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Tiere

09. Dezember 2016 | 14:36 Uhr

Exoten vor Rügen und Usedom : Neuer Lebensraum für Delfine in der Ostsee?

vom

Delfine und größere Wale werden immer häufiger in der Ostsee gesehen. Während der Buckelwal ein Irrgast bleiben wird, könnten Delfine hier durchaus ein neues Zuhause finden, sagen Experten. Andere, weniger auffällige Gäste haben es schon vorgemacht.

Wer in diesem Jahr an der Ostsee Urlaub macht, wähnt sich mitunter am Mittelmeer oder am Atlantik. Nicht nur die Wärme sorgt für mediterranes Flair, sondern auch exotische Besucher: Seit Juli tummelt sich zwischen den Inseln Rügen und Usedom ein zehn Meter großer Buckelwal.

Weiter westlich in der Kieler Bucht sorgt ein Delfin für Begeisterung. Und dann sind da noch die Delfine «Selfie» und «Delfie». Die beiden Großen Tümmler schwimmen seit einem Jahr in der Ostsee umher. Erobern sich fremde Arten mit der Ostsee einen neuen Lebensraum? Ist gar der Klimawandel schuld? Oder haben sich Arten wie Buckelwal und Großer Tümmler nach konsequenten Schutzmaßnahmen so vermehrt, dass mehr Irrläufer in das Randmeer kommen?

«Wir wissen es nicht», sagt der Direktor des Deutschen Meeresmuseums, Harald Benke, in Stralsund. Die Forscher stehen vor einem Rätsel. Fakt ist, dass es in den vergangenen Jahren mehr Sichtungen von Großwalen und Delfinen in der Ostsee gab. Dies könne aber mit den verbesserten Meldesystemen zusammenhängen. So hat das Meeresmuseum eine App entwickelt, mit der noch vom Boot aus jedes Tier gemeldet werden kann. Zudem gibt es inzwischen Handyvideos, die in sozialen Netzwerken weite Verbreitung finden. Auch das kann den Eindruck entstehen lassen, es seien mehr Tiere unterwegs.

Einige ebenso fremde, aber weniger auffällige Arten sind in den letzten Jahren in der Ostsee durchaus heimisch geworden. So haben sich die Schwarzmundgrundel - ein Fisch - und die Meerwalnuss - eine Rippenqualle - als invasive Arten in der Ostsee festgesetzt und beeinflussen dort inzwischen das Ökosystem.

Die Meerwalnuss wurde 2006 erstmals in der Ostsee registriert, in diesem Sommer hat sie sich stark vermehrt. Die im Asowschen und im Kaspischen Meer beheimatete Schwarzmundgrundel wurde 1990 erstmals in der Danziger Bucht bei Polen erfasst, von wo sie sich nach Norden in Richtung Finnland und Schweden und nach Westen in Richtung Dänemark ausbreitete.

Wie bei der Rippenqualle halten es die Forscher des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei für wahrscheinlich, dass die etwas mehr als 20 Zentimeter große Schwarzmundgrundel über das Ballastwasser von Schiffen eingeschleppt wurde und Bedingungen vorfand, die sie seitdem prächtig gedeihen lassen. «Die Schwarzmundgrundel ist sehr tolerant und deshalb auch so erfolgreich», sagt der Fischereibiologe Daniel Oesterwind. Auch wenn der Klimawandel nicht Grund für ihr Auftauchen ist, könnte er möglicherweise die Fortpflanzung begünstigt haben.  

Nach Angaben des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) hat sich die Ostsee im vergangenen Jahrhundert leicht erwärmt. Wie Langzeit-Messreihen ergaben, ist die durchschnittliche Oberflächentemperatur bei der dänischen Insel Bornholm im Juli/August um 1,5 Grad gestiegen. Dies sei durchaus ein robustes Signal, dass sich die Ostsee erwärmt, sagte IOW-Ozeanograf Markus Meier.

Unterschiedlichen Szenarien zufolge könnte die Oberflächentemperatur in der Ostsee im Jahresmittel bis Ende des 21. Jahrhunderts um zwei bis vier Grad steigen. Welche Auswirkungen der Klimawandel auf den Salzgehalt haben wird, sei bislang nicht klar. Die Forscher gehen derzeit eher von einer Abnahme aus, da bei stärkeren Niederschlägen - wie sie prognostiziert werden - mehr Süßwasser über die Flüsse in die Ostsee gelangen würde als verdunstet.

Für den Großen Tümmler sehen die Meeresbiologen des Deutschen Meeresmuseums durchaus Chancen, dass er die Ostsee als Lebensraum langfristig annehmen kann - auch, weil anscheinend die Population in der Nordsee wächst. «Der Große Tümmler ist sehr standorttreu», sagt der Walforscher Benke. Mit Dorschen und Heringen gebe es in der Ostsee ausreichend Nahrung.

Voraussetzung für den dauerhaften Verbleib sei das Nachrücken von Weibchen. Bislang wurden in der Ostsee nur Männchen beobachtet. Zudem hat die Ostsee eine Besonderheit, die zum Problem für die Gäste werden kann: Anders als die Nordsee friert sie bei kalten Wintern zu großen Teilen zu. Meeressäuger müssen aber regelmäßig zum Atmen an die Oberfläche. Wie «Selfie» und «Delfie» bewiesen haben, sind aber auch Delfine - ähnlich wie die heimischen Schweinswale - durchaus in der Lage, in der Ostsee zu überwintern.

Imposante Buckelwale werden nach Einschätzung der Experten auch künftig Irrgäste bleiben. Sie benötigen zum Überleben große Wanderstrecken vom Nordatlantik bis zu den subtropischen Bereichen. «Die Ostsee liegt nicht auf der Wanderroute», sagt Benke. Möglich sei aber, dass künftig trotzdem mehr Buckelwale zwischen Usedom und Kiel auftauchen: Die Population wächst nach dem Bejagungsverbot für Großwale in den 1980-er Jahren seit einiger Zeit wieder, vor allem im Nordatlantik, Nordpazifik und Indischen Ozean. Die IUCN hatte die geschützte Art deshalb 2008 für diese Gebiete auf «Least Concern» (nicht gefährdet) zurückgestuft. Gut möglich also, dass sich künftig mehr Tiere in die Ostsee verirren.

Meeresmuseum - SichtungsApp

Institut für Ostseeforschung Warnemünde

Thünen-Institut für Ostseefischerei

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erstellt am 20.Sep.2016 | 04:36 Uhr

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