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Unternehmensnachfolge

31. August 2016 | 18:02 Uhr

Unternehmensnachfolge : „Nicht nur auf einen Nachfolger schielen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Senior-Chefs sollten sich überlegen, wie der Betrieb auch künftig ohne sie innovativ aufgestellt sein kann, rät Unternehmensberater Jürgen M. Boedecker

Herr Boedecker, in Schleswig-Holstein existieren überdurchschnittlich viele Kleinstunternehmen, also Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten. Worauf sollten die Senior-Chefs, die eine Übergabe des Unternehmens planen, besonders achten?
Wenn ich eine erfolgreiche Unternehmensübergabe erreichen will, darf ich nicht primär einen Nachfolger suchen, sondern sollte zunächst eine gute Idee für die Zukunft finden.

Wie meinen Sie das?
Die Unternehmensnachfolge bedeutet primär die Übernahme zukünftiger Einkommen. Der Senior-Chef sollte sich daher zuerst fragen, womit sein Unternehmen auch zukünftig Geld verdienen kann, und welchen Nutzen es einem möglichen Nachfolger bietet. Erst danach stellt sich die Frage, wer aus der Familie, dem Mitarbeiterkreis oder weiteren Unternehmensumfeld dieses Zukunftskonzept realisieren sollte. Jeder Unternehmer sollte sich fragen: Wie kann mein Unternehmen in dem sich verändernden Markt- und Wettbewerbsumfeld bestehen? Wie mache ich mein Unternehmen zukunftsfähig, damit es Einkommen und Auskommen meines Nachfolgers sichert?

Sind die derzeitigen Unternehmer zu wenig mutig, zu wenig innovativ? Oder warum ist es häufig so schwierig, einen Nachfolger zu finden?
Mehr als die Hälfte der erfolgreichen Unternehmer startet mit einer konkreten Geschäftsidee, etwa 25 Prozent sogar mit echten Innovationen. Bei den heute übergabewilligen Senior-Chefs war es wahrscheinlich ebenso. In den letzten Jahrzehnten haben sie kontinuierlich an der Umsetzung ihrer Idee gearbeitet. Da ist es emotional nicht immer einfach, ein neues Geschäftsmodell zu starten. Es fehlt mit der Zeit die Innovationskultur im Unternehmen. Mögliche Nachfolger aus der Familie oder dem Mitarbeiterkreis erhalten daher nicht die erforderlichen Freiräume, um sich im Unternehmen auszuprobieren und ihre Ideen zu realisieren. Sie schlagen dann oftmals eine andere Laufbahn ein, gründen vielleicht sogar ihr eigenes Unternehmen. Dabei wäre eine Nachfolge wahrscheinlich für alle Beteiligten der Königsweg. Und noch eines ...

...ja bitte...
Möglicherweise wird auf diese Weise viel Potenzial verschenkt. Unter den 20- bis 35-jährigen Deutschen können sich gut 20 Prozent eine unternehmerische beziehungsweise selbständige Tätigkeit grundsätzlich vorstellen. Aber wird dieser Generation Y ein entsprechender Wechsel aus der abhängigen Beschäftigung auch ausreichend schmackhaft gemacht? Erhalten sie frühzeitig unternehmerische Spielräume? Bekommen sie die Faszination des Unternehmertums zu spüren? Aktuell sind in Deutschland etwa zehn Prozent der Erwerbstätigen als Unternehmer und Freiberufler tätig. Ließe sich das in der Generation Y bestehende Potenzial tatsächlich heben, könnte uns ein Gründer- und Übernahmeboom bevorstehen.

Wie schaffe ich den Schritt, an einen möglichen Nachfolger ranzukommen?
Der wesentliche Schritt bei der Unternehmensnachfolge ist, dass der Senior-Unternehmer sich frühzeitig eingesteht: Mein Leben ist endlich! Und konsequenter Weise sollte er sich dann auch fragen: Wie soll es im Eventualfall mit meinem Unternehmen beziehungsweise Lebenswerk weitergehen? Als Antwort auf diese Frage ergibt sich meist auch eine Liste von bereits bekannten Personen, die das Unternehmen vorübergehend führen und später übernehmen könnten. Hieraus lassen sich Notfall- und Nachfolgelösungen entwickeln. Anderenfalls kann der Senior-Chef aber auch seine Erwartungen an einen möglichen Nachfolger formulieren und dann mit Unterstützung Dritter gezielt nach diesem suchen. Seine Überlegungen sollte der Senior-Chef aber immer frühzeitig mit der Familie und möglichen Nachfolgekandidaten besprechen.

Was spricht dafür, ein Unternehmen zu übernehmen statt ein eigenes zu gründen – vor allem für den Fall, dass man schon eine eigene innovative Idee hat?
Innovative Ideen entstehen ja üblicherweise nicht im freien Raum. Und jedes bestehende Unternehmen verfügt außerhalb der Bilanz über immaterielle Werte, die ein neu gegründetes erst zeitaufwändig schaffen muss. Dazu zählen beispielsweise der Mitarbeiterstamm, bereits definierte Leistungen und Geschäftsprozesse und nicht zuletzt bestehende Beziehungen zu Kunden und Lieferanten. In der Unternehmensnachfolge lassen sich diese immateriellen Werte mit neuen Ideen verbinden, um auf Basis des Vorhandenen zusätzliche Geschäftsfelder zu erschließen. Beispielsweise sei hier ein Hersteller von Metallgeflecht genannt, der seine Basisleistung zu innovativen Lösungen für Filtertechnik und Medien ausgebaut hat. Heute resultieren seine Umsätze überwiegend aus den damit verbundenen Dienstleistungen. Der rentable Geschäftsbetrieb und aktuelle Markterfolge haben aber natürlich ihre starken Wurzeln in der Vergangenheit.

Unterscheidet sich die Übernahme-Planung für Handwerksbetriebe von denen aus Handel und Industrie?
Vom Grundsatz nicht. Entscheidend ist nicht die Kammerzugehörigkeit. Eher kommt es auf die Größe von Unternehmen, Gesellschafterkreis und Familie an.

Was geben Sie Menschen, die ihr Unternehmen abgeben wollen, mit auf den Weg?
Wer sein Unternehmen weitergeben möchte, der sollte damit frühzeitig beginnen. Wir unterscheiden die drei Phasen „Überlegen“, „Kommunizieren“ und „Erhalten“. Das bedeutet: Zunächst darüber nachdenken, wie die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit des Unternehmens gesichert werden kann und welche Personen für die Leitung in Frage kommen. Danach sollte der Senior-Chef seine Überlegungen und Vorstellungen mit der Familie und externen Kandidaten besprechen sowie erforderlichenfalls anpassen. Nicht vergessen darf man auch die gezielte Vorbereitung der Kandidaten auf ihre zukünftige Rolle. In der dritten Phase kann dann die rechtliche Ausgestaltung und eigentliche Übergabe erfolgen. Wer alle drei Phasen systematisch abarbeitet, der steigert die Chancen einer erfolgreichen Unternehmensnachfolge enorm. Er sichert die unternehmerische Identität und Tradition seines Familienunternehmens.

Jürgen M. Boedecker ist Gründer und Inhaber der Unternehmensberatung Boedecker.Colleagues mit Büros in Friedrichskoog und Hamburg. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die Beratung bei Unternehmensnachfolgen.

 

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erstellt am 13.Jan.2016 | 15:04 Uhr

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