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Ernährung & Gesundheit

01. Oktober 2016 | 22:38 Uhr

Daten in die USA übertragen : Datenschützer warnt vor neuem Diabetes-Messgerät

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Patienteninformationen werden mit der Nutzung in die USA weitergeleitet. „Dort kann alles mit den Daten passieren“.

Freestyle Libre: Für Mediziner ist das Gerät mit dem blumigen Namen ein Meilenstein in der Diabetestherapie. „Auf eine solche Alternative zur traditionellen Blutzuckermessung haben Menschen mit Diabetes und wir Ärzte lange gewartet“, sagt Prof. Morten Schütt, Diabetologe an der Uni-Klinik Lübeck und Vorsitzender des Landesverbands der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

Thilo Weichert beurteilt das neue Zuckermessgerät des amerikanischen Herstellers Abbott dagegen als gefährlich – und zwar für die Datensicherheit deutscher Patienten: „Mit der Nutzung werden sensible Informationen in die USA übertragen. Und der Patient hat keine Kontrolle darüber, was dort damit passiert“, sagt der Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz.

Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz.
Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz. Foto: dpa
 

Freestyle Libre, das in Deutschland seit November 2014 auf dem Markt ist, misst über einen Sensor am Oberarm permanent die Zuckerkonzentration im Blut. Um den Wert zu ermitteln, scannt der Diabetiker den Sensor mit einem Lesegerät: Der Piks in den Finger mehrmals am Tag ist nicht mehr notwendig. Neben dem aktuellen Wert zeigt das Display das Profil der letzten acht Stunden und einen „Trendpfeil“ an.

Will der Patient allerdings Daten über einen längeren Zeitraum speichern, etwa um ein Krankentagebuch zu führen, muss er über das Internet die dazu gehörige Software laden. Über den Klick auf einen „Akzeptieren“-Knopf stimmt er dabei zu, dass seine Angaben auf einen Server in den USA übertragen werden. Dazu gehören zum Beispiel Einträge zum Bewegungs- und Essverhalten sowie Messprotokolle.

Dass der Patient durch die Gerätenutzung gezwungen sei, Gesundheitsdaten in die USA weiterzugeben, ist für Weichert nicht akzeptabel. Zumal er darüber nicht gesondert informiert werde. „Alles“ könne jenseits des Atlantiks mit den Daten passieren, warnt er. „In den USA gibt es keine verlässliche Kontrollinstanz oder eine ärztliche Schweigepflicht wie bei uns.“ Es könne nicht sein, dass deutsche Patienten auf eine „hochproblematische amerikanische Infrastruktur“ angewiesen seien.

Abbott teilt auf Anfrage mit, die Gesundheitsdaten zu anonymisieren. Eingesetzt würden sie im Forschungszentrum des Unternehmens in den USA zur „Weiterentwicklung“ der Produkte.

An eine tatsächliche Anonymisierung – bei der eine Zuordnung von Daten zu einer bestimmten Person nicht mehr möglich ist – glaubt Weichert jedoch nicht. Er geht davon aus, dass der Konzern lediglich eine Pseudonymisierung vornimmt. Das heißt: Namen werden etwa durch Kennzahlen ersetzt. „Dabei lässt sich immer noch nachvollziehen, um wen es geht. “

Die DAK fühlt sich von der Kritik des Datenschützers nicht betroffen. Sie will das Gerät im Juni als nach eigenen Angaben erste Krankenkasse an 1000 schwer zuckerkranke Versicherte bundesweit ausgeben. Etabliert sich das Verfahren, soll es in die Regelversorgung aufgenommen werden. „Wir liefern das Gerät ohne Software aus, es ist nicht mit Abbott verbunden“, betont Dorothea Wiehe von der DAK. Das Programm zu installieren, sei eine individuelle Entscheidung und auch gar nicht notwendig. „Die ursprünglichen drei Angaben auf dem Display reichen vollkommen aus, um den Diabetes optimal zu managen.“

Thilo Weichert will nun das Gespräch mit dem Gerätehersteller suchen. Das Ziel: Eine Sonderregelung zu vereinbaren, die sich an deutschen Datenschutzrichtlinien orientiert – und verhindert, dass sensible Informationen an Dritte, „wie etwa die NSA“, weitergegeben werden könnten.

„Aktuell arbeiten wir daran, es für unsere Kunden leichter zu machen zu verstehen, wann welche Daten gesammelt werden“, teilt Abbott unterdessen mit. Inzwischen rät die Firma Nutzern, die keine Informationen über ihre Mahlzeiten oder Insulindosierungen weitergeben möchten, „den Computer vom Internet zu trennen, während das FreeStyle Libre-Lesegerät mit dem Computer verbunden ist“. So könnten sie sicherstellen, dass keine Daten übertragen würden.

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