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Island-Export im Trend : Hype um Skyr: Was kann das Molkereiprodukt?

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In immer mehr Supermärkten finden Kunden Skyr im Kühlregal. Das Produkt gilt als sehr gesund - doch es gibt auch Kritik.

Osnabrück | Wer hat‘s erfunden? Die Isländer. Zumindest löffeln sie der Legende nach schon seit tausend Jahren ihren Skyr – ein Molkereiprodukt irgendwo zwischen Quark und Joghurt. In die deutschen Supermärkte brachten es dann Dänen. Doch jetzt bläst das Heimatland des Skyr zum Angriff auf den hiesigen Markt. Die Isländer wollen ebenfalls vom Trend profitieren.

Ein Produkt, das zwei Hypes verbindet. Für die Werbeabteilungen der Molkereikonzerne ist Skyr ein seltener Glücksfall. Viel Protein, wenig Fett und das in einem Becher. „Damit trifft es im doppelten Sinne den Ernährungszeitgeist“, sagt Maria-Elisabeth Herrmann, Ernährungswissenschaftlerin an der Hochschule Osnabrück. Von der Konsistenz her erinnert das Produkt an griechischen Joghurt, schmeckt aber deutlich säuerlicher.

Der dänische Molkereikonzern Arla, zuvor mit Skyr schon in den USA und Großbritannien erfolgreich, rühmt sich damit, „einen Mehrwert für den deutschen Handel und die deutschen Verbraucher“ im Sommer 2015 auf den Markt gebracht zu haben. Der Siegeszug, so klingt es zumindest bei den Dänen, war programmiert. Und der Erfolg gibt ihnen recht.

Insgesamt 17.500 Tonnen Skyr produzierte Arla nach eigenen Angaben vergangenes Jahr an seinem Standort in Upahl, Mecklenburg-Vorpommern. Davon 7700 Tonnen für den deutschen Markt. Auch andere erkannten die Marktlücke. Der niedersächsische Molkerei-Riese Deutsches Milchkontor (DMK) beispielsweise stellt mittlerweile Eigenmarken für Handelsketten her.

Doch original isländischen Skyr gibt es in Deutschland bislang nicht. Das will die isländische Molkereigenossenschaft Mjólkursamsalan (MS), der de facto Skyr-Monopolist, ändern. Auf Anfrage heißt es in Reykjavík, in den nächsten Jahren sollen neben den Märkten in China, Russland und Japan auch Deutschland erschlossen werden. Dafür ist bereits eine eigene Marke entwickelt worden. „Wir freuen uns, der Welt Island-Skyr vorstellen zu können – ein Produkt, das man als Islands Geheimnis für ein gesundes Leben bezeichnen könnte“, wirbt Sprecherin Erna Erlendsdóttir schon einmal vorab und verweist auf das Original isländische Rezept, das der Konkurrenz vom Festland fehle.

Gerne spottet man auf der Insel über die Produkte der Konkurrenz. Mjólkursamsalan hat einen Werbefilm gedreht, in dem sich ein Becher Island-Skyr über die mangelnden Isländisch-Kenntnisse eines Bechers Arla-Skyr aus Dänemark beziehungsweise Mecklenburg-Vorpommern lustig macht.

Unklar bleibt aber, mit welcher Milch Mjólkursamsalan den Weltmarkt erobern will. Schließlich leben auf Island nur wenige zehntausend Kühe. Schon die 16.000 Tonnen - oder anders gerechnet: eine Million Becher Skyr im Jahr 2016 (plus 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) - wurden nicht nur auf Island, sondern auch von Partnern auf dem skandinavischen Festland produziert.

Ernährungswissenschaftlerin Herrmann aus Osnabrück will nicht so ganz in den Lobgesang der Molkereikonzerne einstimmen. Ihr Urteil zu Skyr fällt hart aus: „Skyr ist ein Produkt, dass die Welt, zumindest aber der deutsche Verbraucher, nicht wirklich braucht.“ Derselbe Geschmackseffekt lasse sich nämlich auch erzielen, wenn man Magerquark mit Wasser verrührt. Und auch an der Preisgestaltung hat die Professorin etwas auszusetzen, denn Skyr ist in aller Regel etwas teurer als die Quark- oder Joghurt-Konkurrenz. „Der Verbraucher zahlt quasi einen Island-Aufschlag für das gute Marketing“, sagt Herrmann.

Die Experten beim Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik (DIL) in Quakenbrück haben derweil noch einmal in Sachen Umweltfreundlichkeit von Skyr nachgerechnet. Das Ergebnis: Joghurt sei billiger und auch im Sinne der Umwelt besser als das verarbeitungsintensivere Skyr. Was nämlich den CO2-Fußabdruck des Milchproduktes angeht, verorten die DIL-Fachleute Skyr auf Augenhöhe mit Butter oder Frischkäse: also 2,1 bis 3 Kilogramm CO2 pro Kilogramm Skyr.

DIL-Sprecher Sebastian Biedermann räumt dem Produkt aber dennoch gute Chancen in den deutschen Kühlregalen ein, weil es mit seinem hohen Proteingehalt ernährungsbewusste Verbraucher anspreche. (Die Skyr-Ernährungswerte hat die Stiftung Warentest hier aufgelistet.)

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erstellt am 14.Mär.2017 | 10:42 Uhr

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