ZEITGESCHICHTE

 

Eindrücke des Dramatikers Vaclav Havel

"Frei und frech"

30. November 2009 | 17:15 Uhr | Von Steffen Neumann

Im November 1989 wollte sich Vaclav Havel von den aufwühlenden Ereignissen der letzten Zeit erholen. Das antwortete der Dramatiker noch Ende Oktober 1989 dem Mitunterzeichner der Charta 77, dem Pfarrer Zdenek Barta, als dieser ihn einlud, in seiner Gemeinde einen Vortrag zu halten. Havel war gerade einmal wieder von der Staatssicherheit der CSSR wegen des anstehenden Gründungstages der demokratischen Tschechoslowakei 1918 vorgeladen worden. Das passierte immer dann, wenn ein Datum nahte, für das die Opposition Proteste plante. Und in jenem Herbst war die Situation angespannter denn je. In Polen regierte bereits die Freiheitsbewegung Solidarnosc mit, in der DDR wackelte die Mauer. Selbst der Geheimdienstoffizier fragte deshalb: "Und, Herr Havel, was denken sie: Wann knallt es bei uns?"

Als es dann am 17. November wirklich knallte, fuhr Havel in sein Ferienhaus. Das Fernbleiben von Prag war weniger der Erholung, sondern Havels Bescheidenheit geschuldet. "Ich stand damals nicht nur im Visier der Staatssicherheit, sondern auch der Westmedien. Ich hatte das Gefühl, dass ich den Studenten etwas wegnehme", sagt der Mann heute, der nach dem Prager Frühling 1968 zur Führungsfigur der tschechoslowakischen Dissidenten geworden war.
Einen Tag später war der Dramatiker dann doch wieder in Prag und begann, im Bürgerforum die Opposition zu einen. Neben der Nationalstraße und dem Wenzelsplatz entwickelten sich die Theater zu dem Ort, an dem die "Samtene Revolution" ihren Lauf nahm. In der berühmten "Laterna Magika" versammelten sich die Künstler zum Theaterstreik. Dort  hielt das Bürgerforum seine Pressekonferenzen ab.

Nostalgie bei jungen Leuten ist für Havel ein Ausdruck mangelnder Bildung

20 Jahre später sitzt Havel wieder in grauen Jeans und Pullover auf der Bühne, nur wenige hundert Meter von der "Laterna Magika" entfernt im Prager "Theater am Geländer". Hier hat er als Künstler "die schönsten Jahre meines Lebens" verbracht. Auch diesmal ist eine Pressekonferenz der Anlass. Havel hat den Ort bewusst gewählt, um "die Atmosphäre von damals mit all ihrer Improvisation wiederaufleben zu lassen". Wenn Havel eine Bilanz der letzten 20 Jahre zieht, dann sind für ihn die Ereignisse von damals eine dringend nötige Inspiration für die Gegenwart. "Lasst uns versuchen, so wie damals zu reden: frei und frech!", fordert er seine Landsleute auf.

Dabei zeigt Havel - zumindest mit Blick auf die ältere Generation - durchaus Verständnis für die Sehnsucht nach der Zeit des Sozialismus, die sich in vielen Ländern des früheren Ostblocks zeigt. "Ich habe das Phänomen des Postkommunismus immer mit meiner Entlassung aus dem Gefängnis verglichen. Dort war für alles gesorgt, und man musste nichts entscheiden. Wenn man dann rauskommt, wird man von der Freiheit regelrecht erdrückt. Allein bis man morgens aus dem Haus geht, muss man 15 Entscheidungen treffen, dass einem davon der Kopf brummt." Nostalgie bei jungen Leuten ist für Havel dagegen ein Ausdruck mangelnder Bildung.

Als Hauptproblem sieht der Mann, den seine Landsleute noch 1989 in die Präsidentenresidenz in der Prager Burg wählten, aber weder die Nostalgie noch die Existenz einer weiterhin  starken kommunistischen Partei in Tschechien an. "Was mich mehr beunruhigt, sind der wachsende politische Druck auf die Medien und die Korruption", warnt Havel. Zu sehr werde das politische Leben noch von der "Generation 50plus" bestimmt, die während der sogenannten Normalisierung aufgewachsen sind. Diese Zeit, die auf die Niederschlagung des Prager Frühlings folgte, war bestimmt von Vorsicht, Enge und Angst. "1989 hatte ich gedacht, wir könnten uns eher davon befreien, aber das ist eine Aufgabe für Jahrzehnte. Inzwischen warte ich auf die Kinder dieser Leute", sagt der 73-Jährige. Die Zeit für die Presse ist begrenzt, wie 1989. Als Havel sich erhebt, wendet er sich in einem plötzlichen Einfall amüsiert um. "Wir müssen das Victory-Zeichen machen, so wie damals", und grinst in die Kameras.


 

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