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Beruf & Karriere

08. Dezember 2016 | 03:17 Uhr

Eine Frage der Schere : Über das schwierige Handwerk der Friseure

vom

«Den ganzen Tag auf den Beinen und nichts verdient» - der Friseurberuf kämpft mit einem schlechten Image und sinkenden Ausbildungszahlen. Was hat sich seit Einführung des Mindestlohns verändert? Bestandsaufnahme vor der großen Branchenmesse in Nürnberg.

Bob geht immer. Ansonsten: lange Haare, Locken, viel Natürlichkeit. Folgt man den Trends der Friseurmesse «Haar 2016», soll es so auf den Köpfen im Herbst und Winter aussehen. Eins aber ist gewiss: Kein Lang- oder Kurzhaarschnitt ohne Kamm und schnittkräftige Frisuren-Schere.

Jennifer Schropp hat sich erst neulich eine neue Haarschere bestellt. Die 21-Jährige arbeitet seit drei Jahren als Friseurgesellin in einem Unterallgäuer Salon. Sie sagt: «Ich brauchte mal wieder richtig gutes Arbeitszeug.» Die neue Schere schneidet aber auch ein Loch in ihren Geldbeutel. Den Preis von rund 500 Euro bezahlt die Friseurin aus ihrer eigenen Tasche.

Ein Einzelfall ist das nicht. Kamm, Schere, Bürsten: Friseure zahlen ihr Grundwerkzeug in der Regel selbst. «Eigentlich sollten das die Betriebe bereitstellen», meint Kai Winkler, Leiter des Verdi-Fachbereichs Bayern für besondere Dienstleistungen. Im Tarifvertrag sei für solche Anschaffungen ein Scherengeld festgelegt. Aber die Realität sehe meist anders aus. «Einige müssen komplett selber kaufen, oder das bereitgestellte Werkzeug ist so schlecht, dass sich die Arbeitnehmer freiwillig ihr Zeug kaufen», sagt er.

Thomas Wagner sieht einen weiteren Grund. Er kümmert sich als Lehrlingswart des Friseurhandwerks um Auszubildende im Unterallgäu. «Wenn das ganze Arbeitsgerät vom Betrieb gestellt wird, dann gehen die Angestellten nicht sorgsam damit um», sagt er. Außerdem wäre «das Chaos groß, wenn sich alle vom selben Werkzeugwagen bedienen würden.» Ihm sei es wichtig, dass die Angestellten hochwertiges Equipment kaufen und es pflegen. Deshalb übernehme er in seinem Betrieb zusätzlich zum vorgeschriebenen Zuschuss die Mehrwertsteuer der Geräte und mache Sammelbestellungen. «Dann kommt eine gute Schere noch auf 150 Euro, eine Bürste auf fünf bis acht Euro.» Bei guter Pflege halte eine Schere zehn Jahre.

Kann man von überschaubaren Beträgen sprechen in einer Branche, die wegen niedriger Löhne schon lange mit einem negativen Image kämpft? Seit August 2015 gibt es für Friseure eine einheitliche Lohnuntergrenze von 8,50 Euro. In Bayern liegt der Einstiegslohn für Gesellen etwas darüber, bei 8,83 Euro. Bereits 2013 hatten sich die Landesinnungsverbände im Friseurhandwerk mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi auf einen bundesweiten tariflichen Mindestlohn geeinigt. In drei Stufen wurden die Löhne seitdem angepasst und erhöht.

«Der einheitliche Mindestlohn war längst überfällig», sagt Wagner. Zuvor habe man vom Friseurberuf kaum leben können. Das sei jetzt schon viel besser. Dennoch sei das Friseurhandwerk immer noch das billigste Handwerk überhaupt. «Wenn man sein Auto drei Stunden in einer Kfz-Werkstatt reparieren lässt, rechnet man mit 300 Euro», sagt er, «wenn nach drei Stunden die Frisur fertig ist und es 100 Euro kostet, sind alle empört.»

Auch Verdi-Sekretär Winkler findet, dass sich die Situation generell deutlich verbessert hat. Doch für Auszubildende gilt der Mindestlohn nicht, sie werden weiter unterdurchschnittlich bezahlt. Verdi fordert deshalb, dass auch Azubis einheitlich bezahlt werden.

Die schlechte Vergütung schrecke immer noch viele junge Leute ab, beobachtet Lehrlingswart Wagner. Die Lobby der Friseure sei schlecht. Er sagt: «Viele Jugendliche machen bei mir ein Praktikum, es gefällt ihnen, sie haben Talent. Wenn sie dann ihren Eltern erzählen, dass sie Friseurin werden wollen, fallen die aus allen Wolken.» Die Folge: Für das laufende Lehrjahr haben sich im gesamten Unterallgäu nur 19 Lehrlinge angemeldet.

Dass es mit dem Nachwuchs schwieriger geworden ist, sagt auch Harald Esser, Präsident des Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks: «Der demografische Wandel hat uns erwischt.» Das sei aber kein Problem der Friseure, sondern generell ein Problem des Handwerks. «Man geht lieber mal studieren», sagt er. Zudem gebe es heute weniger junge Menschen als früher.

Auszubildende würden je nach Bundesland unterschiedlich bezahlt, da gebe es ein ziemliches Gefälle. «Das haben wir im Visier.» Das sei aber nicht der Grund, warum sich weniger junge Menschen für den Beruf entschieden. Die einheitliche Lohnuntergrenze für ausgebildete Friseure habe sich bewährt, sagt Esser. Das Friseurhandwerk sei so etwas aus der Tarif-Schmuddelecke herausgekommen. Das habe aber auch mitunter zu höheren Preisen für Kunden geführt.

«Eine gute Vergütung hat auch mit Anerkennung zu tun», sagt die Gesellin Jennifer Schropp. Das müssten vor allem die Kunden verstehen. «Jeder legt Wert auf sein Äußeres und möchte von einer Friseurin bedient werden, die ihren Beruf liebt und etwas kann. Das kann man bei einem Zehn-Euro-Schnitt nicht erwarten.»

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erstellt am 17.Okt.2016 | 11:20 Uhr

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