ZEITGESCHICHTE

 

Leipzig, 9. Oktober 1989

Angst und Tapferkeit

09. Oktober 2009 | 16:50 Uhr | Von sh:z

Wolfgang Thierse

Bild 1 von 4

Bei der Arbeit an dieser Serie tauchte das Datum 9. Oktober 1989 immer wieder auf – buchstäblich ungefragt. Denn zahlreiche Interviewpartner und Autoren verwiesen in ihren Antworten und Texten von sich aus auf jenen "Tag der Entscheidung". Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker fasste die Bedeutung des Datums in dem Satz zusammen: "Im Grunde hat sich der Fall der Mauer schon am 9. Oktober 1989 in Leipzig vollzogen und nicht erst am 9. November in Berlin." Einige weitere Zitate sollen dies illustrieren:

Wolfgang Thierse (DDR-Oppositioneller und zuletzt Bundestags-Vizepräsident): "Es gab die Angst, dass die SED-Führung so reagieren könnte wie das chinesische KP-Regime beim Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Es war keine billige und schäbige Angst. Wir wussten: In der DDR sind mehrere hunderttausend Soldaten der Roten Armee stationiert. Es gibt die NVA, es gibt Stasi-Truppen und es gibt Kampfgruppen, und die waren als Bürgerkriegsarmee ausgebildet.  Was wir nicht wussten, war, wie die SED-Führung reagieren würde."

Wolf Biermann (1976 ausgebürgerter DDR-Liedermacher): "Erst vor zwei Jahren habe ich von Leipziger Historikern etwas ganz Spannendes gelernt. Ich wusste nie so richtig: Warum haben Krenz und Konsorten eigentlich im Herbst 89 nicht geschossen? Und es ist so banal: Es waren schlicht zu viele Demonstranten. Wenn es nur 25.000 und nicht 70.000 gewesen wären, hätte die Kapazität der Unterdrückungsmaschinerie ausgereicht. Und wenn dann nicht die Hoffnung besteht, dass die Russen mit ihren Panzern kommen, weil Gorbatschow vorher Nein gesagt hat, naja, dann…"

Hans Dietrich Genscher (1989 Bundesaußenminister): "Gemacht haben diese Revolution die Menschen. Jene, die geflohen sind, und die, die am 9. Oktober in Leipzig auf die Straße gegangen sind – ich nenne dieses Datum als Beispiel für all die Demonstrationen, weil damals die Entwicklung einem Höhepunkt zustrebte. Diese Menschen haben die Mauer zum Einsturz gebracht. Wir im Westen konnten eigentlich nur die Rahmenbedingungen verbessern."

Richard von Weizsäcker (1989 Bundespräsident): Am 9. Oktober 1989 offenbarte sich mit ganzer Klarheit, dass dieses Regime nicht mehr in der Lage war, Proteste zu verhindern. Proteste, die es zuvor ausdrücklich verboten hatte! Man muss sich das noch einmal vergegenwärtigen: Die Staatsführung hatte bewusst publik gemacht, dass bewaffnete Kräfte bereit standen, um gewaltsam einzuschreiten. In den Krankenhäusern wurde Vorsorge getroffen, um Hunderte Verletzte behandeln zu können. Und dann diese bürgerliche Tapferkeit! Der Mut der Menschen, die trotz aller Einschüchterungsversuche in Massen auf die Straßen strömten, hat den SED-Staat zu einem Offenbarungseid gezwungen. Der gewaltlos errungene Sieg der Freiheit – das war das eigentliche Wunder des Jahres 1989."

 

 


 

Leserkommentare

 


Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben. Anmelden

Warum muss ich mich anmelden/registrieren?

shz.de distanziert sich prinzipiell von allen in den Leserkommentaren geäußerten Meinungen ohne Rücksicht auf deren Inhalte. Alle Beiträge in den Leserkommentaren geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen der User wieder.

Bitte beachten Sie unsere Richtlinien für Kommentare!

 
 

SHZ.DE MOBIL

Auch unterwegs bestens informiert!

Mit der iPhone-App und dem Mobilportal von shz.de haben Sie die neuesten Nachrichten aus Schleswig-Holstein immer zur Hand.

Weitere Informationen...

 
INSTITUT50PLUS
Lebendig leben...
Angebote für eine aktive Lebensgestaltung
 
HÄUFIG GELESEN

Tekin Bicer: Wurde er von den "Hells Angels" ermordet?

Seit zwei Jahren lebt die Familie von Tekin Bicer aus Kiel schon mit der Ungewissheit. Damals ...mehr

 
 


KONTAKT | IMPRESSUM | AGB | DATENSCHUTZ