WISSENSCHAFT IM NORDEN
Yak-Kamel-Stiftung
Die Rückkehr der Trampeltiere?
Nur noch 250.000 zweihöckrige Kamele, auch Trampeltiere genannt, leben in der Gobi, äußere Mongolei. Foto: animal affairs, Koch
In der Wüste Gobi in der äußeren Mongolei bekommt jeder, der eine Jurte (Zeltbehausung) betritt, einen Becher des vergorenen Kamelmilchgetränks "Airag" angeboten. Das ist lange Tradition, ebenso wie die Kamel-Haltung. Doch von den ehemals Millionen milcherzeugenden zweihöckrigen Kamelen auch Trampeltiere genannt werden inzwischen nur noch ungefähr 250.000 in den mongolischen Steppen geweidet. Ein Zustand, der die hiesigen Freunde der Trampeltiere alarmiert. Die 1992 gegründete Yak-Kamel-Stiftung, die im Kreis Steinburg beheimatet ist, versucht mit ihren Mitteln gegenzusteuern. Ihr Lösungsvorschlag: Kamelmilch. Kamelmilch sei die Zukunft - in der Steppe wie auch als Export-Artikel, meint Professor Dr. Horst Geilhausen aus dem Stiftungsvorstand. "Sie schmeckt einzigartig aromatisch-sahnig". Und Kamelmilch hat fünf bis sieben Prozent mehr Fett als Kuhmilch, hält sich bis zu sechsmal länger, ohne sauer zu werden, und ist frei von Kuhmilchallergenen. Ersteres ist besonders für die Nomaden in der Mongolei von Vorteil, letzteres dürfte möglicherweise irgendwann die Milchallergiker hierzulande erfreuen.
Die Yak-Kamel-Stiftung in Steinburg hat aber zuerst einmal dort angesetzt, wo Hilfe am dringendsten nötig scheint. Im Herbst 2008 begann für zehn Nomaden aus fünf verschiedenen "Aimags" (Provinzen) der Mongolei in der Hauptstadt Ulan Bator ein Lehrgang in Milchverarbeitung. Sie lernten eine Woche lang vieles über Hygiene, Pasteurisierung, Verarbeitung zu Butter, Käse, Quark, Joghurt und reinem Fett (für die Kosmetikindustrie) sowie den Umgang mit Separatoren für diese Arbeit. Nach einem Jahr können sie von ersten Erfolgen berichten. Und die Stiftung hat sie genau dokumentiert: Neun der Schulungsteilnehmer sind in die Kamelmilchverarbeitung eingestiegen. Mit Hilfe der robusten transportablen Zentrifugen, die die Stiftung für insgesamt 8000 Euro angeschafft hatte, konnten sie eigene kleine Betriebe aufbauen. Sie gründeten Genossenschaften, kauften die Milch bei den Nomaden auf, schlossen Lieferverträge ab und haben Kamelstutenfarmen aufgebaut. Die hergestellten Milchprodukte werden in den Städten und besonders an Schulen für die Pausenverpflegung verkauft. Kamelmilchprodukte im Wert von 30.000 Euro haben die Schulungsteilnehmer in einem Jahr umgesetzt, teilt die Stiftung mit.
Kamele gegen Motorräder getauscht
Soweit so gut. In der Mongolei hat man zwar nach dem alljährlichen Trampeltier-Zensus im Dezember zum ersten Mal seit Jahren einen gleich-bleibenden Kamelbestand vermelden können. Dennoch stehen Mensch und Trampeltier weiterhin vor großen Schwierigkeiten. In den vergangenen Jahren wurden zehntausende Nomaden in den Slums rund um Ulan Bator sesshaft; nun gibt es einen neuen Trend zur Rückkehr in die weiten Ebenen. Doch das Know-How zur Trampeltierhaltung ist den Landflüchtlingen inzwischen teilweise verloren gegangen. "Die Tiere werden viel zu häufig geschlachtet, selbst tragende Kamelstuten, weil das Fleisch begehrt und teuer ist", erklärt Professor Geilhausen. Bei einem seiner zahlreichen Besuche in der Mongolei hat der Veterinärmediziner beobachtet, dass die jungen Mongolen gerne Trampeltier(fleisch) gegen ein Motorrad eintauschen, und das, "obwohl es in der Gobi keine Tankstellen gibt!"
Der sehr kalte Winter trägt momentan dazu bei, die sich stabilisierende Population der Kamele erneut zu dezimieren. Die Tiere erfrieren oder verhungern, weil die Hirten nicht genügend Winterfutter eingelagert haben. "Überall in der Wüste liegen Kadaver herum", so Geilhausen. Die UN hat inzwischen ein Hilfsprogramm organisiert. "Cash-for-work" heißt es und bezahlt die Hirten dafür, Millionen von verendeten Herdentieren (nicht nur Trampeltiere) zu entfernen. "Von der Jurte zum Hochleistungszentrum à la Singapur" soll sich die Mongolei nach dem Nationalen Entwicklungsplan der Regierung bis 2021 entwickeln. Ob die Kamelmilchproduktion der Nomaden zu diesem Ziel passt, bleibt abzuwarten. Die schleswig-holsteinische Yak-Kamel-Stiftung hofft, dass die Entwicklung zu einer modernen Dienstleistungsgesellschaft jedenfalls nicht auf den Höckern der letzten Kamele ausgetragen wird.





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