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Tipps & Trends

07. Dezember 2016 | 19:23 Uhr

Beate Uhse, KTG-Agrar, German Pellets, Steilmann : Mittelstandsanleihen: Hochgelobt und tief gefallen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mittelstandsanleihen sind in der Krise – Experten gehen davon aus, dass das große Sterben erst noch kommt

Hamburg | Fast einen Monat herrschte Ruhe. Keine Skandale oder Skandälchen bei den Mittelstandsanleihen. Nach den Pleiten von German Pellets und Steilmann Zeit zum Durchatmen. Und zum Aufatmen? Nein, denn jetzt geht es wieder Schlag auf Schlag: Beate Uhse schwächelt, KTG-Agrar meldet Insolvenz an, Heimtierbedarf Karlie wird zum Wackelkandidaten, und der Scholzkonzern kommt nur mit einem tiefen Schuldenschnitt auf Kosten der Anleger über die Runden. Denen verspricht man 14 Millionen Euro statt der aufgenommenen 182,5 Millionen – das entspricht einer Recovery-Quote von 7,7 Prozent.

Vor etwas mehr als einem Jahr wurde diskutiert, ob man diese Hochzinsanleihen überhaupt Mittelstandsanleihen taufen durfte. Ein purer Marketinggag. Deutsche Mittelständler seien per se innovativ und konservativ – der Motor der deutschen Wirtschaft. Das Angebot verlockend: Sieben bis acht Prozent Rendite in Zeiten, in denen die Zinsen weltweit in den Keller gingen. Tausende Privatanleger griffen zu und investierten ihr sauer Erspartes in Mittelstandsanleihen.

Doch vielen wurde ihre Gutgläubigkeit inzwischen zum Verhängnis. Laut der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger sind allein beim Pellethersteller in Wismar mehr als 200 Millionen Euro im Feuer. Der Wert der Anleihen ist in den vergangenen Wochen ins Bodenlose gesackt, zum Teil auf unter ein Prozent des Nennwerts.

Mittelstandsanleihen sind im Grunde Darlehen, die Anleger an Firmen geben. Im Gegenzug bekommen sie Zinsen. Teilweise werden die Papiere an der Börse gehandelt. 2010 rief die Börse Stuttgart dafür das Segment BondM ins Leben. „Das Segment wurde geschaffen, um den Unternehmen eine Plattform an der Börse und einen neuen Zugang zum Kapitalmarkt zu geben, die sie an der Börse nicht hätten“, erklärt Martin Steinbach von der Unternehmensberatung Ernst & Young. „Die Mischung aus guten Renditen und verfügbaren Ratings hat im Niedrigzinsumfeld zu einem Boom geführt.“

Doch der flaut merklich ab: Schlagzeilen über Insolvenzen haben Anleger skeptisch gemacht. Die Börse Düsseldorf hat das Segment inzwischen wieder eingestellt. In Stuttgart sind noch elf Anleihen gelistet.

Der Begriff Mittelstandsanleihe habe viele Anleger in die Irre geführt, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Der Zins ist ein Risikopreis.“ Solide mittelständische Unternehmen seien in der Regel überkapitalisiert und bekämen ausreichend Kredit von der Bank. Mittelstandsanleihen nutzten Unternehmen, die dringend Geld brauchten.

Rechtsanwalt Klaus Nieding, der Anleihezeichner von German Pellets vertritt, fordert deshalb nicht nur das Verbot sogenannter Kaskadenfinanzierung, mit deren Hilfe fällige Anleihen durch neue Schuldscheine abgelöst werden. Auch die Plakate, die häufig mit grünem Gewissen und erneuerbaren Energien lockten, müssten verboten werden. Über die vergangenen fünf Jahre haben sich die Ratingnoten der Emittenten von Mittelstandsanleihen trotz einer guten wirtschaftlichen Lage kontinuierlich verschlechtert. Das Risiko der Anleihe sei häufig noch höher zu bewerten. Denn die meisten Anleihen seien nicht ausreichend besichert, warnt Ralf Garrn von Euler Hermes Rating.

Nach dem Insolvenzrecht werden Anleihezeichner nachrangig behandelt wie Darlehensgeber. Erst wenn Löhne, Steuern und andere Schulden beglichen sind, bekommen sie Geld. „Sie stehen am Ende der Nahrungskette“, betont Anwalt Nieding. Er rechnet in diesem und dem nächsten Jahr mit einer großen Welle von Zahlungsausfällen. Denn die mit dem Boom von Mittelstandsanleihen vor fünf Jahren aufgelegten Papiere sind jetzt fällig. „Jetzt kommen wir in die Zeit, in der die ersten Anleihen restrukturiert und refinanziert werden oder das operative Geschäft weiter finanziert werden muss“, erklärt E&Y-Experte Steinbach. Euler-Hermes-Chef Garrn ist optimistischer: „Die meisten werden es schaffen.“

Auf KTG-Agrar trifft dieser optimistische Ausblick, wie wir jetzt wissen, nicht zu. Es wurde am Montag Insolvenz angemeldet. Und Beate Uhse hat Zeit geschunden. Der Erotik-Händler wird die fälligen Zinsen für eine Anleihe über 30 Millionen Euro in den kommenden 14 Tagen bezahlen. Das teilte das Unternehmen am Freitag in einer Ad-hoc-Mitteilung mit. Damit würden die Zinszahlungen in Höhe von mehr als zwei Millionen Euro noch im Rahmen der Frist von 30 Tagen nach dem Zinszahlungstermin an diesem Samstag geleistet. Die finanziellen Mittel für die Zahlung würden durch das Darlehen eines Dritten aufgebracht und nicht der laufenden Liquidität entnommen, die damit weiter für die Sanierung des Unternehmens zur Verfügung stehe.

Beate Uhse ist wegen rückläufiger Umsätze und anhaltender Verluste in Bedrängnis geraten. Nach zwei Gläubigerversammlungen ist die Beratungsfirma One Square Advisory Services GmbH (München) mit der Ausarbeitung eines Sanierungsplans beauftragt. Das von 1946 an von Beate Uhse in Flensburg aufgebaute Erotikunternehmen ist immer noch sehr bekannt. Es erzielte zuletzt noch einen Umsatz von knapp 130 Millionen Euro und beschäftigt 470 Mitarbeiter.

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erstellt am 08.Jul.2016 | 13:33 Uhr

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