschen hier gehalten haben“, sagt Schröder.

Die 78-Jährige hat in ihrem Leben noch viele Hilfsaktionen geleitet, in Russland etwa, sie hat Tausende Albanien-Flüchtlinge von Italien nach Deutschland geholt. Nichts aber hat sie so geprägt wie die Wochen in Prag. Weil sie an einem der entscheidenden Momente der deutschen Wiedervereinigung mitgewirkt hat und weil sie dabei war, als der Traum von der Freiheit wahr wurde. „Dieser Jubelschrei“, sagt sie, „der klingt heute noch in den Ohren“. 25 Jahre ist das her, und Waltraud Schröder steht wieder in der Prager Botschaft. Zum Jubiläum ist sie aus Schleswig-Holstein angereist, um Besuchern zu schildern, was sich hier wenige Wochen vor dem Mauerfall abgespielt hat.

Sommer 1989: Die Menschen in der DDR protestieren gegen die Regierung und gefälschte Wahlergebnisse. Immer mehr Bürger fliehen über Ungarn nach Österreich. Diejenigen, die kein Visum für Ungarn haben, versammeln sich seit August im Palais auf der Prager Kleinseite. Bis September stieg dort die Zahl der Flüchtlinge auf 5500 an.

„Die Flüchtlinge kletterten ohne Hab und Gut über den Zaun, alles war überfüllt, die hygienischen Zustände waren schlimm“, sagt Rudolf Seiters, der als Kanzleramtschef bei den Gesprächen über die Ausreise der DDR-Bürger mit am Verhandlungstisch saß. Am Abend des 30. September stand er mit Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft, als der sagte: „Liebe Landsleute, wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ Der Jubel verschluckte den Rest des Satzes. Seiters, heute Präsident des DRK, spricht vom Höhepunkt seines politischen Lebens.

Während im öffentlichen Bewusstsein die Geschichte der Prager Botschaftsflüchtlinge mit Genschers Halbsatz endet, fing sie für Waltraud Schröder damit erst an. An diesem Abend war sie in Prag angekommen. Von 22 bis 7 Uhr am nächsten Morgen sollte ihr Einsatz dauern, die Überführung der DDR-Bürger in die sogenannten „Züge der Freiheit“ musste organisiert werden. Sie ließen alles stehen und liegen. „Es sah aus wie nach einem Sturm, der durch das Haus ging“, erinnert sich Schröder. Als das Einsatzteam um 11 Uhr gefrühstückt hatte, standen schon wieder 3000 Flüchtlinge vor der Tür – und Waltraud Schröder blieb.

Die Rentnerin läuft unter der mit antiken Figuren verzierten Kuppel durch die Toreinfahrt. „Hier standen vierstöckige Feldbetten, dort der einzige Toilettenwagen auf dem Gelände. Es gab aber viele Büsche und Sträucher.“ Schröder zeigt in den Garten, auf den Hang mit geschwungenen Hecken und englischem Rasen und erzählt, wie Starkregen die Fäkalien von tausenden Flüchtlingen in die Einfahrt spülte. Sie ging damals schnurstracks zum Botschafter und sagte: „Das ist nicht mehr machbar.“ Die Seuchengefahr war enorm, die Anspannung drohte in offene Aggression zu kippen.

Schließlich konnte auch die zweite Flüchtlingswelle am 4. Oktober ausreisen. Am 6. November dann, nachdem die DDR zwischenzeitlich ihre Grenzen zur Tschechoslowakei dicht gemacht hatte, noch eine dritte Welle. Dann fiel die Mauer.

Dass der Lagerkoller in der Prager Botschaft nicht zu einer Tragödie auswuchs, erklärt sich Schröder heute so: „Die Leute hatten einen gemeinsamen Wunsch, sie wollten in die Freiheit.“ Der Stolz, Fluchthelferin in der Prager Botschaft gewesen zu sein, ist ihr noch heute anzusehen.

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erstellt am 30.Sep.2014 | 17:13 Uhr

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