sh:z-Ostseetour: In Russland
Klimawandel? "Am besten gleich vergessen"
Elena N. Kobets, die Direktorin für Entwicklung am St. Petersburger Büro der internationalen Umweltallianz Bellona. Foto: Schulz
Ein Interview zum Thema Klimawandel? In St. Petersburg? Das solle ich am besten gleich vergessen, riet man mir. Wer es gewählter ausdrücken wollte, teilte mir mit, im öffentlichen Bewusstsein Russlands spiele der Klimawandel keine Rolle. Probieren wollte ich es trotzdem, denn immerhin liegt St. Petersburg auf der Route der sh:z Ostseetour.
Meine erste Anlaufstelle: Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Ja, er würde gerne mit mir reden, ließ er mich wissen, aber er müsse die Genehmigung seines Vorgesetzten einholen. Am nächsten Tag erfahre ich, seine Dienststelle habe beschlossen, sich in das Thema Klimawandel nicht einzumischen. Er und seine Kollegen würden mir aber gerne erzählen, was in St. Petersburg alles für den Umweltschutz getan werde. Thema verfehlt, hätte mein Deutschlehrer gesagt.
Mein zweiter Versuch: Elena Kobets, Direktorin für Entwicklung bei der nicht-staatlichen Organisation Bellona-Zentrum für die Rechte der Umwelt. Spontan sagt sie zu, und einen Tag später treffe ich sie im Büro ihrer Organisation. Nach ihrem Studium war die heute 56-jährige Geologin in der Gold- und Diamantenprospektion tätig. Bei Bellona arbeitet sie seit vier Jahren und ist unter anderem verantwortlich für die Aktivitäten zum Klimawandel.
"Wir werden fast jeden Tag der Spionage verdächtigt"
Elena Kobets ist eine kleine Frau mit großem Mut. Als ich sie frage, was ich aus unserem Gespräch wirklich schreiben dürfe, sagt sie entschieden: Alles. Es sei ihre Aufgabe, auch solche Themen anzusprechen, denen andere aus dem Weg gehen. "Und außerdem", sagt sie halb im Scherz, "werden wir fast jeden Tag der Spionage verdächtigt." Einfach sei ihre Arbeit nicht, und öffentliche Unterstützung aus Russland könne Bellona nicht erwarten. Aber es gebe Sponsoren, die die Arbeit der Stiftung unterstützen.
In dem schlichten Besprechungszimmer, in dem wir sitzen, gibt es nur einen einzigen Schmuck: Die große weiße Fahne mit dem Aufdruck Bellona in kyrillischer Schrift. Die internationale Umweltallianz, mit Büros in St. Petersburg, Murmansk, Oslo, Brüssel und Washington, ist inzwischen eine der bedeutendsten Umweltorganisationen in Russland. Über die Grenzen Russlands hinaus bekannt wurde Bellona durch Alexander Nikitin, der heute Direktor des St. Petersburger Büros ist. Nachdem er an einer Veröffentlichung mitgearbeitet hatte, die die Gefahr durch verrottende russische Atom-U-Boote aufklärte, saß er wegen angeblicher Spionage lange in Untersuchungshaft.
Wie geht die russische Administration mit dem Thema Klimawandel um? "Die Behörden versuchen, uns glauben zu machen, dass es kein durch den Menschen verursachtes Klimaproblem gibt", erklärt Elena Kobets. "Und auch die meisten Wissenschaftler, die an staatlich finanzierten Instituten arbeiten, erkennen das Problem angeblich nicht." Die wenigen russischen Forscher, die sich ernsthaft mit der globalen Erwärmung auseinander setzen, seien meist in internationale Projekte eingebunden und würden von diesen auch finanziert.
Keine Aktionspläne, keine Maßnahmenkataloge
Bellona analysiere derzeit alle russischen Aktivitäten im Bereich Klimawandel: "Bisher haben wir kein einziges durch russisches Geld finanziertes Projekt gefunden." Auch ein staatliches Programm zum Klimaschutz, mit entsprechender Begleitforschung, gebe es in Russland nicht.
Auf meine Frage, welche Behörde für das Klimaproblem zuständig sei, antwortet Elena schulterzuckend: "Derzeit ist kein Ministerium dafür verantwortlich und somit auch niemand befugt, Entscheidungen zu treffen." Und wer vertritt Russland in internationalen Verhandlungen zum Thema Klimawandel? "Da wird dann eben jemand delegiert, der gerade verfügbar ist", meint Elena, "unabhängig von dessen Qualifikation." Der russische Wetterdienst sei zwar in gewisser Hinsicht zuständig. Aber zum einen habe der keine Entscheidungskompetenz, und ohnehin müsse ein Problem wie der Klimawandel interdisziplinär angegangen werden. "Die ganze Welt denkt seit Jahren über Klimaprogramme nach", bemerkt Elena Kobets kopfschüttelnd, "während Russland keinen Handlungsbedarf sieht. Das erste und bisher einzige offizielle Dokument überhaupt, das die russische Administration zu diesem Thema herausbrachte, ist die so genannte Klimadoktrin. Sie wurde im April dieses Jahres verabschiedet." Die Doktrin sei zwar ein guter Anfang, aber sie stelle eben nur das Problem vor und bleibe ohne Aktionspläne oder Maßnahmenkataloge.
Euphorische Nachrichten hatte ich in Russland zum Thema Klimawandel nicht erwartet. Aber so bedrückend, wie ich es hier erlebt habe, hatte ich mir die Situation nicht vorgestellt. Als ich Elena unten, vor der dicken Stahltür des Hinterhof-Hauses, zum Abschied viel Erfolg bei ihrer Arbeit wünsche, meint sie selbstbewusst: "Wir von Bellona sind zwar nur eine kleine Organisation. Aber wir werden weiterhin dafür kämpfen, dass sich auch in Sachen Klimawandel die Situation in Russland verbessert."






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