ZEITGESCHICHTE
Mauerträume
Erinnerungen an die Grenze in unseren Nächten
Hans-Hendrik Grimmlings "Mauerbild" von 1983 zeigt "Mauerspringer, die in ihrer mentalen Verstrickung zum Opfer verdammt" waren. Foto: Stefanie Ketzscher
Meist waren es Albträume, merkwürdige Geschichten von Dunkelheit, Leere und der Angst, nicht zurückzufinden. Sie ähneln einander. Als die Mauer fiel, hörten die Träume auf. Es war ein Trauma, das nun vorbei ist. Zum 20. Jahrestag des letzten bekanntgewordenen Schusswaffengebrauchs an der Berliner Mauer am 8. April 1989 drucken wir die Träume von sechs ostdeutschen Journalisten ab.
Zaghaft und unberaten
Im Traum stürzten Lea und ich sowie eine dritte, wechselnde, Person die Treppe des U-Bahnhofs runter, die Abfahrt des Zuges war bereits ausgerufen. Wir sprangen hinein, los ging die Fahrt. Es war die falsche Richtung, die Richtung West, und schon deutete manches darauf hin, dass wir die Grenze überfuhren, wir erschraken. Niemand kontrollierte. Der Zug hielt, wir stiegen hinauf in den Westen. Die Normalität um uns herum steckte an. Wir gingen die nächstliegende Straße entlang, Lea und ich; die dritte, wechselnde, Person trennte sich von uns.
Wir überlegten, wie es zu unserem Grenzübertritt gekommen war und ob wir zufällig eine ständige Lücke entdeckt hatten. Die Gegend war nicht besonders aufregend, aber deutlich ungewohnt, also westlich. Wir kamen an einem Schwimmbad vorbei. Überraschend ging die schüchterne Lea, ohne zu zögern, dorthin und sprach mit einer Frau. Es war eine ältere Frau, nackt, mit jungen Brüsten, spitz und fest. Ich wagte mich nicht näher heran.
Wir gingen weiter. Da kaufte ich eine Flasche Wein. Am Grenzübergang, wo wir uns wieder trafen, sagte die dritte, wechselnde, Person, das könne uns verraten, mein Wein und ihre Flasche Bier, wir sollten das verstecken und später von anderen Personen abholen lassen. Wir standen in einer langen Schlange von Reisenden.
Das schlechte Gewissen (oder die Angst) hatte uns gepackt. Die Flasche Wein war mir lästig und wertlos geworden, Lea hatte auch irgendwas, wer sollte all das und wo verstecken. Die anderen Leute würden es ja beobachten. Vielleicht würde der eine, der die Sachen zu verstecken hätte, die anderen beiden verlieren oder von ihnen als allein Schuldiger isoliert werden. Ich legte die Flasche an den Treppenabsatz, nicht so gut und nicht so schlecht, das fand aber nicht den Beifall der dritten, wechselnden, Person. Diese, nun ein junger Mann ohne Geist und mit viel Chuzpe, lief durch alle Sperren eilig hindurch, so dass man ihm keine Schuld, keine fehlenden Papiere nachweisen konnte.
Wir versuchten, es ihm gleichzutun. Dann trafen wir auf eine riesige, höchst moderne, flache Maschine, die aber keine andere Funktion hatte, als Fahrkarten zu entwerten. Ich verstand die Maschine gar nicht und stand zaghaft und unberaten davor, um zu sehen, wie es die anderen machten, aber auch die schienen nicht mehr Erfahrung zu haben, auf alle Fälle jedoch mehr Unbekümmertheit. Die Fahrkarten wurden auf einen langen komplizierten Weg geschickt, vielleicht wurden sie nicht nur entwertet, sondern auch befragt. Aber was kann eine Fahrkarte schon aussagen und über wen?
Großmutter
Plötzlich bin ich im Westen. Es ist immer dasselbe, ich weiß nicht, auf welche Weise ich dahin geraten bin, ich kann mich nicht erinnern, was vorher war; aber von diesem Moment an prägt sich etwas ein. Etwas Konturenloses, keine wirklichen Bilder. Dafür ein ungeheurer Druck auf mein Inneres, Panik. Der Traum hat keine Logik.
Ich befinde mich in einem menschenleeren Dunkel, trotzdem muss ich aufpassen, dass ich nicht gesehen werde. Ich weiß, dass niemand weiß, dass ich hier bin. Aber wenn ich es nicht schaffe, bis Mitternacht zurück zu sein, wird man es merken, und etwas passiert.
Ich muss meine Großmutter finden, ich muss sie sehen, wenigstens für ein paar Minuten. Meine Erinnerung an sie ist nicht sehr genau: Klein, zaghaft, mit einem ganz dünnen Knoten am Hinterkopf. Das letzte Mal besuchte sie uns 1957, dann wurde sie kränklich. Und reiste nicht mehr. Mein Besuchsantrag 1960 wurde abgelehnt. Als die Mauer kam, schien die Trennung endgültig. Großmutter aber stirbt nicht, sie wird immer älter.
Jetzt habe ich eine einmalige Chance. Ich irre durch die gesichtslose Gegend einem unbestimmten Ziel zu, ich kann die an meiner Fortbewegung nicht erkennen, es ist, als ob ich auf der Stelle trete, und die Zeit verrinnt. Ich erinnere mich schwach, schon einmal in dieser Situation gewesen zu sein und dass ich es da nicht geschafft habe, ich bin in panischer Furcht, ich ahne sogar, dass ich träume, aber die Realität des Traums überlagert diese Ahnung so stark, dass ich den Traum nicht zerreißen kann.
Ich irre weiter, haste vor und zurück, ich habe die Richtung verloren. Jetzt geht es nicht mehr darum, die Großmutter zu finden, ich muss nach Hause, ich schaffe es nicht, ich weiß nicht, wo die Grenze ist, ich bin verzweifelt, ich bin so allein, ich schaffe es nicht, ich schaffe es nicht. Da wache ich auf. Meine Großmutter hat lange gewartet. Sie starb 1980, mit 94 Jahren. Ich habe sie nicht wiedergesehen.
Kuckucksuhr
Ich weiß nicht, wer mir den Tipp gab: Aber alles wird gut gehen - ich muss nur den Einstieg finden. Er liegt an der U-Bahn-Station Chausseestraße, hinter einer der Säulen, die als Wandelgang ein imponierendes Gebäude umgeben. In meinen wachen Stunden erzählen meine Eltern, dass es dem sowjetischen Geheimdienst gehört. Tatsächlich ist da ein Loch, eher ein Spalt. Ich zwänge mich durch, hänge dann an den Armen in der Luft, bis ich mich überwinde und fallen lasse.
Stehe mitten auf dem verbotenen Bahnsteig und klopfe Zementstaub von den Sachen. Dunkelbraune Ölfarbe an den Wänden. Menschenleere. Licht im Kartenhäuschen. Da sitzt eine Polizistin. Meine Absätze hallen zu ihr hin. Ich gebe ihr vier Groschen und verlange mit fester Stimme eine Fahrkarte. Hin und zurück. Man hat mir gesagt, dass es wichtig sei, sicher aufzutreten. Sie gibt mir schweigend das Stück Pappe.
Der Zug fährt ein, in jedem Abteil ein einzelner Mensch und ein Abteil frei für mich. So fahre ich in den Westen. Stadion der Weltjugend. Reinickendorf. Wedding. Leopoldplatz. Seestraße steige ich aus. Gehe in die Liverpooler Straße zu Tante Lisa, die sich freut und die Kuckucksuhr aufzieht. Steif vor Erwartung stehe ich vor dem Türchen, bis der bunte Vogel seine hölzerne Zunge zeigt. Die Tante beginnt, Apfelsinen zu schälen, vornehm mit einem Messerchen, nicht so hastig und zerfetzend, wie ich es zu Hause kenne.
Aber ich esse nicht von der Apfelsine, ich muss fort, ich ahne ein Unglück, ich darf nicht sein, wo ich bin. Tante Lisa ruft im Treppenhaus nach mir, ich haste unten zur Bahn. Der Zug fährt nicht über die Grenze, er hält einen Bahnhof vorher. Ich will den Fahrer um Weiterfahrt betteln, aber die Kabine ist leer. Auf der Straße renne ich zur Mauer. Leise schleichen, lauschen, ducken. Ich finde eine niedrige Stelle, rutsche über die Wand mit wunden Händen und Knien, rolle in einen Blätterhaufen hinein und weine und weine und bin wieder zu Hause.
Sand im Schuh
Es ist heller Tag, als ich die Treppe hinabsteige. Sie ist gerade breit genug für zwei. Links und rechts wachsen die Mauern mit jedem Schritt, den ich tiefer steige, in die Höhe. Bald sehe ich nur noch Steine. Und ein Viereck blauen Himmel über mir. Die Treppe ist steil. Unten ein Absatz. Ich mache eine halbe Drehung und gehe in entgegengesetzter Richtung eine zweite Treppe hinunter. Die Steine sind feucht. Modriger Geruch steigt mir in die Nase. Am Ende eine kleine Pforte. Dahinter grelles Licht.
Vor mir ist nichts mehr. Nur Sand. Wüste. Nein, keine Wüste. Ein breiter Streifen Sand. Weit hinten Häuser. Ich gehe los. Stolpere über kleine gelbe Hügel. Sand drückt im Schuh. Ich möchte mich hinsetzen, ihn ausschütten, laufe aber weiter. Ich erreiche eine Straße. Häuser. Menschen. Eine Bushaltestelle. Alles ist laut und bunt. Ich bin in Westberlin. Der Bus kommt, und ich steige ein. Wir fahren los. Ein Platz. Der Bus hält. Leute steigen ein und aus. Ich bleibe sitzen.
Alles ist fremd, und ich weiß noch nicht, wo ich hin will. Wir fahren jetzt durch eine andere Gegend. Die Häuser links und rechts sehen aus, als stünden sie schon hundert Jahre hier. Die Gegend kommt mir bekannt vor. Gleichzeitig ist alles fremd. So sieht es in Prenzlauer Berg aus. So stelle ich mir Kreuzberg vor.
Irgendwo steige ich aus. Meine Freundin wohnt in Kreuzberg. Jetzt könnte ich sie endlich besuchen. Nur, ich habe keine Adresse, keine Telefonnummer dabei. Ich wusste doch nicht, dass ich heute komme. Ich irre durch die Straßen. Suche. Die Zeit vergeht. Ich werde unruhig, spüre, dass ich hier nicht sein darf. Es wird dunkel. Hinter Fensterscheiben flammt Licht auf. Fensterkreuze werfen lange Schatten auf die Straße.
Ich fühle mich einsam. Kälte kriecht den Rücken hoch. Mich fröstelt. Mein Magen knurrt. Aber ich habe kein Geld. Keine Papiere. Nichts. Fremde laufen eilig an mir vorbei. Ich möchte jemanden fragen, wo ich bin, wie die Straße heißt. Und kann nicht. Ich habe keine Stimme. Ich bin noch nicht angekommen und möchte schon zurück. Nur weiß ich nicht wie. Hoffentlich lässt man mich.
Offene Augen
Bunte warme enge Straßen. Abendlicht. Paris, London, Westberlin, was weiß denn ich. Gedränge, Hummer, die in Körben liegen, Luft, die nach Benzin riecht und nach Yardley-Lavendelseife (die gab es mal im "Exquisit"). Die Türen der kleinen Kneipen stehen offen, ich gehe in eine, weil sie "Marseille" heißt, die Schrift aus roten Sternen hängt im Fenster. Der Kellner bringt mir, als sei das selbstverständlich, den Wein. Es ist so schön hier, gar nicht fremd. Auf hohen Hockern sitzen Jean Paul Belmondo und Jean Seberg, sie küssen sich, die Frau behält die Augen offen, lächelt mir zu.
Merkt denn keiner, dass ich illegal bin, heimlich, ganz und gar verboten? Ich gehe wieder auf die bunte Straße. Plötzlich steht Helmut Vogel vor mir, mein ehemaliger Kommilitone, einer von den Philosophen, der Intelligente mit dem Glasauge. "Du hier?", sage ich. Er wird rot. Wie lange lebst du denn schon nicht mehr in der DDR? Anderthalb Jahre, sagt er, und die Röte wird heftiger. Immer die Hundertfünfzigprozentigen, denke ich, die hauen immer zuerst ab. Konvertieren, konvertieren, konvertieren.
Ich muss zurück, muss zurück, zurück. Ich bin im Westen; wie ich hergekommen bin, weiß ich nicht, irgendwo war ein Spalt, eine verborgene Tür, ein Durchgang. Jetzt will ich zurück. Ich renne, stolpre, falle hin, stehe wieder auf, ich habe wahnsinnige Angst, wie soll ich ohne Pass, Visum, Ein- und Ausreise-Erlaubnis zurück, sie werden mich schnappen, werden fragen, wie ich durchgekommen bin, da vorne sind sie, in ihrem Glashaus, ich kann sie sehen mit ihren Dienst-an-der-Grenze-Gesichtern, wie sie alles kontrollieren, ohne Genehmigung werden sie mich einsperren, ich habe Angst und wache auf. Diesen Traum habe ich, mit Abweichungen in der Personnage, in 28 Mauerjahren etwa 20 Mal geträumt. Beim Aufwachen war ich immer glücklich. Ich hatte den Westen gesehen und lag zu Hause im Bett.
Dunkles Geheimnis
1. Irgendwo hinter dem Spittelmarkt liegt ein Kanal. Um ihn herum alte, verfallene Häuser. Leer. Kanal und Häuser laufen in einem spitzen Winkel zusammen. Ich bin zum ersten Mal in dieser verlassenen Gegend. Es ist dunkel. Plötzlich bemerke ich, dass die Straße über eine zerstörte Brücke aus Steintrümmern ins Freie führt, dass dort die Mauer eine von niemandem beachtete Öffnung hat. Alles ist menschenleer, auch keine Grenzer. Die Entdeckung scheint mein Geheimnis zu sein. Ich behalte es für mich und beschließe, ein anderes Mal wegzugehen. Wie in meinem Traum muss es in den Lagunen von Venedig aussehen.
2. Meine Frau und ich haben an irgendeiner Stelle die Mauer überklettert, wir laufen jetzt durch ein sandiges Niemandsland. Wir kommen nirgendwo an. Es gibt keine räumliche Markierung. Der Sand ist gelb. Die Landschaft könnte eine Wanderdüne oder eine Wüste sein. Das Gefühl des Davongekommenseins ist orgiastisch. Ich habe das nur einmal geträumt.
3. Immer wieder träumte ich von einem Zug, der mit offenen Fenstern im Sommer in den Westen fährt. Wir haben alle Kontrollen hinter uns, die Strecke geht in eine lange Kurve, Männer lehnen in Hemdsärmeln auf den Fenstern und schauen hinaus. Sie erinnern mich an meine Vorfahren. Das Ganze passiert irgendwo im Norden Deutschlands, zwischen Kornfeldern und Obst bäumen.
4. 1986 oder 1987 träumte ich von einem Berliner Platz. Es kann der Potsdamer gewesen sein oder der vor dem Reichstag. Die Mauer ist verschwunden. Menschen laufen zwischen einem Haus (Ost) und einem Haus (West) diagonal hin und her. Sie gehen die alten Wege. Ich sehe das von weit oben, entweder aus einem Flugzeug oder aus einem Hochhaus. Aber diesen Traum glaubt mir sowieso keiner.






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