zur Navigation springen

Auto & Verkehr

09. Dezember 2016 | 14:34 Uhr

ADAC-Verkehrsforum in Neumünster : Autonomes Fahren: So verändern Roboter-Autos die Branche – und unser Leben

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Automobilbranche bereitet sich auf einen radikalen Umbruch vor. Währenddessen warnen Datenschützer in Neumünster vor Datenlecks und Fahrprofilen der Nutzer.

Neumünster | Autonomes Fahren ist der momentane Hype schlechthin unter den Autoherstellern. Roboter-Autos, die selbständig am Straßenverkehr teilnehmen. Maschinen, in denen die Menschen nur noch Passagiere sind, geleitet und gelenkt von internetbasierten Systemen. Die Zukunft des Verkehrs ist weitgehend automatisiert.

Beim ADAC-Verkehrsforum „Auf dem Weg zum automatisierten Fahren“ auf dem Gelände der Neumünsteraner Holstenhallen haben am Donnerstag rund 150 Experten über Auswirkungen auf die Infrastruktur, rechtliche Rahmenbedingungen und Testverfahren für automatisiertes Fahren diskutiert. (Das shz.de-Videoteam war mit der Kamera vor Ort. Das Video sehen Sie im Laufe des Tages.)

Auch der Datenschutz stand dabei im Fokus, denn selbstfahrende Autos eröffnen zwar viele Chancen, aber eben auch Risiken. Datenschutz-Experte Thilo Weichert hat von der Politik ein strenges Regelwerk für den Datenschutz beim automatisierten Fahren gefordert. „Es geht um die Frage, wie dürfen die Daten von wem zu welchem Zweck ausgewertet werden“, sagte Weichert. Als Beispiele nannte er mögliche Bewegungsprofile der Autos und auch die Möglichkeit, über die von der Technik erfassten Daten Fahrprofile der Nutzer zu erstellen. Eine Möglichkeit seien Pseudo-Profile der Nutzer.

Ein weiteres Risiko besteht in der natürlichen Gefahr des Straßenverkehrs und der Frage: Wer trägt in unvermeidbaren Unfall-Szenarien die Verantwortung? Am Donnerstag stieß ein Autofahrer auf der A24 in Richtung Hamburg mit einem Reisebus zusammen. Der Tesla-Autopilot soll laut Fahrerangaben nicht funktioniert haben. Bereits im Mai war ein Mann in den USA gestorben, weil er mit einem automatisierten Fahrsystem des Elektroauto-Herstellers gefahren ist, das die weiße Wand eines Lkw nicht erkannt hatte. Die Technik-Philosophin und Roboter-Ethikerin Dr. Janina Sombetzki erhofft sich einen ethischen Diskurs zum autonomisierten Fahren, der bislang aber noch nicht in die Gänge gekommen ist.

Fahrdienst Uber: Roboter-Taxen in den USA im Test

Während automatisiertes Fahren in Schleswig-Holstein noch Zukunftsmusik ist, warten in den USA bereits die ersten Roboter-Taxen auf Fahrgäste. Als Kunde des Onlinefahrdienstes Uber in Pittsburgh hat man die Chance, dass nach der Bestellung per App ein selbstfahrender Ford aufkreuzt. Die Fahrkünste des Computers werden noch von Uber-Mitarbeitern überwacht, die gelegentlich eingreifen. Aber in Pittsburgh – genauso wie in Singapur beim Start-up NuTonomy zusammen mit dem asiatischen Uber-Konkurrenten Grab – passiert es gerade zum ersten Mal, dass nicht nur Techniker, sondern auch Menschen von der Straße in Roboterwagen sitzen.

Start-ups zwingen Autobauern zum Handeln

Viele Autohersteller arbeiten an selbstfahrenden Autos – auch aus Sorge, dass Technologiekonzerne aus dem Silicon Valley sonst ihren Platz einnehmen könnten. Durch die Google-Heimatstadt Mountain View surren schon seit Jahren die kleinen elektrischen Zweisitzer des Internet-Konzerns mit ihren rotierenden Laser-Radar-Aufsätzen auf dem Dach. Ford, BMW, die Opel-Mutter General Motors – alle kündigten inzwischen eigene selbstfahrende Fahrzeuge bis zum Jahr 2021 an. Auch Apple soll ein Auto planen, das keinen Fahrer mehr braucht. Und das wird die Branche massiv verändern.

Denn Roboterwagen führen die Autokonzerne auf ein neues Terrain mit anderen Spielregeln. Markenbindung, Vertriebskanäle, über Jahrzehnte gewachsenes Know-How in Entwicklung und Produktion – alles wird infrage gestellt. Experten sind sich einig, dass die selbstfahrenden Autos in großem Stil als Roboter-Taxis in der Stadt eingesetzt werden. Und diese werden mit ziemlicher Sicherheit elektrisch sein.

Und mit Elektrowagen, die einfacher zu bauen und zu warten sind, sinkt zudem drastisch die Einstiegshürde für neue Player in den Markt. Tesla machte vor, wie ein neuer Hersteller entstehen kann. In China wollen das Firmen wie LeEco mit dem US-Ableger Faraday Future schaffen. In Europa kündigte gerade erst das Start-up Amber Mobility ein Elektroauto aus eigener Entwicklung an, das für 33 Euro pro Woche im Carsharing-Verfahren zur Verfügung stehen soll. Mit der Zeit sollen auch beim Amber One Roboterwagen-Fähigkeiten dazukommen.

In dieser Situation ist es kein Wunder, dass sich die Autobauer in den vergangenen Monaten in Partnerschaften mit Anbietern von Fahrdienst-Apps stürzten. Ford und Volvo stellen Uber Fahrzeuge zum Umbau in selbstfahrende Autos zur Verfügung. GM investierte Anfang des Jahres eine halbe Milliarde Dollar in den amerikanischen Uber-Rivalen Lyft, Volkswagen 300 Millionen Dollar in den ähnlichen Dienst Gett, Daimler ergänzte seine App MyTaxi jüngst mit dem Taxi-Vermittler Hailo. Die französischen Konzerne Peugeot und Renault kündigten vor dem Pariser Autosalon den Aufbau eigener Mobilitätsdienste an.

Elektroautos dominieren den Pariser Autosalon

Für den am Wochenende startenden Automobilsalon ist Paris die richtige Adresse – alte Autos werden schon heute aus der französischen Hauptstadt verbannt. Fast alle Autokonzerne präsentieren in Frankreich elektrische Neuheiten. Getrieben durch den Dieselskandal und neue Konkurrenten wie Tesla wollen insbesondere die Deutschen ihre Flotten in den kommenden Jahren stärker elektrifizieren.

„Die Zukunft fährt elektrisch“, sagt VW-Konzern-Chef Matthias Müller. Er selbst präsentiert das mit Spannung erwartete E-Auto I.D., Opel den neuen Ampera-e. Beide Fahrzeuge sollen die Autohersteller für die Zukunft rüsten.

Nissan nutzt den Hype – und baut einen selbstfahrenden Stuhl

Auch der japanische Autobauer Nissan hat im Zuge des Trends einen neuen Weg eingeschlagen. Um seine autonomen Fahrfunktionen einem breiten Publikum bekannt zu machen, hat Nissan einen selbstfahrenden Stuhl für Warteschlangen entwickelt. Der „ProPILOT Chair“ wartet mit dem Besucher selbstständig in der Schlange und rückt nach. Der Nutzer muss nicht stehen und kann sich anderen Tätigkeiten widmen.

Damit dieses Wunderwerk seine Aufgabe erfüllen kann, ist es vollgestopft mit High-Tech aus dem Fahrzeugbau, denn dort kennt sich Nissan naturgemäß aus. Der Name „ProPILOT“ wird auch für das Vorzeigebeispiel für teilautonomes Fahren verwendet: Dem Minivan Nissan Serena. Er hält den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und die Spur auf der Autobahn. Was also die Autos können, das kann jetzt auch der Stuhl.

(mit dpa)

zur Startseite

von
erstellt am 29.Sep.2016 | 14:02 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen