10 JAHRE "PALLAS"-HAVARIE

 

Medienrummel

Wie Amrum zum Mittelpunkt der Medienwelt wurde

28. Oktober 2008 | 14:33 Uhr | Von Margret Kiosz

Margret Kiosz arbeitet heute im Kieler Büro des shz. 1998 war sie Reporterin beim "Inselboten" auf Amrum. Foto: shz

Wir haben die "Pallas" damals gerochen, lange bevor sie vor Amrum strandete. Von dem, was sich draußen auf See abspielte, von den vergeblichen Versuchen, den brennenden Havaristen aufs offene Meer zu schleppen, davon ahnten wir Insulaner zunächst nichts.

Nach dem Rauch kam das Öl. Auf Amrums berühmtem Kniepsand versuchte die Feuerwehr, der schwarzen Pest mit Schaufel und Eimer beizukommen. Es war stürmisch und kalt. So kalt, dass ich als Lokalreporterin des "Inselboten" mit steif gefrorenen Fingern den Blitz an der Kamera nicht ausschalten konnte. Folge: Die ersten Bilder von der Ölbekämpfung waren wegen der Reflektionsstreifen an den Feuerwehrjacken "verstrahlt".

Medienrummel auf der kleinen Insel

Doch es dauerte nicht lange, dann kamen die Kollegen vom Festland: Binnen 24 Stunden wurde aus der Handvoll Reporter eine Hundertschaft, darunter Dänen, Schweizer, sogar Amerikaner. So viele Ü-Wagen - wurde später erzählt - habe es ewig nicht an einem Ort gegeben. Für mich war die hochkarätige Konkurrenz beeindruckend. Doch da ich wusste, wo die Löschschiffe anlegten, wer als Interviewpartner in Frage kam und welcher Fischer TV-Leute zur "Pallas" schippert, war ich eine begehrte Infoquelle. Und ich fand abseits der News immer noch die kleine Geschichte am Rande.

Zum Beispiel die mit Piet Nauta, dem legendären Chef des Löschteams. Als er nachts vom Brandeinsatz per Helikopter auf die Insel zurückkam, wusste ich, wo er übernachtete. Zum Umfallen müde erzählte er mir, auf der "Pallas" sei es so heiß, "da können Sie ihr Steak auf dem Lukendeckel braten". Schlimmer als die Hitze (1000 Grad) sei jedoch der Qualm: "Das ist wie ein Barbecue-Grill, auf den sie Wasser gießen, es zischt und dampft aus allen Ecken." Mein Artikel wurde sogar in US-Zeitungen gedruckt.

Unterhosen-Mangel auf Amrum

Oder die Geschichte, dass auf Amrum die Unterhosen knapp wurden. Die meisten Reporter waren mit Handgepäck angereist. Sie glaubten, in zwei Tagen sei der Spuk vorbei. War er aber nicht. Einige blieben drei Wochen, froren in dünnen Jacken und kauften die Läden leer. Winterunterwäsche war der Renner. Als Tchibo welche im Angebot hatte, sprach sich das so schnell rum wie die Ankunft einer Kartoffellieferung nach dem Krieg.

Die Insulaner machten das Geschäft ihres Lebens. Eigentlich war Saisonende, die Läden leer, Hotels schwach besetzt. Nun war kein Bett mehr zu haben. Abends saß - so mein Eindruck - die Hälfte der deutschen Journaille in den Foyers und fachsimpelte über das schlechte Krisenmanagement. Tagsüber fuhren wir mit gecharterten Booten zum Wrack, sahen, wie es sich immer tiefer in die Sandbank eingrub und später auseinander brach. Lustfahrten waren das nicht. Nach sechs Meilen Seefahrt waren alle grün im Gesicht und wortkarg.

Lebhafte Konferenzen

Lebhafter ging es bei den täglichen Pressekonferenzen im Sitzungssaal des Amtsgebäudes zu. Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn 100 Journalisten mit Kameras, Stativen und meterlangen Mikrofonstangen gleichzeitig durch eine Zimmertür wollen? Ich habe es gesehen und amüsiere mich noch heute.

Mitte Dezember hatte das Spektakel ein Ende. Die Luft war raus, kein Insulaner wollte mehr etwas über die "Chaoten-Truppe aus Cuxhaven" in ein Mikrofon sagen. Die Feuerwehrleute hatten es satt, dass hinter jedem Blaurock, der am Strand tote Seevögel einsammelte, ein Kamerateam stand. Sechs Wochen "Pallas"-Theater waren genug. Sie bezogen die Betten neu - dieses Mal für die Weihnachtsurlauber.


 

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