STREIFZÜGE DURCHS WEB

 

Datenschützer gegen Facebook

"Gefällt mir" - bald nicht mehr im Norden?

19. August 2011 | 14:21 Uhr | Von Hauke Mormann, shz.de

Wird schon als "Datenkrake" bezeichnet: Das soziale Netzwerk Facebook bekommt auch Angaben von Nicht-Mitgliedern. Foto: dpa

Schleswig-Holstein als Facebook-freie Zone? Datenschützer Thilo Weichert will die "Gefällt mir"-Buttons auf Webseiten von Unternehmen und Behörden verbieten.

Das soziale Netzwerk Facebook steht in der Kritik von Schleswig-Holsteins Datenschützer Thilo Weichert. Er will es Unternehmen und Behörden im Land verbieten, kostenlose Dienste von Facebook auf ihren Internetseiten zu nutzen. Sie sollen ihre Profile im Netzwerk bis Ende September löschen und vor allem die "Gefällt mir"-Funktion auf ihren eigenen Seiten nicht länger einsetzen. "Wir werden uns dann die Seiten großer Unternehmen und von Behörden ansehen und mit ihnen in Kontakt treten", kündigt Weichert an. Sofort vor Gericht ziehen will der Landesdatenschützer nicht, doch sollten Appelle nichts nützen, schließt er auch dies nicht aus. "Facebook verstößt gegen geltendes Datenschutzrecht in Deutschland und der EU. Wer die Funktion auf seiner eigenen Seite nutzt, macht sich genauso strafbar", betont Weichert. Bis zu 50.000 Euro Bußgeld sind möglich.

Was aber ist schlimm an Facebook? Stephan Hansen-Oest aus Flensburg ist Fachanwalt für IT-Recht und erklärt: "Wer sich bei Facebook angemeldet hat, sagt dem Unternehmen, auf welchen Seiten er sich bewegt." Tracking heißt das in der Computersprache, übersetzt: Verfolgung. Möglich wird das dadurch, dass über ein sogenanntes Cookie (übersetzt: Keks) im Internetbrowser die Nutzerdaten gespeichert werden - für eine Dauer von zwei Jahren. Auch wenn das Browserfenster, mit dem man Facebook besucht hat, geschlossen wird, bleibt das Cookie bestehen. Der Nutzer wird dann auf allen Internetseiten, die den "Gefällt mir"-Button einsetzen, identifiziert. Facebook weiß damit, dass sich das Mitglied die entsprechende Seite angesehen hat. Selbst wer kein Facebook-Mitglied ist, sendet anhand seiner IP-Adresse Daten an das Unternehmen - es kann diese Daten jedoch nicht direkt mit der Person, die am Rechner sitzt, in Verbindung bringen. Zwar lassen sich Cookies deaktivieren oder nach einer Sitzung löschen, aber sobald sich der Nutzer wieder bei Facebook anmeldet, wird eine neue Identifikationsdatei erstellt. Und ganz ohne Cookies funktionieren auch andere Dienste im Internet nicht.

Daten gehen in die USA

Der Nutzer wird über das Tracking nicht direkt informiert, wie es das deutsche Datenschutzrecht vorsieht. Darüber hinaus hat er keine Wahlmöglichkeit, ohne identifiziert zu werden auf "Gefällt mir" zu klicken. Zwei Punkte, die Weichert massiv kritisiert. Ein weiterer: "Sämtliche Daten werden in den USA gesammelt. Was damit geschieht, legt das Unternehmen nicht offen", erklärt Weichert. Aber: "Es ist eine ganz wichtige Information für die Werbeindustrie." Sie zahlt für die Informationen, sodass dem Facebook-Nutzer Werbung angezeigt wird, die im Zusammenhang mit den Themen der Seiten stehen, die er besucht hat oder die ihm gefallen. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Nutzer für das beworbene Produkt interessiert, sehr hoch. Vergleichbar ist das mit dem bekannten Adresshandel bei Postkarten-Gewinnspielen. "Durch seine Geschäftspraktik hat Facebook inzwischen einen geschätzten Marktwert von über 50 Milliarden Dollar erreicht", so Weichert.

Wie viele Unternehmen und Behörden in Schleswig-Holstein das kostenlose Facebook-Angebot nutzen, ist dem Datenschutzzentrum in Kiel nicht bekannt. Offiziell gibt es 18 Millionen deutsche Facebook-Konten. Laut Weichert dürften es in Schleswig-Holstein etwa 500.000 sein - sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen.

Wandel des Datenschutzes

Fachanwalt Hansen-Oest spricht bei der Ankündigung der Datenschützer von einem Wandel: "Bislang hat es ausgereicht, wenn Unternehmen in ihren Datenschutzbestimmungen darauf hingewiesen haben, dass sie Facebook-Funktionen anbieten und Möglichkeiten zeigen, wie sich die Verfolgung blockieren lässt." Das ist auch auf shz.de der Fall (ganz unten auf unserer Homepage, im Punkt Datenschutz). Aber der Anwalt vermutet, dass sich Weichert und seine Kollegen damit nicht mehr zufrieden geben werden. Der Datenschützer verweist auf andere Angebote sozialer Netzwerke, die die Datenschutzgesetze ernster nähmen. Er appelliert an die Unternehmen: "Die Nutzenden können ihren Beitrag leisten, indem sie versuchen, datenschutzwidrige Angebote zu vermeiden." Auch Privatnutzer sollten Weicherts Meinung nach die Alternativen nutzen - und Facebook den Rücken kehren. Denn: "Wenn Sie bei Facebook einen Account haben, lassen Sie ohnehin umfassend Ihre Hosen runter."

Stephan Münte-Goussar spricht im Umgang mit Facebook von einem Wandel der Gesellschaft. Er ist Dozent für Medienbildung an der Uni Flensburg. "Wenn ich mit Studenten über das Thema Facebook spreche, stoße ich auf Ablehnung, weil sie fürchten, ich mache ihnen ihr Spielzeug madig", berichtet der 40-Jährige. Seine Studenten fänden es gar nicht schlimm, sich derart "freizügig" im Netz zu bewegen. "Es heißt: 'Wir haben nichts zu verbergen' oder 'Ich weiß, wo ich die Häkchen setzen muss, damit nur meine Freunde lesen, was ich schreibe'." Das mag aus Münte-Goussars Sicht für den Moment richtig sein. Aber er verdeutlicht am Beispiel Großbritannien die Gefahr dieser Datensammlungen: "Zwei Jugendliche haben zu Krawallen auf Facebook aufgerufen. Hätte es keine Ausschreitungen gegeben, wäre ihnen wahrscheinlich nichts passiert. Jetzt aber wurden sie verurteilt." Ein weiteres Beispiel: "Zugegeben, es ist weit hergeholt, aber: Wenn ich eine Seite für Fischgerichte besuche und irgendwann vielleicht Fischesser politisch verfolgt werden, habe ich ein Problem. Und das Internet vergisst nichts!"

Dr. Thilo Weichert ist zwar der erste, aber nicht der einzige deutsche Datenschützer, der gegen den US-Riesen zu Felde zieht. "Unser aktueller Appell ist nur der Anfang einer weitergehenden datenschutzrechtlichen Analyse von Facebook-Anwendungen. Das werden wir in Kooperation mit anderen deutschen Datenschutzbehörden vornehmen."

Anmerkung der Redaktion: Wir lassen die weitere Verwendung unseres "Gefällt mir"-Plugins auf shz.de derzeit prüfen.


 

Leserkommentare

 
B. BÖDECKER 19.08.2011 16:08
Facebook

der letzte Mist.Wie alle soz Netzwerke. Facebook ist überall, schlimmer noch als Big Brother. Zuviele Spinner drinne, auf die Kinder reinfallen, ich habe einen Bericht im TV gesehen, dass man sich dort zwar abmelden kann, aber selbst Experten hatten Schwierigkeiten, ihr Profil komplett zu löschen. Niemand braucht diese Netzwerke.Und wenn, dann sollten diese unter sehr schwierigen Bedingungen gestellt werden zum Schutz der User, aber VORALLEM der KINDER!

VLADIMIR ESTRAGON 19.08.2011 19:01
Bödecker

ist auch bei Facebook.
Warum klicken Leute Bottons an? Sie müssen doch nicht.
Warum stellen Leute private Daten und Fotos ein? Das müssen sie auch nicht.
Die schlimmste Datenkrake ist Windows. Auch Windows muss niemand nutzen.
Nach Windows ist Google der größte Sammler. Google muss niemand nutzen.
Es beklagen sich zu viele über Dinge, die sie selbst erst möglich machen.

JAN BRUNSHAUPT 19.08.2011 22:48
Cookies verbieten

Dass sich Thilo Weichert mit Facebook anlegt, ist sehr tapfer. Aber Facebook macht das Gleiche wie Payback, Google, Amazon und viele andere. All diese Firmen leben auch von den Cookies, die sie jedem Nutzer mitgeben. Meistens funktionieren deren Seiten ohne Cookies gar nicht. Und wer sich richtig gruseln will, sollte mal nach Super-Cookies googlen und danach auf dem eigenen Computer im entsprechenden Verzeichnis nachschauen...
Vermutlich funktioniert so manches ohne Cookies erst einmal nicht mehr im Internet, aber dennoch ist das der richtige Weg.
Aber das ist nur ein Aspekt. Man könnte auch über Gesichtserkennung auf Fotos, Street View, Cloud Computing usw. reden.
Manches lässt sich nicht vermeiden, schon damit man beruflich oder privat 'stattfindet'. Aber man muss aufpassen, was man tut.

OLLIE OMSEN 19.08.2011 23:50
Wahnsinn

Also hätte ich eine Firma, die Ihre Produkte über Werbung verkauft und würde man mir verbieten, über Facebook Werbung für mein Produnkt zu machen, ich würde SH den Rücken kehren.

Wie will man uns eigentlich beibringen, daß es auf der einen Seite nötig ist, daß der Staat immer mehr Daten und Informationen über seine Bürger hortet, andererseits verbietet, wenn jemand anderes Daten sammelt? Zumal diese private Datensammlung freiwillig erfolgt. Niemand muß sich bei Facebook anmelden. Jeder hat die Kontrolle darüber, welche Informationen er Facebook verrät. Jeder entscheidet selber, ob er einen Like-Button anklickt. Ich glaub hinsichtlich der staatlichen Sammelwut habe ich nicht soviel Macht über meine Daten.

Diese Doppelmoral macht nachdenklich.

Ich hoffe, diese Leute, die sich noch das Internet ausdrucken lassen, verlasssen bald sensible und machtausgestattete Positionen.

WALTER HEMPE 20.08.2011 09:16
politische Feiglinge

die kleinen hängt er und die grossen lässt er laufen - mutig Herr Weichert - wenn das wahr wird, gibt es unsere Firma bis September nicht mehr in Schleswig-Holstein, sind zwar nur 2 Arbeitsplätze in der IT-Branche, aber Kleinvieh macht auch Mist - - Mauer aussenrum hatten wir doch gerade abgeschafft oder?

WALTER HEMPE 20.08.2011 09:28
Google Analytics

was ist mit Google Analytics? gehen die Daten nicht auch in die USA und werden zu Werbezwecken genutzt ohne dass wir Einfluss drauf haben?
Ich würde das Nutzen von Google in Schleswig-Holstein verbieten lassen - soll mit diesen Massnahmen die Haushaltslage verbessert werden?

WOLFGANG SCHLÜTER 20.08.2011 16:22
So wird man zum "Freund" der Tea-Party Bewegung

Für wie dumm hält man uns eigentlich ?, jeder entscheidet selbst ob er "like" anklickt oder nicht!! Der Logik des Hr. Wichert folgend, müssen die Payback und andere Karten sofort verboten werden, denn hier liegt das eigentliche Interesse auch im sammeln und zusammenführen von Daten und Profilen. Gleiches gilt für die Sammelwut unseres Innenministers (Vorratsdatenspericherung). Resümee: wenn es unserer Wirtschaft nutzt Finger weg, wir "jagen" Andere.
Hr. Wichert überdenken Sie doch einfach mal den Sinn Ihres Jobs - Sie werden siuch selbst überraschen.



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