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Ernährung & Gesundheit

26. August 2016 | 21:55 Uhr

Mehr Kuren für Mutter und Kind

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Krankenkassen bewilligen wieder mehr Anträge / Auch Väter nehmen Angebot für Heilbehandlung mit Kindern immer stärker in Anspruch

Haushalt und Job, Kinder und Beziehung: Oft stehen Mütter im Alltag unter Dauerstress – und viele brechen darunter zusammen. Nach Angaben des Müttergenesungswerks (MGW) ist die Zahl der Frauen mit Erschöpfungssyndrom bis zum Burn out, mit Schlafstörungen, Angstzuständen oder Kopfschmerzen in den vergangenen zehn Jahren um 37 Prozent gestiegen. „Häufig suchen die Mütter erst professionelle Hilfe, wenn sie nicht mehr funktionieren können“, sagt MGW-Bundesgeschäftsführerin Anne Schilling. Die bekommen sie neuerdings jedoch wieder häufiger: Seit 2012 werden deutlich mehr Mutter-Kind-Kuren bewilligt. Lehnten die Krankenkassen 2011 bundesweit noch 35 Prozent der Kuranträge ab, waren es im vergangenen Jahr nur 14 (2012: 19). Für 2014 zeichnen sich ähnliche Zahlen ab. In Schleswig-Holstein registrierte das MGW 2013 eine Quote von 15 Prozent (2012: 25) – nachdem das nördlichste Bundesland 2011 den bundesweiten Negativrekord gehalten hatte: Damals war fast jeder zweite Antrag negativ beschieden worden.

Anne Schilling freut sich über die „sehr positive Entwicklung“: „Die Chancen, eine Kur bewilligt zu bekommen, sind so gut wie lange nicht mehr.“ Grund dafür ist eine Änderung der Leitlinien für die Begutachtung der Anträge, die nach massiver Kritik von Politik, Wohlfahrtsverbänden und MGW an den niedrigen Bewilligungszahlen Anfang 2012 zustande gekommen war.

Rund 1000 Schleswig-Holsteinerinnen nahmen 2011 an Kuren des MGW, dem bundesweit größten Anbieter dieser Leistungen, teil. Im vergangenen Jahr waren es 400 mehr. Bundesweit machten 49 000 Frauen – 70 Prozent davon berufstätige – mit 71 000 Kindern von dem Angebot Gebrauch. Auch die Zahl der Anträge steigt. Schilling: „Die Familienstrukturen sind in einem Wandel begriffen, der Mütter zunehmend belastet und krank machen kann.“ Dazu gehörten vor allem Unsicherheiten im Lebensverlauf, Armut und die nach wie vor ungleiche Arbeitsteilung in der Familie. „Muttersein ist ein Gesundheitsrisiko“, sagt die MGW-Chefin. Vor allem für die steigende Zahl der Alleinerziehenden, die bei den Kuren überdurchschnittlich vertreten sind.

Mit 59 Prozent relativ konstant ist dagegen seit Jahren die Zahl der Widersprüche gegen eine Ablehnung. Etwa zwei Drittel davon haben Erfolg – was zeige, dass das Nein der Kassen in den meisten Fällen unberechtigt sei, sagt Anne Schilling. „Viele Mütter werden immer noch an die Rentenversicherung verwiesen, obwohl die für Mutter-Kind-Kuren gar nicht zuständig sind.“ Ein weiterer Ablehnungsgrund ist der Verweis auf ambulante Maßnahmen. Der Grundsatz „ambulant vor stationär“ gelte jedoch längst nicht mehr. „Ein Widerspruch lohnt sich also“, rät die MGW-Chefin. Er muss innerhalb von vier Wochen nach der Ablehnung bei der Kasse eingehen.

Damit der Antrag Aussicht auf Erfolg hat, sollte der Arzt die gesundheitlichen Probleme möglichst ausführlich beschreiben. „Wenn nur von allgemeiner Erschöpfung die Rede ist, reicht das nicht aus“, warnt Andrea Boyer, Vorsitzende des MGW-Ausschusses Schleswig-Holstein. „Außerdem sollte im Gutachten stehen, dass es medizinisch erforderlich ist, die Mutter aus dem Alltag herauszunehmen.“ Eine Schilderung der persönlichen Situation, etwa von Problemen in der Partnerschaft, kann die Chancen verbessern. Ratsam sei, sich schon vor dem Arztbesuch in einer Beratungsstelle zu informieren. Die Mitarbeiter helfen unentgeltlich auch bei der Formulierung des Antrags an die Krankenkasse.

Als Kostenträger der dreiwöchigen „Vorsorge- oder Rehabilitations-Maßnahme“ entscheidet die Kasse auch über die Wahl der Klinik. „Die Wünsche der Frauen werden aber oft berücksichtigt, wenn sie therapeutisch begründet sind“, sagt Andrea Boyer. Die Einrichtungen des MGW arbeiten mit unterschiedlichen Schwerpunkten – die Wahl der richtigen Klinik sei mit ausschlaggebend für den Genesungserfolg. Wie auch die Entscheidung, mit oder ohne Kind zu kuren. Nur fünf Prozent der Mütter entscheiden sich für letzteres. Nicht zuletzt auch darum, weil der Rechtfertigungsdruck hoch sei. Boyer: „Viele trauen sich nicht, ihren Partner ’allein’ zu lassen, obwohl sie mit den Kindern ihren Arbeitsplatz mit in die Klinik nehmen.“

Dass Männer mit dem Nachwuchs eine Heilbehandlung in Anpruch nehmen, kommt immer häufiger vor: 2013 zählte das MGW 1150 Teilnehmer an Vater-Kind-Kuren – 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Dieser Trend werde sich fortsetzen, sagt Anne Schilling, wenn auch nicht in vergleichbarem Umfang wie bei den Frauen: „Männern bringen sich heute stärker zu Hause ein und wünschen sich eine engere Bindung zu ihren Kindern. Trotzdem tragen Mütter weiterhin die Hauptlast der Familienarbeit.“

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erstellt am 15.Sep.2014 | 11:46 Uhr

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