ZEITGESCHICHTE
Wolf Biermann
"Auf dem Alex kamen Todfeinde zusammen"
Massendemonstration für Rede- und Versammlungsfreiheit am 4. November 1989 in Ost-Berlin. Der Liedermacher Wolf Biermann konnte das historische Geschehen nur im Fernsehen verfolgen. Foto: dpa
Im Interview mit unserem Politikredakteur Ulrich Krökel schildert der Liedermacher Wolf Biermann seine emotionale Zerrissenheit an diesem 4. November, der zu einem Fanal der Veränderung werden sollte. Biermann fieberte mit seinen Weggefährten auf dem Alex mit - und durfte doch nicht dort sein. Denn das SED-Regime, das Biermann 1976 aus der DDR ausgebürgert hatte, untersagte ihm noch immer die Wiedereinreise.
Herr Biermann, erinnern Sie sich, wo und wie Sie den 4. November 1989 verbracht haben?
Sicher. Ich war nicht dort, wo ich hätte sein wollen und sein sollen: bei der großen Demon stration auf dem Berliner Alexanderplatz. Ich habe natürlich versucht rüberzukommen. Aber an der Grenze haben sie mich nicht durchgelassen mit meiner Gitarre.
Wo also waren Sie?
Ich habe mir die Demo im Fernsehen angeschaut, und zwar dort, wo ich die meiste Zeit verbracht habe, seit mich die DDR 1976 ausgebürgert hatte: in Hamburg-Altona. Genauer gesagt wieder dort, denn ich bin ja in Hamburg geboren.
Sie sind 1953 aus freien Stücken in die DDR gegangen.
Ja, zu einer Zeit, als mir Millionen Menschen entgegenkamen. Das Leben hat mich zwischen Ost und West hin- und hergeschüttelt. Das war sehr lehrreich.
Inwiefern?
Wenn ich mit 16 nicht in die DDR gegangen wäre und den sogenannten Realsozialismus nicht kennengelernt hätte, wäre ich wahrscheinlich viel länger taub und blind und dumm geblieben.
Sie wussten demnach 1989 sehr gut, wie das Regime und die Menschen in der DDR "tickten". Haben Sie das schnelle Ende vorausgesehen?
Da ich als Prophet nie Großes geleistet habe, wusste ich genauso wenig wie all die anderen, dass die DDR zusammenbricht. Ich wusste sogar, dass die DDR länger hält als ich.
Selbst im Herbst 1989 haben Sie das Ende nicht erwartet?
Nein! Meine politische Fantasie reichte nicht aus, mir vorzustellen, dass die DDR zusammenbricht, bevor ich zusammenbreche. Wahrscheinlich war das mein lebenslänglich eingeübter Zweckpessimismus. Das ist eine raffinierte Sache - immer mit dem Schlechtesten rechnen, damit man nicht dauernd rumläuft wie das Leiden Jesu zu Pferde: enttäuscht im falschen Hoffen.
Wie verträgt sich das mit Ihrem Idealismus, den Sie doch sicher brauchten, als Sie 1953 in die DDR gegangen sind?
Meine Mutter hatte mir eine Lebensaufgabe gestellt: Ich sollte den Kommunismus vollenden und die Menschheit retten. Das klingt heute grotesk. Aber so maßlos und zugleich so bescheiden waren die Vorstellungen meiner Mutter. Sie war eine Arbeiterin, die in der Fabrik im Akkord schuftete. Und als die Nazis die meisten ihrer Leute eingesperrt und ermordet hatten, war es für meine Mutter ihr kleiner Krieg gegen Adolf Hitler, mich am Leben zu erhalten. Inmitten der Angst vor der Gestapo, die von unten kam, und der Angst vor den Bomben, die von oben kamen. Deswegen war es völlig logisch, dass sie ihren einzigen Sohn später gegen den Strom nach Osten schickte. In aller Bescheidenheit mit dem unbescheidenen Auftrag, die Menschheit zu retten. Und genauso dachte und fühlte ich.
Umso stärker war sicher die Desillusionierung in der DDR.
Es würde mich freuen, wenn ich Ihnen das klarmachen könnte. Sie sehen ja, wie ich hier sitze und aussehe. Ich bin jetzt alt, aber ich war nie ein Athlet: eher klein, guter Geräteturner, aber Asthmatiker. Auf keinen Fall eine Idealbesetzung für die Rolle des Helden in einem historischen Theaterstück. Dass nun ausgerechnet ich in der DDR in die Rolle des Drachentöters geraten bin, hat seine Hauptursache darin, dass ich zu der Minderheit in meiner Generation gehörte, die aus einer Anti-Nazi-Familie stammte. Die Nazi-Kinder waren bescheiden, weil sie sich für ihre Eltern schämten. Die große Fresse hatte ich, weil ich mich als der rechtmäßige Erbe der Guten fühlte. Sonst hätte ich nicht den Mut gehabt, so frech gegenüber diesen allmächtigen Schweinehunden zu sein. Tag und Nacht Gedichte zu schreiben, mit sechs Spitzeln vor der Tür. Jeden Tag, jede Nacht. Und dann kommt die politische Ernte, der Umbruch 1989 - und ich bin nicht dabei! Sie müssen zugeben: Das ist sehr komisch.
Eher tragikomisch.
Ja, das ist tragikomisch, aber so war es.
Hätten Sie den Mut, den Sie jahrzehntelang selbst aufgebracht haben, Ihren Landsleuten in der DDR 1989 noch zugetraut?
Denen habe ich immer das zugetraut, was man allen Menschen zutrauen kann: alles und nichts. Entscheidend ist doch die Frage, warum sie 1989 und nicht schon 1969 oder 1979 den Aufstand geprobt haben. Aber das wissen Sie ja selbst.
Nein, warum?
Weil die Sowjetunion noch in voller Macht stand.
Die Polen mit ihrer Solidarnosc sind 1980 sehr wohl auf die Barrikaden gestiegen.
Die Polen waren mutiger. Sie haben auch eine andere Geschichte.
Jahrhundertelanger Freiheitskampf ...
Ja, und sie waren verzweifelter. Es ging ihnen wirtschaftlich viel, viel schlechter als uns. Aber das ändert alles nichts: Wenn es 1989 in der Sowjetunion Gorbatschow nicht gegeben hätte, würde die DDR noch heute existieren. Punkt! Dann hätten die Leute in Leipzig zehn Mal zur Montagsdemo gehen können. Egon Krenz und Konsorten hätten sie mit Panzern in Hackfleisch verwandelt. Wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Krenz ist hingefahren und hat die Chinesen beglückwünscht zu dieser interessanten Form der Diskussion mit dem eigenen Volk.
In der DDR entstand tatsächlich eine Art Diskussion, beginnend mit der Demonstration am 4. November. Dort waren Bürgerrechtler und Regimetreue gleichermaßen vertreten.
Das war hoch interessant! Wie in einem Modellversuch hatten sich die entgegengesetzten Kräfte versammelt. Todfeinde kamen dort auf dem Alex zusammen. Weil alle die Hoffnung hatten, dass ihre Sache triumphieren würde. Auf der einen Seite standen die Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley, Friedrich Schorlemmer und Marianne Birthler. Auf der anderen Markus Wolf, der reaktionäre Stasi-General, und Gregor Gysi, der mit dem Spitzelnamen "IM Notar" absolut nichts zu tun hat, wie wir alle wissen. Dann das Mitglied des Politbüros Günter Schabowski. Die versuchten, die Revolution abzuwenden, buchstäblich eine Wende zu machen. Hier im Norden muss man zum Glück niemandem erklären, was eine Wende ist.
Beim Segeln, meinen Sie?
Ja, wenn man nicht vorankommt, weil der Wind von vorn bläst. Ich spreche von dem Versuch, gegen den historischen Wind des Wandels anzukreuzen. Das Wort Wende ist ein politischer Offenbarungseid, ein Beweis dafür, was die Absicht der Reaktionäre um Krenz, Wolf und Gysi war. Deswegen vermeide ich den Begriff lieber und spreche von Revolution.
Obwohl es kein gewaltsamer Umsturz war.
Darüber mögen sich die Romantiker beklagen, weil die es immer gern blutig haben. Ich bin froh darüber! In einem meiner Lieder, in der "Bilanzbalade im 11. Jahr", also zur Jahrtausendwende, singe ich ... Warten Sie! (Greift zu seiner Gitarre.) Da singe ich gleich in der ersten Strophe (singt):
"Der Moloch krepierte wie nebenbei
Stocknüchtern und kreuzbrav vernünftig, so haben
Wir ohne Pogrome und Weltkrieg III
Den Kommunismus zu Grabe getragen
Die sanfte Spaziergänger-Revolution
Im Osten gelang ohne Revolutionäre
Wer weiß, wenn bei unserer Ostrebellion
Das Blut in Strömen geflossen wäre…"
Waren das auch ihre Empfindungen am 4. November?
Als ich dort in Hamburg saß und die Demonstration auf dem Alex im Fernsehen verfolgte, empfand ich große Freude und ein großes Zittern, weil ich ja wusste: Das kann auch eine neue Stufe der Unterdrückung bedeuten. Wenn solches Pack wie der Gysi und Markus Wolf sich durchgesetzt hätten, dann können Sie sich ausrechnen, was herausgekommen wäre.
Die Demonstranten auf dem Alex haben die beiden niedergepfiffen.
Ja, ja, aber da schließt sich der Kreis. Dass die Leute so frech die Regimetreuen niedergebuht haben, wäre zehn Jahre vorher nicht gegangen. Dass es am 4. November möglich war, verdanken wir den Russen.
Sie saßen also am 4. November in Altona auf Ihrem Sofa und haben gebebt vor Freude und Furcht?
Ich rede mit einer norddeutschen Zeitung, da kann ich es op Platt sagen: Du schallst nich dat Mul toon Narrn holn - Du sollst das Maul nicht zum Narren halten. Wenn man zum Beispiel beim Krabbenpulen nicht schnell genug ist, um den Appetit stillen zu können. Man giert nach den Krabben und ist zu ungeschickt, so schnell zu pulen, wie man essen möchte. Solche Gefühle hatte ich, als ich das am 4. November sah: Ich will dabei sein, das ist meine Sache, die da verhandelt wird, ich bin doch ein Protagonist dieses Geschichtsprozesses! Ich bin doch der kleine Drachentöter! Und dann ist der Held nicht da, ist im Westen. Ich sah das mit sehr gemischten Gefühlen, mit Freude, Angst und Neid.
Wie ging es für Sie persönlich nach dem 4. November weiter?
Schon Ende Oktober hatten mich zwei junge Leute aus der DDR besucht, zwei Musiker. Die luden mich in den Osten ein: "Herr Biermann, wir wollen, dass Sie wieder bei uns singen." Dass der kleine Drachentöter wieder in die DDR kommt und seine verbotenen Lieder singt. Einmal dürfen Sie raten, was ich gesagt habe.
Ja?
Jaaaaa! Aber wie? Wo? Wann? Das ist eine lange Geschichte.
Ich höre ...
Die beiden mieteten eine riesige Messehalle in Leipzig. Privat! Das hatte es noch nie gegeben, das war wie im Märchen. Und dann habe ich dort am 1. Dezember gesungen.
Wie verlief das Konzert?
So war die Situation: Ich bekam ein Drei-Tage-Visum ausgehändigt, stand aber gleichzeitig - das las ich freilich erst viel später in den Stasiakten - auf der Fahndungsliste. Alles war improvisiert. In der Halle stand kein Stuhl, keine Bank. Es war bitterkalt, minus fünf Grad, Smogalarmstufe drei. Die Leute kamen in dicken Wintermänteln. Schlimmer als die Kälte und der Gestank war aber die Angst, dass wir alle hoppgenommen werden. Ich sang gegen das alles an, dreieinhalb Stunden lang, mit einer Tonanlage, die für 500 Leute ausgelegt war. Zuhören wollten 8000!
Ost- und Westfernsehen übertrugen parallel.
Nicht parallel, mit einer halben Stunde Verzögerung im Westen. Das war für das DDR-Regime die letzte Möglichkeit, die Notbremse zu ziehen.
War dieser Abend für Sie so etwas wie der nachgeholte 4. November, als Sie nicht einreisen durften?
Genau das! Neben dem Kölner Konzert 1976 nach meiner Ausbürgerung war dieser Auftritt am 1. Dezember 1989 in Leipzig das zweite wichtige Konzert meines Lebens.
Was haben Sie gesungen?
Natürlich all die Lieder, die das Regime in der DDR nie hatte hören wollen. Schon damals nicht hatte hören wollen, als ich noch in der DDR gelebt habe. Der Preis war aber immer noch hoch. Die Angst war weiterhin da, die begründete Angst. Als ich dort sang (greift wieder zur Gitarre und singt):
"Hey Krenz, du fröhlicher Kalter Krieger,
ich glaube dir nichts, kein einziges Wort,
du hast ja die Panzer in Peking bejubelt,
ich sah dein Gesicht beim Massenmord…"
Das ist keine Sklavensprache, verstehen Sie? Und weiter: "Wir wollen dich nicht ins Verderben stürzen, du bist schon verdorben genug. Nicht Rache, nein, Rente im Wandlitzer Getto und Friede deinem letzten Atemzug!" Als ich das sang und diese gelernten Untertanen des DDR-Regimes das hörten, da ging ein Aufschrei durch das Publikum. Das war ein hoch interessantes Kreischen dieser 8000 Menschen. Eine Mischung aus Todesangst und Begeisterung. Das war völlig anders als bei einem Rockkonzert, ein völlig anderer Sound. Den muss man verstehen, damit man ihn würdigen kann.
Die Angst war noch derart spürbar - drei Wochen nach dem Mauerfall?
Vor einiger Zeit sprach mich auf der Buchmesse in Leipzig eine jüngere Frau an. Sie war am 1. Dezember 1989 auf dem Konzert gewesen und fragte mich, ob ich mich erinnerte, wie am Anfang des Konzerts plötzlich ein Krach in der Messehalle losgebrochen war. Und ob ich mich erinnerte! Dieselmotoren, die aufheulten. In dieser gigantischen, leeren Halle. Dann ratterten mehrere riesige Rolltore hoch. Augenblicklich erfasste uns Todesangst. Wir dachten alle: Jetzt haben sie uns in der Falle und machen uns 8000 Querulanten beim Biermann-Konzert nieder. Die junge Frau erzählte, sie habe im ersten Augenblick auf ihre Schuhe geguckt - ob die zum Wegrennen taugten.
Woher kam der Lärm? Von Panzern ist nichts überliefert.
In der Tat, es passierte nichts Schlimmes. Es waren nur ein paar Arbeiter gewesen, die nicht rechtzeitig weggekommen waren und nun mit ihren Lastern durch diese Tore rollten. Nach Hause. Feierabend. So spielt sich Weltgeschichte ab. Aber an der Episode kann man sehen, wie die Herzen noch gezittert haben.
Wann ist denn die Angst gewichen? 1990? Oder noch später?
Das kann ich gar nicht so genau sagen. Konkret gesprochen: Als das Rolltor sich wieder schloss und die Laster wegfuhren. Es war ja nichts passiert. Also habe ich losgesungen. Und natürlich wussten wir alle: Das ist ein besonderer Moment in unserem Leben. Wir können hier in dieser Halle, in dieser Kälte, ohne Stühle, zusammenkommen, und der Biermann kann seine Lieder singen.
Ein historischer Moment.
Für uns 8000 kleine Menschen, ja.
Was bleibt von der DDR - in 100, in 200 Jahren?
Es wird derzeit viel darüber palavert, dass nicht alles schlecht war in der DDR. Ich kann das nicht mehr hören! Das ist dumm und zynisch. Dass in einer Diktatur Menschen ihr Lebensglück finden können, sich verlieben, sich freuen über ein Stück Wahrheit, über einen Tonbandmitschnitt mit einem Lied von Wolf Biermann, ist selbstverständlich. Was wirklich bedeutend ist an dieser DDR-Diktatur, ist, dass sie zusammengebrochen ist. Ich habe darüber in tiefster Verzweiflung ein Lied gedichtet. Nach dem Einmarsch der Sowjets in der CSSR 1968, nach dem Prager Frühling. Ich hatte Angst. Und um gegen diese lähmende Angst anzukämpfen, schrieb ich ein kleines Lied über große Lügner (siehe Faksimile unten).






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