ZEITGESCHICHTE

 

Hintergrund

Das sanfte Ende des Kommunismus in Prag

30. November 2009 | 17:08 Uhr | Von uli

Tatsächlich ging der Umsturz im Herbst 1989 erstaunlich unspektakulär über die Prager Bühne. Lange hatten Tschechen und Slowaken nahezu lethargisch verfolgt, wie die Polen am Runden Tisch die Freiheit erkämpften, wie die Ungarn die Grenzen zu Österreich niederrissen und sich auf diesem Weg ein Flüchtlingsstrom aus der DDR in den Westen ergoss. Schließlich retteten sich sogar tausende Ostdeutsche in die  BRD-Botschaft in Prag. Doch  selbst am 9. November, als  in Berlin die Mauer fiel, herrschte auf dem Wenzelsplatz  weiterhin eine unwirkliche Ruhe. An jenem legendären Ort in der tschechischen Hauptstadt, an dem die Menschen während des Prager Frühlings 1968  so vehement  einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz gefordert hatten. Und nun, gut 20 Jahre später? Nichts.

Bis zum 16. November. An diesem Tag protestierten im  slowakischen Bratislava tausende Studenten. Am Tag darauf strömten rund 15000 junge Leute ins Zentrum von Prag. Die Staatsmacht ging gewaltsam gegen die Demonstranten auf dem Wenzelsplatz vor. Ein wenig zumindest. Es gab Verletzte. Abschrecken ließen sich die Studenten davon allerdings nicht. Sie riefen an den  Universitäten Streiks aus.

"Warum  so spät, warum so einfach?"

Die Theater der Stadt schlossen sich an. Sie waren der Ort, an dem sich der Dramatiker und Bürgerrechtler Vaclav Havel fortan in Szene setzte. Der Mitbegründer der Menschenrechtsbewegung Charta 77 übernahm schnell die Führung der Opposition. Am 19. November gründete er das Bürgerforum, das zum Sammelbecken der "Revolutionäre" wurde. Es folgten Massendemonstrationen auf dem Wenzelsplatz. Am 24. November sprachen Havel und Alexander Dubek, der Führer und Verlierer des Prager Frühlings, zu den aufbegehrenden Bürgern. Sie forderten den Rücktritt der KP-Clique um Generalsekretär Milos Jakes. Und der nahm kurzerhand seinen Hut.
Es dauerte noch einen Monat, bis Kommunisten und Oppositionelle die sanfte Machtübergabe organisiert hatten. Die Verfassung wurde geändert, ein demokratisches Regelwerk installiert. Am 28. Dezember bestimmte die Abgeordnetenkammer  in Prag Dubcek zum Parlamentspräsidenten. Tags darauf wählten die Bürger Havel mit überwältigender Mehrheit zum Staatspräsidenten.

"Warum  so spät, warum so einfach?", fragen Experten wie der Prager Historiker Oldrich Tuma mit Blick auf die "Samtene Revolution". Als Erklärung führen sie meist die Enttäuschung der Tschechen und Slowaken über das Scheitern des Prager Frühlings an. In der CSSR sei den Menschen nach 1968 die Lust an der Revolution vergangen. Vielleicht verlief aber auch alles so sanft, weil ausgerechnet Vaclav Havel die Führung der Revolution übernahm. Jener Mann, der sich immer wieder als großer Fan der US-Rockgruppe "Velvet Underground" bekannt hatte - "Samtener Untergrund".


 

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