WISSENSCHAFT IM NORDEN

 

Kieler Insektologe erfolgreich

Mordserie im Apfelbaum aufgeklärt

24. April 2010 | Von Tomma Schröder

Hier wird geboren, gejagt und gemordet - die Beteiligten des täglichen Krimis im Apfelbaum sind unter anderem...

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Kiel. Es ist eines der schönsten Bilder, mit denen der Frühling aufwartet: Sonnenschein, eine grüne Wiese, blühende Apfelbäume. Doch ein starker Zoom macht diese Idylle augenblicklich zunichte. Dann wird der friedvoll im Wind schaukelnde Apfelbaum zum Tatort ungezählter Tragödien und ungesühnter Morde. Da saugt die Schlupfwespenlarve die Blattlaus bei lebendigem Leibe von innen aus, nur um im nächsten Moment von der Florfliegenlarve gefressen zu werden. Eine weitere Laus verendet qualvoll im zähen Honigtau. Und ihre Schwester wird auf dem nächsten Blatt gerade von einer Marienkäferdame mit "Haut und Borsten" vertilgt, während der Marienkäfer-Gatte im Hintergrund kräftig vibrierend für rot-schwarz gepunkteten Nachwuchs sorgt.

Beweise für all diese Morde und Gemeinheiten hat Urs Wyss gesammelt, emeritierter Kieler Agrar-Professor. Er hat sich unter anderem mit seinem Klassiker "Mord im Apfelbaum" einen Namen als filmender Insektenforscher gemacht. Auf die spannenden Krimis, die er mit Hilfe einer Stereomikroskop-Kamera erzählt, ist sogar schon das Fernsehen aufmerksam geworden. Arte plant für das nächste Jahr eine Dokumentation über das Leben und Sterben im Apfelbaum. Für seine zahlreichen DVDs (www. entofilm.com), die neben den Morden im Apfelbaum auch das harte Leben der Insektenmännchen, den Ameisenlöwen, die Napf- und Deckelschildläuse, den Siebenpunktmarienkäfer, die räuberische Galmücke und viele andere kleine Tierchen und Abenteuer darstellen, liegen mittlerweile Bestellungen aus ganz Europa, sogar aus Südamerika, China, Südkorea und den Staaten vor. Viel schöner aber als die eher für den Unterricht gedachten DVDs ist es, wenn der Schweizer die unheimlichen Dinge, die dort auf der Leinwand passieren, live kommentiert. So wie morgen, wenn der "Mord im Apfelbaum" vermutlich ein drittes Mal das Kommunale Kino in Kiel restlos füllen wird.

"Ich warte und fluche und verzweifle"

Dabei sind die Geschichten, die Urs Wyss detektivisch ermittelt und aufgezeichnet hat, nur aufgrund der großzügigen Schnitte so kurzweilig. Von dem Filmemacher selbst erfordern sie die größte Geduld und Ausdauer. "Ich warte und warte und fluche und verzweifle", beschreibt der gebürtige Schweizer seine oft tagelange Arbeit vor dem Mikroskop. Denn um das Leben im Apfelbaum zu filmen, holt Wyss seine Schauspieler von draußen ins Labor unters Mikroskop - und wartet. Und dann ist er irgendwann da, der große Moment, der so vielleicht noch nie aufgezeichnet wurde und der all die Wartezeit vergessen macht: Der Maiszünsler schlüpft, die Schlangenminiermotte webt ihre kunstvolle Hängematte, der Haselnussbohrer bohrt dicke Nüsse.

Denn es sind natürlich nicht nur die Morde, die Urs Wyss interessieren, es ist das Leben und Sterben an sich. Ein brutales und schönes, ein rücksichtsloses, trickreiches und gelegentlich auch lustiges Treiben, das sich auf Millimetergröße abspielt und daher so oft unbeachtet bleibt. Dabei kann ein Blick in diesen reichen Mikrokosmos ganz ungeahnte Perspektiven eröffnen. Da weicht der Ärger über die lästige Blattlaus plötzlich einer Faszination: Wenn sich die Larve mit einem kleinen Kamm am Kopf aus dem Ei befreit, sich streckt, strampelt und die ersten Schritte macht. Wenn die erwachsenen Blattläuse ihr Verdauungsprodukt, den zuckerhaltigen Honigtau, kugelförmig aus ihrem Hinterleib pressen. Wenn sie diese Kugel in einer kaum nachvollziehbaren Geschwindigkeit weit von sich schleudern, um nicht selbst in dem klebrigen Saft steckenzubleiben. Und wenn schließlich das grüne Tierchen ausgesogen wird und nur noch eine farblose Hülle von der Laus übrig bleibt.

Genau hinsehen, um Schädling von Nützling zu unterscheiden

Selbst bei Landwirten, auf deren Tagungen Urs Wyss während des langen insektenlosen Winters oftmals Filmvorträge hält, hätten diese Bilder Eindruck hinterlassen, meint der Insektenforscher: "Wenn die mal die Tierchen sehen, dann sind die ganz fasziniert." Und den ein oder anderen, so Wyss, habe er auch schon überreden können, erst einmal genau hinzusehen, bevor Schädlingsbekämpfungsmittel gespritzt werden. Schließlich gibt es lange weiße, schwarz beborstete oder rötlich gefärbte Larven. Hinzu kommen tropfenförmig weiße, harte braune und farbige Insektenpuppen. Da muss man schon genau hinsehen, um zu erkennen, was sich als Schädling und was sich als Nützling "entpuppen" wird.

Und das empfiehlt der Insektenforscher auch allen Hobby-Gärtnern: "Werden Sie selbst zum Forscher! Gehen Sie raus und schauen Sie sich den Apfelbaum ganz genau an." Danach wird die Apfelbaumwiese zwar sicher nicht mehr so idyllisch sein wie vorher - aber viel spannender.

"Mord im Apfelbaum", Kommunales Kino Kiel, 25. April um 16 Uhr. Infos zu den Filmen und Bestellmöglichkeiten für die DVDs: www.entofilm.com


 

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