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Tipps & Trends

07. Dezember 2016 | 23:24 Uhr

Fühlen, was der andere fühlt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Einmal pro Woche arbeitet Schüler-Coach Ursula Heldt (62) mit der Klasse 4a einer norddeutschen Grundschule an der Verbesserung des Klassenklimas. Heute möchte die Sozialtrainerin das Einfühlungsvermögen der Kinder testen. Dazu steckt sie Mia, neun, einen kleinen Zettel zu. Darauf steht „traurig“. Viertklässlerin Mia soll versuchen, ein trauriges Kind darzustellen, und die Klasse soll es raten. Mia strengt sich an. Immer wieder setzt sie die verschiedensten Gesichtsausdrücke auf. Aber keiner in der Klasse kommt auf „traurig“.

Dasselbe Pantomime-Spiel spielt die erfahrene Sozialtrainerin seit 20 Jahren mit Schülern. „Manchmal erschreckt es mich, wie viel schlechter die Schüler heute erkennen können, was jemand anders fühlt“, sagt sie. Und genauso schwer täten sich viele Kinder heute damit, eine bestimmte Emotion selbst mimisch auszudrücken. „Viele haben nur noch einige wenige Standardgesichter drauf.“

Diese Beobachtung von Ursula Held deckt sich mit wissenschaftlichen Hinweisen aus verschiedenen Industrieländern. Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch von der Ludwig-Maximilians-Universität konstatierte, dass sich „Kinder heute oft nicht mehr ausreichend in andere einfühlen“ könnten. Dies werde sich voraussichtlich in den nächsten Jahren noch verschlechtern. „Da kommt eine Lawine auf uns zu“, warnt Brisch.


Zentrale soziale Kompetenz


Empathie spielt eine zentrale Rolle im menschlichen Zusammenleben. Die Befindlichkeit des Gegenübers einzuschätzen und nachzuempfinden ist ein wesentlicher Teil des Sozialverhaltens und die Voraussetzung, um dauerhafte, befriedigende Verbindungen zu anderen Menschen aufzubauen.

Wenn Eltern denken, sie müssten ihre Kinder nur darin bestärken, sich im Leistungswettbewerb gegen andere durchzusetzen, liegen sie falsch. Wer sein Kind fördern will, sollte auch ihm auch ein gutes Einfühlungsvermögen mitgeben. Wenn Kinder in der Lage sind, soziale Signale gut zu entschlüsseln und die Perspektive anderer Menschen einnehmen zu können, kommt dies nicht nur der Umgebung zugute. Auch der Nachwuchs selbst profitiert ein Leben lang von seiner eigenen Empathie.

Kinder, die sich gut in andere einfühlen können, haben mehr Freunde und kommen in Kita oder Schule besser zurecht. Aber auch später als Erwachsene sind sie messbar gesünder, finden leichter einen Partner und haben ein glücklicheres Familienleben. Und sie sind sogar erfolgreicher im Beruf. Deutsche und amerikanische Wirtschaftspsychologen haben zum Beispiel herausgefunden, dass Berufstätige, die sehr gut Emotionen Anderer erfassen konnten, im Schnitt ein höheres Jahresgehalt beziehen. Der Grund: Wer Schwierigkeiten hat, sich vorzustellen, was in anderen vorgeht, tut sich schwer bei der Lösung von Konflikten, kann schlecht im Team arbeiten, und hat zum Beispiel als Vorgesetzter Probleme, andere zu motivieren.

Das Einfühlungsvermögen schwindet offenbar schon länger: Langzeituntersuchungen in den USA haben ergeben, dass College-Studenten 2009 um 40 Prozent schlechter die Emotionen anderer Menschen einschätzen konnten als ihre Kommilitonen im Jahr 1972. Der Trend hat sich seit der Jahrtausendwende noch verstärkt.


Arm an Sinneseindrücken


Welche Gründe es im Einzelnen sind, die zur Verringerung der empathischen Fähigkeiten geführt haben, dazu gibt es bisher nur einzelne Hinweise. „Wenn Kinder heute viel über ihre Netzwerke oder Handys kommunizieren, sehen sie ja nicht unmittelbar das Gesicht und die Körpersprache eines anderen vor sich. Das wirkt sich negativ aus“, ist sich Heldt sicher. Auch Fernsehen oder Computerspielen sind Tätigkeiten die – im Gegensatz zum Spielen mit anderen Kindern – arm an Sinneseindrücken sind. Smartphone und Computer bestimmten heute aber den Alltag von Kindern. Die viele Zeit zur Pflege von Onlinekontakten oder zur Beschäftigung mit virtuellen Welten geht den Heranwachsenden für das Einüben sozialer Fähigkeiten im Umgang mit Geschwistern oder Freunden verloren.

Brisch hält es auch für gefährlich, wenn Kinder zu früh in Kita-Gruppen mit zu wenigen Erziehern untergebracht werden, in denen den Kleinen die emotionale Nähe fehlt und das Sozialverhalten zu wenig trainiert wird. Konstante und gefühlsmäßig engagierte Betreuungspersonen sind nämlich sehr wichtig für die Entwicklung des Einfühlungsvermögens und des Sozialverhaltens von Kindern.


Der Faktor Eltern


Den Schlüssel zur Empathie ihrer Kinder halten aber vor allem die Eltern selbst in der Hand. Sie beeinflussen von Anfang an stark, ob das Mitgefühl ihrer Kinder gedeihen kann. Denn Empathie ist zwar im Menschen angelegt. Aber wie ein Muskel, der bei Nichtbenutzung verkümmern kann, muss sie gefördert und trainiert werden. Wo Eltern von klein auf die Bedürfnisse ihrer Kinder missachten, den Nachwuchs abschieben oder ständig durch Arbeitsstress oder Smartphone abgelenkt sind, da verkümmern die sozialen Antennen des Nachwuchses.

Mütter und Väter dagegen, die vom Babyalter an auf ihre Kinder eingehen, intensiv mit ihnen kommunizieren und immer wieder bereit sind, sich auf ihre Sicht einzulassen, leben ihnen einen achtsamen Umgang miteinander vor. Empfohlen wird auch, dass Eltern ihren Nachwuchs immer wieder dazu anregen, sich in andere hineinzuversetzen. Diese Kinder sind dann später eher in der Lage, feine Signale in der Mimik und Gestik anderer Menschen zu dechiffrieren und selbst auszusenden.

Aber auch Lehrer und Erzieher können die sozialen Antennen von Kindern schulen. Nicht nur, indem sie die Kleinen beim Reden anschauen und einfühlsam und respektvoll mit ihnen umgehen. Auch bestimmte Rituale können das Einfühlungsvermögen fördern. „Ich habe festgestellt, dass Kinder ein deutlich besseres Sozialverhalten zeigen, wenn zum Beispiel bei regelmäßigen Morgenkreisen auf das Zuhören geachtet und Wertschätzung gefördert wird“, sagt die Schülertrainerin.

Es gibt auch vielversprechende Trainings- und Interventionsprogramme, die die Empathie von Kita- und Schulkindern fördern können. Internationale Beachtung erfährt zum Beispiel das sogenannte „Babywatching“. In Deutschland wird es gerade an einigen Schulen getestet und zeigt in ersten Studien sehr gute Resultate. Regelmäßig bekommen Klassen dabei in der Schule Besuch von einem Baby mit Mutter oder Vater. Die Kinder beobachten den Säugling und den Umgang seiner Eltern mit ihm. Angeleitet durch einen Coach lernen sie dabei viel über sich und andere.

Empathie kann man in jedem Alter schulen. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass bei gezieltem Training Kinder weniger aggressiv sind, weniger mobben, und eher bereit sind, zu kooperieren. Wo Einfühlsamkeit geübt und belohnt wird, verbessert sich der Umgang von Kindern untereinander nachhaltig.

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erstellt am 25.Sep.2016 | 16:12 Uhr

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