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Tipps & Trends

05. Dezember 2016 | 13:36 Uhr

Diskussion in Deutschland : Mediziner fordern die Zuckersteuer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kann man zu gesundem Essen gezwungen werden? Verbraucherschützer fordern mehr Aufklärung.

Kiel | Da ist sie wieder – die Drohung mit der Zuckersteuer. Nachdem die Amerikaner den Verkauf von Süßgetränken in XXL-Bechern verboten haben, wollen jetzt die Briten den dicken Inselbewohnern mit einer 20-prozentigen Steuer auf hochkalorische Softdrinks an die Speckrollen. Auch in Deutschland ist die Diskussion über die Dickmacher neu entbrannt.

Am Wochenende forderte der Münchner Medizinprofessor Günter Stalla auf einem internationalen Fachkongress in der bayerischen Landeshauptstadt eine Softdrinksteuer, nachdem drei Tage zuvor die Stiftung Warentest den Bundesbürgern vorgerechnet hatte, dass der Zuckergehalt von einem halben Liter Cola 16,5 Stück Würfelzucker entspricht. Mit dieser Menge ist die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Tagesmenge bereits erreicht.

„Viele Verbraucher achten darauf, möglichst wenig Zucker zu verzehren. Dennoch ist der Zuckerverbrauch mit etwa 33 Kilogramm pro Person und Jahr in den letzten 40 Jahren nahezu konstant geblieben“, berichtet Selvihan Koç von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Das Problem: Viele Süß- und Dickmacher stecken in verarbeiteten Lebensmitteln und sind auf den ersten Blick nicht erkennbar. „Außerdem gibt es eine Reihe von Produkten, in denen Konsumenten überhaupt keine süßenden Zutaten erwarten“, warnt die Ernährungswissenschaftlerin. Hierzu zählen eher pikante Gerichte wie Fleisch oder Krautsalat, eingelegte Gurken und Ketchup. In einem Marktcheck haben Verbraucherschützer kürzlich gezielt nach „verdeckten“ süßenden Zutaten in verarbeiteten Lebensmitteln geschaut – und sind 70-mal fündig geworden.

Und dann die Begriffsverwirrung: Süßmolkenpulver, Dextrose, Glucosesirup, Laktose, Fruktose, Maltodextrin, Molkenerzeugnisse – kaum ein Mensch blickt noch durch bei der Masse der Bezeichnungen für Süßmacher. „Nachfragen in unseren Beratungsstellen zeigen, dass selbst gut informierte Verbraucher nicht alle Tricks durchschauen und von der Werbung geblendet werden“, berichtet Koç.

Besonders verwirrend ist es, wenn mit Begriffen wie „weniger süß“ , „mit Fruchtzucker – der Süße aus Früchten“ oder „ohne Zucker“ geworben wird. Was heißt eigentlich was?

„Ohne Zuckerzusatz“

Dem Produkt wurden keine Ein- und Zweifachzucker wie Trauben- oder Haushaltszucker zugesetzt. Erlaubt sind jedoch Süßstoffe und Zuckeraustauschstoffe.

„Zuckerarm“

Das Produkt darf maximal 5 g Zucker pro 100 g oder bei flüssigen Lebensmitteln maximal 2,5 g Zucker pro 100 ml enthalten.

„Weniger süß“

Das  ist nur eine Geschmacksangabe und  bedeutet nicht weniger Zucker oder weniger Energie. Es kann auch einfach nur eine weniger stark süßende Zuckerart wie beispielsweise Traubenzucker anstelle von Haushaltszucker verwendet worden sein.

 

Auch Werbekampagnen, die Kinder ansprechen, sind hochumstritten. Und die Folgen allerorts sichtbar: In Schleswig-Holstein ist jedes zehnte Kind adipös. 9,4 Prozent der Jungs und 10,4 Prozent der Mädchen gelten als zu dick. Ärzte warnen seit Jahren vor den Folgen des Übergewichts: Diabetes, Stoffwechselstörungen, Gelenkprobleme, kaputte Zähne.

Trotzdem hält Koç nicht viel von einer Strafsteuer. „Am wichtigsten ist Aufklärung, damit Verbraucher die Bezeichnungen richtig interpretieren können und nicht in Zuckerfalle tappen“. Mit ihrer Meinung steht sie nicht alleine da: Die Mehrheit der Deutschen ist gegen die Einführung einer „Zuckersteuer“. Nur 30 Prozent unterstützen laut einer Forsa-Umfrage Überlegungen, auf Süßwaren die volle Mehrwertsteuer von 19 Prozent statt wie bisher sieben Prozent zu erheben. Auch Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) erklärte am Wochenende: „Aufklärung und Prävention bewirken mehr als ein paar Cent Steuern auf bestimmte Produkte.“ Bundesernährungsminister Christian Schmidt meint, Abgaben seien nicht zielführend. Die gewünschte Lenkungswirkung sei fraglich, der Kontrollaufwand groß.

Die Getränkeindustrie spricht sich mit Blick auf den neuen britischen Vorstoß dagegen aus. Ziel sei es, die Menschen von einem gesunden Lebensstil zu überzeugen und nicht durch „Strafabgaben“ oder gesetzliche Verbote zu einem anderen Verhalten zu zwingen. Der Schlüssel dazu liege in der Ernährungskompetenz, die mit Aufklärung und Informationen schon in der Kindheit gefördert werden sollte. Wie immer komme es auf die Dosis an. In entsprechenden Mengen könne jedes Lebensmittel in einem Speiseplan Platz finden, der auf die persönlichen Bedürfnisse und den Energiebedarf abgestimmt ist.

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erstellt am 30.Mai.2016 | 13:48 Uhr

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