ZEITGESCHICHTE

 

Die neugewonnene Redefreiheit

Ein Fest der Demokratie

30. November 2009 | 15:10 Uhr | Von Ulrich Krökel

„Ich wurde ganz ruhig“: Friedrich Schorlemmer spricht am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz. Foto: Bundesarchiv

Fünf Minuten Redezeit, um einer Million Menschen eine neue Welt zu skizzieren. Fünf Minuten, um die angestauten Gefühle zu kanalisieren und zu dieser Masse zu tragen. Wie schnell können fünf Minuten ungenutzt verstreichen! Doch den Wittenberger Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer scheint an diesem 4. November 1989  der Mantel der Geschichte zu umhüllen, als er auf die Bühne am Berliner Alexanderplatz tritt: "Als ich oben stand", erinnert er sich später, "wurde ich ganz ruhig und konzentriert.  So etwas habe ich noch nie erlebt und werde es wohl nie wieder erleben."

Was dort an diesem Sonnabend geschieht, ist mehr als die größte Demonstration der DDR-Geschichte: Es ist ein Fest der Demokratie. Noch am Morgen des 4.November ist indes keineswegs ausgemacht, dass alles friedlich und fröhlich ablaufen wird. "Die Angst vor Gewalt war auf beiden Seiten groß", erinnert sich Schorlemmer. "Die Angst, dass der Protestzug nicht am Alex haltmacht, sondern geradeaus zur Mauer weitergeht." Doch die Demonstranten beschränken sich auf das, wozu die veranstaltenden Ost-Berliner Künstler aufgerufen haben: Sie treten "gemäß der Verfassung der DDR für Versammlungs- und Redefreiheit" ein. Mit Plakaten wie "Nie mehr Phrasnost - Glasnost!" und "Rechtssicherheit spart Staatssicherheit" verlangen die aufgebrachten Bürger Radikalreformen.

Die Zeit der SED-Mitglieder ist vorbei. Die Menge buht sie aus

Von ihrem Recht auf Redefreiheit machen auf dem Alex zahlreiche Oppositionelle Gebrauch, etwa der Molekularbiologe Jens Reich, der das Neue Forum mitgegründet hat. Oder die Religionslehrerin Marianne Birthler, die später die Stasi-Unterlagenbehörde leiten wird. Aber auch die andere Seite kommt zu Wort. SED-Politbüromitglied Günter Schabowski tritt ebenso auf wie der ehemalige Stasi-General Markus Wolf. Die Masse buht sie aus. Ihre Zeit ist vorbei.

Die Gefahr für die Reformer geht eher von einer anderen Gruppe aus – von jenen, die als "Wendehälse" in die Geschichte eingehen. Manfred Gerlach etwa, der Vorsitzende der "liberalen" Blockpartei, versteigt sich  zu der These: "Wir, die LDPD, haben die Tür zur Erneuerungspolitik aufgestoßen." Der Anwalt Gregor Gysi ergreift ebenfalls das Wort. Er gibt sich überzeugt, dass es „gelingen wird, die Begriffe DDR, Sozialismus, Humanismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu einer untrennbaren Einheit zu verschmelzen“. Später wird er die SED als PDS in die vereinigte Bundesrepublik hinüberretten.
Gefeiert aber werden andere. Eine Million Menschen jubelt Schorlemmer zu, als er fordert, nicht "auf halbem Wege" stehen zu bleiben. "Die Regierung hat auf das Volk zu hören, nicht das Volk auf die Regierung." Schorlemmer nutzt seine fünf Minuten. Fünf Tage später fällt die Mauer.


 

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