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Ernährung & Gesundheit

25. September 2016 | 10:51 Uhr

Bericht eines Insiders : Grauzone Psycho-Theraphie

vom

Bis zu 50 Wochen Wartezeit für einen Therapieplatz: Dabei gibt es Mittel und Wege für eine schnellere Hilfe - sie werden nur nicht so gerne kommuniziert.

Itzehoe | Stellen Sie sich vor, Sie sind krank, aber Hilfe bekommen Sie erst nach drei Monaten. "Immer mehr Menschen in der Psycho-Falle", titelte die "Schleswig-Holstein am Sonntag" vor einer Woche. Die Falle schnappt zu, weil es viel zu wenige kassenzugelassene Therapeuten für immer mehr Patienten gibt. Psychoterapeutische Versorgung - auch nach der Reform im Januar 2013 eine verlassene Baustelle?

Tatsächlich ist das Problem viel älter, manifester und einschneidender, als die aktuellen Zahlen es darstellen. "Patienten werden nicht ausreichend oder sogar falsch informiert", sagt Heinrich Thomsen, der in Itzehoe zusammen mit seiner Kollegin Ellen Weinreich die Praxis "Die Psychologen" betreibt. Er geht scharf mit Kassen, Kammern und Kollegen ins Gericht: Hilfe, sagt er, wäre vielfältiger und schneller möglich.

Auch Therapeuten haben Auswahl-Kriterien

Die Statistik ist gnadenlos. 14,6 Wochen müssen Hilfesuchende in Schleswig-Holstein durchschnittlich auf ein Erstgespräch warten, 15 Tage länger als im Bundesdurchschnitt. Für Thomsen ist aber auch diese erschreckende Zahl Augenwischerei: "Ein Erstgespräch bedeutet noch lange keine Hilfe, sondern ist vielmehr Etikettenschwindel." Therapeuten, auch nur Menschen, hätten hier die Gelegenheit, den Hilfesuchenden erst einmal auszutarieren: Ist er attraktiv oder anstrengend. "Therapeuten haben da auch ihre Wünsche", sagt Thomsen, "aber das sind Dinge, über die man nicht so gerne spricht."

Kaum gesprochen wird auch darüber, dass psychisch gestörte Menschen ein Recht auf schnelle Hilfe haben - wenn sich kein Platz bei einem kassenzugelassenen Therapeuten findet, dann auch bei einem Nicht-Kassentherapeuten. "Die Kassenärztliche Vereinigung erweckt gern den Eindruck, nur ihre Mitglieder könnten mit Kassen abrechnen; das stimmt nicht. Ich weiß, dass in Schleswig-Holstein etwa 50 von insgesamt 150 Kollegen ohne Kassenzulassung im Kostenerstattungsverfahren arbeiten", sagt Thomsen, der selbst aktuell 15 Patienten von acht unterschiedlichen Kassen behandelt. Unter der Hand, so schätzt er, "bieten vielleicht 30, 40 weitere ihre Dienste an".

Kostenerstattung bedeutet: Auch wenn der Therapeut nicht bei der Krankenkasse gelistet ist, übernimmt diese die Kosten für die Behandlung. Aber, so Thomsen, auch darüber wird nicht gerne gesprochen. Wer sowieso schon Hilfe braucht, muss sich zusätzlich durch einen Verfahrens-Dschungel schlagen. "Es ist leider ein sehr demütigender und entwürdigender Weg, der oft bis zur Erlangung einer angemessenen Behandlung gegangen werden muss", schimpft Thomsen. "Psychotherapie war zu lange das Monopol der Kassenärztlichen Vereinigung und auch heute noch ist sie bemüht, den Markt zu begrenzen und zu kontrollieren auf Kosten der Patienten."

"Selbstbestimmung" und "Würde"

Vor allem um Qualität zum Wohle des Patienten geht es. Die Worte "Selbstbestimmung" und "Würde" fallen da - und der Hinweis, dass er, Thomsen, bereits 1997, also zwei Jahre, bevor der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (GBA) die Anzahl der Therapeuten im Land per Bedarfsplanungs-Richtlinie festlegte, deutlich und öffentlich auf die "dramatischen Unterversorgung im Bereich der Psychotherapie" hinwies. Aktuell sind rund 22.000 Therapeuten zugelassen, der GBA geht in seiner Reform jedoch davon aus, dass 15.000 Praxen den Bedarf in Deutschland decken müssen - für suchende und wartende Patienten ein Schlag ins Gesicht.

"Wenn zum Beispiel die Diagnose ,Angststörung des Hausarztes vorliegt, dann muss eine Therapie binnen sechs Wochen begonnen werden, sonst ist die Gefahr einer Chronifizierung enorm groß", sagt Thomsen und unterstreicht noch einmal: "Wohlgemerkt: Es geht hier um den Beginn der Behandlung und nicht etwa um ein Erstgespräch." Denn bis zu einer Behandlung, auch das dokumentiert die Statistik gnadenlos, können in Lübeck 21,7, in Neumünster 30,8, in Pinneberg 34 und in Dithmarschen 50 Wochen vergehen. Wie groß die Not der Hilfesuchenden ist, zeigt eine weitere Zahl: Das Item "Wichtige Hinweise für alle, die auf der Suche nach einem Therapieplatz sind", das Thomsen und Weinreich auf ihrer Homepage installiert haben, wird täglich mehr als 60 Mal angewählt.

Mehr Transparenz für Patienten

Wenn Sie mutig auf die Suche nach einer qualifizierten Behandlung gehen, müssen Sie leider einiges aushalten, aber Sie können so auch Ihre Interessen und Ihre Würde wahren lernen", heißt es dort. Und Thomsen, selbst vier Jahre lang Mitglied der Psychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein, kritisiert am gleichen Ort: "Ich habe als Mitglied der Kammerversammlung vergeblich versucht, mehr Transparenz für die Patienten zu schaffen und die Psychotherapeutenkammer mehr in die Pflicht zu nehmen. Dies scheiterte leider am über alle Berufsverbände hinaus gehenden Widerstand anderer Kammerversammlungsmitglieder und Verbandsfunktionäre."

Patientenrechte - Unzumutbar: Wartezeiten über sechs Wochen

Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung informiert Patienten in ihrem Flyer "Psychotherapie in der Kostenerstattung": "Sie können direkt, ohne Überweisung, einen Psychotherapeuten aufsuchen." Und: Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) und Krankenkassen sind gesetzlich verpflichtet, Ihnen eine Psychotherapie zu ermöglichen. Wenn Sie jedoch innerhalb einer angemessenen Wartezeit keinen kassenzugelassenen Psychotherapeuten finden, können Sie sich diese Leistung selbst beschaffen. Ihre Krankenkasse ist verpflichtet, die entstandenen Kosten zu erstatten (§ 13 Abs. 3 SGB V).

Die Gerichte lehnen Wartezeiten, die über sechs Wochen hinausgehen, als unzumutbar ab und Ihnen sind mehr als fünf Anfragen bei Vertragsbehandlern aus fachlichen Gründen und im Sinne des Gebots einer humanen Krankenbehandlung nicht zuzumuten.

Im Ratgeber "Kostenerstattung" der Bundespsychotherapeutenkamm heißt es: "Wartezeiten über drei Monate gelten grundsätzlich nicht als zumutbar. Die Bundespsychotherapeutenkammer hält aus fachlicher Sicht Wartezeiten von mehr als drei Wochen für nicht vertretbar." Das unterstreicht Juliane Dürkop, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein: "Ziel muss es sein, die Wartezeiten psychisch kranker Menschen auf drei Wochen zu verringern."

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erstellt am 19.Apr.2013 | 04:32 Uhr

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