ZEITGESCHICHTE

 

Der Idealist als Revolutionär

"Ich habe zu viel Winnetou gelesen"

30. November 2009 | 16:37 Uhr | Von Ulrich Krökel

Das menschliche Antlitz des Sozialismus: Alexander Dubcek, der Führer des Prager Frühlings von 1968, bei der Demonstration auf dem Wenzelsplatz am 24. November 1989, die das Ende des Kommunismus in der CSSR besiegelte. Foto: dpa

Bild 1 von 2

Die Oppositionellen in der CSSR zögerten lange, bis sie im November 1989 auf die Barrikaden stiegen. Warum die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei so spät losbrach, fragte unser Politik-Redakteur Ulrich Krökel den 57-jährigen Rockmusiker Mikolas Chadima, der wie Vaclav Havel der Bürgerrechtsbewegung Charta 77 angehörte. Gelohnt hat sich der Kampf gegen die Kommunisten nicht, urteilt Chadima mit Blick auf die herrschende politische Klasse in Tschechien.

Herr Chadima, wie haben Sie die turbulenten Tage des November 1989 erlebt?
Ich hatte die idealistische Vorstellung, dass jeder die Revolution an seinem Platz machen sollte. Die Klügeren aus der Oppositionsbewegung sind zu Vaclav Havel gelaufen und haben sich auf diese Weise gute Positionen im Staatsdienst ergattert. Es war ja bald abzusehen, dass Havel der neue Präsident werden würde.

Wo war denn Ihr Platz damals?
Ich habe im Nationaltechnischen Museum als Offsetdrucker gearbeitet. 1988 haben wir einen neuen Museumsdirektor bekommen, einen Parteifunktionär, der für seine Karriere in der Kommunistischen Partei alles getan hat. Der wollte mich rausdrängen, denn ich galt als Regimegegner, als Querulant, seit ich die Charta 77 unterzeichnet hatte.

War er "erfolgreich"? Mussten Sie gehen?
Nein, meine Kollegen haben sich vor mich gestellt –  etwa 50 Leute, die gesagt haben: "Wenn Mikolas gehen muss, gehen wir auch." Unser neuer Chef hatte Angst vor den Negativschlagzeilen. Mit solchen Aktionen des passiven Widerstands begann bei uns 1989 die friedliche Revolution.

Wie konnten Sie von Ihrem Platz aus den Widerstand unterstützen?
Ich war natürlich im Herbst bei den Demonstrationen dabei. Außerdem haben wir Protestplakate und Flugblätter gedruckt. Und ich habe Musik gemacht, gegen das Regime angesungen.

Während des Prager Frühlings von 1968 galten die Tschechen und Slowaken europaweit als die Vorhut des antisowjetischen Widerstandes. 1989 begann der Umsturz in der CSSR erst sehr viel später als etwa in Polen, Ungarn und der DDR. Woran lag das?
(Lacht laut) Ja, wir dachten damals nach dem Mauerfall: Wenn sogar die Ostdeutschen Revolution machen, dann müssen wir ganz schnell auch auf die Barrikaden. Im Ernst: In der Tschechoslowakei gab es das Klischee, dass die DDR-Bürger mit Leib und Seele hinter dem Honecker-Regime stehen. Das war natürlich Unsinn. Tatsächlich war es so, dass die Tschechen aus allernächster Nähe beobachten konnten, was sich jenseits der Grenze abspielte - in Dresden, in Leipzig, bei den Montagsdemonstrationen. Das hat uns beeinflusst.

Aber noch einmal: Warum bedurfte es dieses Anstoßes von außen, um die Tschechen und Slowaken 1989 zum Protest auf die Straße zu treiben?
Es stimmt, bis in den November 1989 hinein war die Masse der Menschen in der CSSR völlig ruhig, es gab kein Aufbegehren. Den meisten ging es ohnehin lediglich um eine Verbesserung des Lebensstandards. Wenn man den Leuten all das gegeben hätte, was der Westen hatte, dann hätte niemand in der Tschechoslowakei eine Revolution gemacht. Wir kannten ja all die Neckermann- und Quelle-Kataloge.

Die Tschechen und Slowaken sind also zwischen dem Prager Frühling und 1989 von Idealisten zu Materialisten mutiert?
Naja, nicht alle. Fest steht aber: Die Erfahrung der Niederlage von 1968/69 saß tief. Sehen Sie: Ich bin ein Mensch des Prager Frühlings. Ich war damals jung, das war die größte Zeit meines Lebens, eine Zeit der Hoffnung.

Eine trügerische Hoffnung...
Ja, als es schiefgegangen war, kamen die großen Depressionen. Das Schlimme war, dass wir  von unseren eigenen Leuten verraten wurden. Der damalige Parteichef Alexander Dubcek hatte uns einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz versprochen. Und anfangs hat er dafür gekämpft. Aber dann ist er nach Moskau gefahren, hat sich Breschnews Bedingungen diktieren lassen und alles unterschrieben. Und bei uns begann danach der lange Prager Winter. Die Menschen haben damals jegliches Vertrauen in die Politik verloren.

Der Prager Historiker Oldrich Tuma hat kürzlich geschrieben, die Ursache für das späte Aufbegehren der Tschechen und Slowaken im Jahr 1989 sei die Schwäche und Unentschlossenheit der Opposition und vor allem der Gesellschaft gewesen. Die Menschen seien eigentlich feige gewesen.
Tuma? Den kenne ich nicht. Ist das ein richtiger Historiker?

Er leitet das Institut für Zeitgeschichte in Prag.
Ich vertraue diesen neuen Historikern nicht. Sie machen oft Politik. Ich glaube nicht, dass die Menschen feige waren. Aber vielleicht hatte ich auch zu wenig Kontakt zu normalen Leuten, das kann sein. Ich habe mich meist im Kreis der Dissidenten bewegt, und die waren weder unentschlossen noch feige, sondern äußerst aktiv.

Sie sprechen von den Unterzeichnern der Charta 77, die unter Berufung auf die Schlussakte von Helsinki Menschenrechtsverletzungen in der CSSR anprangerten. Welche Rolle spielte die Charta mit Blick auf 1989?
Vaclav Havel, der die Charta initiiert hat, war natürlich eine extrem wichtige Figur. Er hat das Bürgerforum gegründet, die entscheidende Oppositionsgruppe im Herbst 1989. Aber es ist leicht, im Nachhinein zu sagen: Die Charta war für die Revolution von 1989 entscheidend. Hinterher wissen die Leute immer alles ganz genau. Wichtig war in jedem Fall, dass die Charta den Menschen die Angst genommen hat. Sie hat gezeigt, dass es möglich ist, sich gegen das Regime zu stellen.

Sie sagen, im Nachhinein sei man immer schlauer. Versuchen Sie einmal, sich in die 80er Jahre zurückzuversetzen. Wie war damals die Atmosphäre in der CSSR?
Mitte der 70er Jahre hatte sich das Leben nach dem Prager Frühling wieder einigermaßen normalisiert. Aber Anfang der 80er Jahre nahm der Druck wieder zu. Meine Gruppe wurde mit einem Auftrittsverbot belegt. Wir gingen dann in den Untergrund und gaben unsere Platten im Samisdat heraus. Dann kam Gorbatschow…

Das war 1985. Welche Erwartungen hatten Sie an den neuen Sowjetführer?
Ich war mir nach anderthalb Jahren Perestroika sicher, dass der Kommunismus an sein Ende gelangt ist.

Das haben Sie so früh geahnt?
Ja! Natürlich war ich ungeduldig. Aber es war klar, dass es unmöglich ist, den Kommunismus zu reformieren. Ohne Macht und Kontrolle konnte das Regime nicht überleben.

Vaclav Havel ist Dichter, Sie sind Musiker, viele Unterzeichner der Charta 77 waren Künstler. Welche Rolle hat die Kunst in der friedlichen Revolution von 1989 gespielt?
Wir haben für die gute Laune gesorgt! Im Ernst: Vor 20 Jahren habe ich geglaubt, dass die Musik für den Umsturz wichtig war. Aber das war ein Irrtum. Leider. Die Kunst hat eine untergeordnete Rolle gespielt. Ausschlaggebend war Gorbatschow, die Entscheidungen fielen in Moskau.

Im November 1989 ging dann alles ganz schnell. Der Umsturz war eine Sache von wenigen Wochen. Wie erklären Sie sich das?
In der kommunistischen Partei der CSSR gab es ein paar Stalinisten, aber vor allem viele Karrieristen. Denen war die Idee des Sozialismus völlig egal. Diese Pragmatiker und die jungen Leute in den Nachwuchsorganisationen der Partei, die wollten auch die schönen Autos haben und die schönen Häuser, wie sie die Politiker im Westen hatten. Und das war in der Sowjetunion genauso, in Polen auch. Deswegen haben die Kommunisten den Kommunismus nicht länger verteidigt. Denn es ist doch klar: Wenn sie gewollt hätten, hätten sie ein paar Soldaten mit Maschinengewehren aufmarschieren lassen können. Jeder 30 Schuss. Die Revolution wäre niedergemäht worden. Wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking.

Wenn Sie heute, nach 20 Jahren, zurückschauen: Hat sich die Revolution von 1989 gelohnt?
Für Europa insgesamt: Ja! Aber mit Blick auf Tschechien bin ich mir nicht sicher.

Das müssen Sie erklären.
Ich habe eingangs gesagt, dass ich ein Kind des Prager Frühlings bin. Unsere Idee war ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Ich dachte, wir könnten auf diesem Weg weitergehen oder ihn 1989 neu beschreiten. Der Kapitalismus, den wir stattdessen bekommen haben, trägt jedenfalls keine menschlichen Züge. Die heutige Lage in Tschechien ist für mich fast so unerträglich wie die Situation während des Kommunismus. Bei uns herrscht die schrecklichste Korruption.

Aber immerhin ist die Macht demokratisch legitimiert.
Demokratie! Echte Demokratie beruht zum Beispiel auf einer unabhängigen Justiz und einer freien Presse. Und sie wird von Politikern gestaltet, die nur ihrem Gewissen verpflichtet sind. Bei uns existiert  weder das eine noch das andere. Die Korruption hält Richter, Journalisten und Politiker in ihrem Würgegriff. Wenn das wahre Demokratie ist, dann hätten wir den Kommunismus nicht zu stürzen brauchen. Die Art der Herrschaft ähnelt sich doch sehr.

Das hört sich recht verbittert an. Sind Sie desillusioniert?
Ja, aber das ist das Problem aller Idealisten, wenn sie alt werden. (Lacht) Ich habe zu früh und zu viel Winnetou gelesen. Und ich bin leider Idealist geblieben.


 

Leserkommentare

 


Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben. Anmelden

Warum muss ich mich anmelden/registrieren?

shz.de distanziert sich prinzipiell von allen in den Leserkommentaren geäußerten Meinungen ohne Rücksicht auf deren Inhalte. Alle Beiträge in den Leserkommentaren geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen der User wieder.

Bitte beachten Sie unsere Richtlinien für Kommentare!

 
 

SHZ.DE MOBIL

Auch unterwegs bestens informiert!

Mit der iPhone-App und dem Mobilportal von shz.de haben Sie die neuesten Nachrichten aus Schleswig-Holstein immer zur Hand.

Weitere Informationen...

 
INSTITUT50PLUS
Lebendig leben...
Angebote für eine aktive Lebensgestaltung
 
HÄUFIG GELESEN

Tekin Bicer: Wurde er von den "Hells Angels" ermordet?

Seit zwei Jahren lebt die Familie von Tekin Bicer aus Kiel schon mit der Ungewissheit. Damals ...mehr

 
 


KONTAKT | IMPRESSUM | AGB | DATENSCHUTZ