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04. Dezember 2016 | 19:25 Uhr

Stammzellen-Spende : Wie ein Marineoffizier zum Lebensretter wurde

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Den Marineoffizier Sebastian Hoder verbindet eine ganz besondere Freundschaft mit einer jungen Israelin: Sie verdankt ihm ihr Leben.

Eigentlich wollte Sebastian Hoder nur zur Blutspende gehen. So, wie schon unzählige Male zuvor. Der Absolvent der Mürwiker Marineschule studierte an der Universität der Bundeswehr in München. Regelmäßig bat dort der Sanitätsdienst in den Fluren vor den Hörsälen um den roten Lebenssaft. „Da war dann ein Stand der Stefan-Morsch-Stiftung“, erinnert sich Hoder. „Man hat uns gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, auch Stammzellen zu spenden.“ Er sagte spontan ja. „Warum auch nicht, das macht ja keinen Unterschied“, erinnert er sich heute an diesen Moment.

Was dann passierte, hatte Sebastian Hoder allerdings nie erwartet. Kaum ein halbes Jahr später erhielt der gebürtige Berliner, der heute in Bückeburg zum Marinehubschrauberpiloten ausgebildet wird und eines Tages vielleicht die Rettungshubschrauber an der Westküste lenken wird, einen Anruf, der sein Leben veränderte. „Wir haben ein Match für Sie“, hieß es am Telefon. Im Klartext: Irgendwo auf der Welt litt ein Patient an Krebs, dessen Stammzellen so sehr mit denen des deutschen Soldaten übereinstimmten, dass Sebastian Hoder zum Lebensretter werden konnte. Es folgten Untersuchungen. Der Offizier fuhr nach Ulm, gab noch mal Blut ab. Es passte alles.

„Dann kam die Zeit der Spritzen.“ Eine Woche lang musste er sich jeden Abend eine Spritze mit Medikamenten setzen, die die Stammzellproduktion anregten. „Am Anfang hat das etwas Überwindung gekostet, aber man gewöhnt sich daran“, sagt der junge Mann. Dann kam der Tag der Spende. Der Oberleutnant fuhr wieder nach Ulm, wurde „wie bei einer Dialyse an ein Gerät angeschlossen: Ein Zugang wird in die Ellenbeuge gelegt, das Blut wird abgenommen, fließt durch eine Maschine, dabei werden die Stammzellen herausgefiltert, und durch die Hand fließt es wieder in den Körper“.

Wenn Sebastian Hoder von diesem Vorgang erzählt, klingt es, als wäre es die reine Routine. In Wirklichkeit rettete er in dieser Minute gerade ein Menschenleben. Denn viele tausend Kilometer entfernt, in Israel, bangte Larisa um ihr Leben. Wenige Monate nach der Geburt ihrer Tochter wurde bei ihr Krebs festgestellt: Das Sézary-Syndrom, ein seltener Tumor des Lymphgewebes. Eine Chemotherapie brachte keinen Durchbruch. Ihre einzige Heilungsmöglichkeit war die Stammzellspende eines passenden Spenders. Doch im Familienkreis war niemand zu finden. Die israelischen Ärzte starteten eine internationale Suche – und wurden in Deutschland fündig.

Denn im „Zentralen Knochenmarkspender-Register Deutschland“ sind mittlerweile rund sechs Millionen Bundesbürger verzeichnet, die sich in den vergangenen Jahren typisieren ließen. Die Sebastian-Morsch-Stiftung, die Deutsche Knochenmarkspender-Datei und auch das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel gehören zu den 26 Institutionen, die bundesweit nach Stammzellspendern suchen, ihre Gewebemerkmale feststellen und sie dann in das Zentrale Register mit Sitz in Ulm einspeisen. Damit ist das deutsche Spenderregister nach eigenen Angaben das mit Abstand größte Register dieser Art in Europa.

Für über 90 Prozent der mehr als 30.000 Suchanfragen pro Jahr findet die Einrichtung einen passenden Spender, für 75 Prozent von ihnen sogar in den ersten drei Monaten. Mittlerweile gibt es sogar einen vollautomatischen Datenaustausch mit den Spenderregistern in den übrigen Ländern Europas. Leukämiekranke in Litauen, in Spanien oder Island hoffen auf die Datenbank in Deutschland. Und längst ist es nicht mehr die Gewinnung von Stammzellen aus dem Knochenmark, sondern die Blutspende, die im Vordergrund steht: Im vergangenen Jahr wurden bei 1300 Spendern bundesweit die Stammzellen aus dem Knochenmark des Beckenknochens entnommen. Bei 5700 Spendern wurden sie aus dem Blut herausgefiltert.

So wie vor vier Jahren bei Sebastian Hoder. Ohne irgendeine Idee von Larisa zu haben, die in Israel um ihr Leben bangte, saß er auf einem Stuhl im Krankenhaus in Ulm und war mit Schläuchen an eine Maschine gefesselt. „Irgendwie komisch fühlte sich das an“, sagt er heute. Doch irgendwann war es überstanden. Hoder spürte noch etwas Rückenschmerzen, fuhr nach München und nahm sein Studium an der Bundeswehr-Universität wieder auf. Von Larisa erfuhr Hoder nichts. Denn bei der Stammzellspende gilt zunächst einmal strikte Anonymität. Die in Deutschland geltenden Standards erlauben nach Angaben des zentralen Knochenmarkspender-Registers zwei Jahre lang nur einen anonymisierten Kontakt zwischen Spender und Empfänger. Weder Spender noch Empfänger sollen unter Druck gesetzt werden oder gar in Abhängigkeit voneinander geraten. Doch diese Regelungen sind neu: Als Hoder spendete, galt sogar noch eine Anonymitätspflicht von drei Jahren.

Doch den jungen Soldaten erreichte zunächst nicht einmal eine anonyme Nachricht. Was aus seiner Spende geworden war, erfuhr er nicht. Hoder machte seinen Abschluss an der Universität der Bundeswehr, zog zurück in seine Heimatstadt Berlin. Um die Zeit zu überbrücken, bis ein Platz in einem Pilotenkurs frei wurde, war er in der Medienarbeit der Bundeswehr in Berlin tätig. Er wusste nicht, ob er mit seinen Stammzellen überhaupt jemanden gerettet hatte, oder ob der andere Patient verstorben war. „Wenn ich im Internet, zum Beispiel bei Facebook, las, dass wieder Spender für einen krebskranken Jungen gesucht wurden, dachte ich manchmal noch daran“, sagt Hoder. Doch nach vier Jahren meldete sich plötzlich die Stefan-Morsch-Stiftung. Es lag eine Kontaktanfrage vor. Und Hoder willigte ein, dass die Stiftung seine Daten weitergeben durfte.

Und dann ging alles ganz schnell. Als der Mürwiker Absolvent abends am Computer bei Facebook unterwegs war, poppte unten rechts in seinem Browser plötzlich ein Chatfenster auf. „Hi! Are you my donor?“ – „Hallo! Bist Du mein Spender?“ Es war Larisa, die ihren Lebensretter im Internet gefunden hatte.

„Ich habe mich damals sehr gefreut, dass sie überlebt hat“, erinnert sich Sebastian Hoder heute. Schnell waren sich beide einig, dass sie sich auch im realen Leben treffen wollten. Er buchte einen Flug nach Israel, machte Urlaub bei Larisa und ihrer Familie. „Sie ist eine sehr nette, junge Israelin, die sehr familiär ist, und die mich sofort ins Herz geschlossen hatte“, berichtet der Offizier. Larisa und ihre Familie zeigten Hoder ihr Land. Sie besuchten Jaffa, das Tote Meer und auch Jerusalem. „Sie fanden es sehr besonders, dass ein deutscher Offizier nun einer Jüdin Stammzellen spendete“, erinnert sich Hoder. Denn natürlich – beim Gedanken an deutsche Soldaten erinnern sich viele Israelis immer noch an die Zeit der Shoah und den Völkermord des Hitlerregimes.

Heute indes sind Hoder und Larisa eng befreundet. Man hält Kontakt, will sich wiedersehen. Ob Sebastian Hoder heute noch einmal einem Menschen Stammzellen spenden würde? „Auf jeden Fall“, sagt der Offizier. „Die paar Untersuchungen und Spritzen sind schließlich nichts, wenn es darum geht, ein Menschenleben zu retten.“

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erstellt am 23.Jul.2016 | 16:00 Uhr

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