ZEITGESCHICHTE
Wolf Biermann
Dichter und "Drachentöter"
"Von all dem müde, wär ich lieber tot", heißt es in Gedicht Nummer 66 in der letzten Strophe, bevor die Schlusszeile der Hoffnung neuen Raum gibt: "...ließ ich in dieser Welt dabei mein Liebchen nicht im Stich."
Die Schattenseiten des Lebens hat Biermann zur Genüge durchschritten. Und doch strahlt der 1936 in Hamburg geborene Liedermacher nicht nur Melancholie, sondern auch Frohsinn aus. Über die Romanze seiner Eltern Dagobert und Emma Biermann erzählt der Sohn schmunzelnd: "Sie fuhren jedes Wochenende in die Lüneburger Heide, gingen wandern und bereiteten unmittelbar die Weltrevolution vor im Heu, mit revolutionären Küssen." Beide Eltern waren Kommunisten. Den Vater, einen jüdischen Werftarbeiter, brachten die Nazis 1943 im KZ um. Mutter Emma rettete sich und den kleinen Wolf durch den Krieg. In einer der verheerenden Hamburger Bombennächte entkamen sie dem Flammeninferno der "Operation Gomorrha" nur durch einen Sprung in den Nordkanal.
Biermann-Ausbürgerung: Ein Meilenstein auf dem Weg zum Mauerfall
Ohne diese Vorgeschichte sei nicht zu verstehen, warum er 1953 in die DDR gegangen sei, betont Biermann heute fast entschuldigend. Tatsächlich spielten ihm die Machthaber in Ost-Berlin, die doch "seine Leute" waren, in den folgenden Jahrzehnten übel mit. Auftrittsverbote waren ein - letztlich untaugliches - Mittel, um den aufsässigen Poeten zur Räson zu bringen. Später kam die Rund-um-die-Uhr-Bespitzelung hinzu, die den vermeintlichen Feingeist zermürben sollte. Doch Biermann erwies sich als zäh, und so verweigerte das Honecker-Regime dem selbst ernannten "Drachentöter" nach einem Auftritt in Köln 1976 schließlich die Wiedereinreise in die DDR. Für Biermann, der urplötzlich von seinen Freunden und Mitstreitern abgeschnitten war, wurde die Ausbürgerung zum Drama seines Lebens. Der SED-Staat selbst aber verlor durch den perfiden Akt den letzten Rest an innerer Glaubwürdigkeit. In der Folge blutete die DDR durch den Weggang oder die Abschiebung vieler Intellektueller weiter aus. Die Biermann-Ausbürgerung wurde zu einem Meilenstein auf dem Weg zum Mauerfall.
Der Liedermacher, heute Vater von zehn Kindern, kehrte 1976 in seinen Geburtsort Hamburg zurück. Dort wohnt er noch immer mit seiner zweiten Frau Pamela. Berlin, dessen Ehrenbürger Biermann seit 2007 ist, bleibt allerdings seine zweite Heimat. Und natürlich singt und dichtet der Liedermacher weiter getreu der Shakespeare-Zeile: "Mein Lied auf dich, es widersteht dem Zahn der Zeit."





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