WISSENSCHAFT IM NORDEN

 

Synästhesie

Brummendes Schwarz, stilles Weiß

20. März 2010 | 05:55 Uhr | Von Mira Nagar

Katja Krügers Schwarz ist ein tiefes Bass-Brummen. Foto: Anna Rowedder

Bild 1 von 2

Der schwarz-weiß gescheckte Kater Magnus liegt auf der orangefarbenen Tischdecke und brummt. Nein, er schnurrt nicht - obwohl er sich schon auffällig genussvoll räkelt - er brummt. Vielmehr: Sein Fell brummt, die schwarzen Flecken, um genau zu sein. Nicht für Tochter Hjördis, die gerade ihre Papagena aus der Zauberflöte probt, nicht für Anna Rowedder, die zu Besuch ist. Für sie ist das Fell schwarz-weiß, warm und kuschelig.  Für Katja Krüger aber brummt es. Weil schwarz eben brummt. Für die 44-Jährige ist das ganz normal, sie ist Synästhetikerin. Farben kommen nicht nur als visueller Reiz bei ihr an, sondern auch als Ton oder Klang.

Das Wort Synästhesie ist schnell erklärt: Das Altgriechische "syn" heißt zusammen und "aisthesis" steht für Empfinden.  So wirklich verstehen kann das Phänomen aber niemand.  Ein Eindruck wird mit zwei Sinnen  wahrgenommen So wird   ein "a" grün, der Name Melissa schmeckt nach Smarties oder eben, wie bei Katja Krüger, brummt das Schwarz. "Mit Sympathie oder Antipathie hat das nichts zu tun", sagt ein Synästhetiker  über seine  Ton-Geschmacks-Kopplung, "aber trotzdem schmeckt die Stimme des Politikers Ronald Pofalla so wie salziger Haferschleim." Synästhesien sind also keine bloßen Assoziationen.

Einer von 200 Menschen ist Synästhetiker

Die  häufigste Form ist das so genannte Coloured Hearing,  man hört etwas und sieht dazu eine Farbe. Es gibt aber auch Menschen, die Musik schmecken oder die wie Katja Krüger bei Farbeindrücken einen Ton hören.  Und ihre Bauchschmerzen quietschen, denn neben der Farb-Klang-Kopplung hat sie  noch eine zweite Synästhesie. "Da ist eine klare Verbindung von Schmerzreiz-Klangreiz", erklärt  Krüger das.  Etwa einer von 200 Menschen ist Synästhetiker, sagt Neuro-Psychologe Prof. Hinderk Emrich von der Uni Hannover - in Deutschland einer der führenden Forscher auf dem Gebiet.  "Man weiß, dass sich das  im beginnenden Schulalter entwickelt", erklärt er.  "Die Intensität nimmt dann bis zur Pubertät zu  und bleibt  relativ konstant erhalten bis etwa  60 Jahre." Die Forscher vermuten, dass die doppelte Wahrnehmung von Hormonen bestimmt wird, hauptsächlich von Sexualhormonen. Doch sie haben auch eine Reihe von Peptidhormonen im Verdacht, deren Funktion bisher noch nicht geklärt ist.

Dass dunkles Rot ein Englisch-Horn-Klang ist, Grün ein "kitschiger Pfefferminzakkord" und Blau eine Quinte, ist für Katja Krüger   nicht beeinflussbar. Sie hört eigentlich immer etwas. Die Tischdecke, der Kater, das rote Sofa. Die weißen Flecken des dicken Katers hört Katja Krüger jedoch nicht, denn je heller eine Farbe ist, desto leiser ist sie.  Weiß ist still. Vielleicht waren es  diese  Klangwahrnehmungen, die Katja Krüger  zur Musik gebracht haben, überlegt sie.  Als Schülerin begann sie, Instrumente zu erlernen, heute ist sie selbst Musiklehrerin in Henstedt-Ulzburg.  

Bassbrummendes Schwarz

Die kleine, dunkelblonde  Frau mit der langen blauen Haarsträhne verschwindet fast hinter einem riesigen Instrument. Mit ihrem Kontrabass versucht sie gerade, ihr Schwarz zu vertonen.  Immer tiefer stimmt sie  die Saiten. "Das würden Bassmusiker mir jetzt übel nehmen", sagt sie und streicht ihr donnergrollendes Tiefschwarz.   Eine Lieblingsfarbe der Bassspielerin  ist  aber ein klares Blau, für sie ein Quintakkord. Schmutzige Mischfarben erzeugen auch unreine Töne. "Als es vor einigen Jahren Mode war, Olivgrün mit rosa zu tragen, war das echt schrecklich", sagt Krüger.  Ihre Freundin Anna Rowedder weiß das und trägt Schwarz.

Sie selbst ist keine Synästhetikerin, doch das Thema beschäftigt sie schon seit Jahren.  Die Kommunikationsdesignerin  Rowedder hat versucht, die Farb-Klang-Verbindungen zu katalogisieren. Sie hat dafür blau-weiße  Frischhaltefolie  fotografiert und  die Musikerin  hat die Klänge, die sie beim Anblick der Fotos hört, aufgeschrieben. Die Fotos sehen aus wie abstrakte Kunst. Krügers Vertonungen der Fotos klingen wie neuere Musik - und doch soll beides zunächst dazu dienen, dem Phänomen Synästhesie auf die Schliche zu kommen.  Ein langer nachtblauer Balken dröhnt voll, drohend dunkel, vibriert und klingt ein wenig so als wurde man die Filmmusik für einen in dunkler See dahinschwimmenden Wal hören. 

"Hörfoto"

Rowedder  weiß von  Vorurteilen gegenüber Synästhetikern. Daher versucht sie in ihrem Buch  "Für dich"  mehrere Synästhesien möglichst genau zu erfassen. Auch ein  Frischhaltefolien-Foto mit blassblauen Kullern und energischen, dunklen Zacken hat  Krüger für das Projekt vertont. Ihre Komposition  klingt wie eine anfahrende Jahrmarktachterbahn, in die klassische chinesische Musik hineingetupft wird. Später kommen wieder die dunklen Tiefseemelodien und frühlingshafte Streicher.  Krüger hört Glissandi und Pizzicati, hört Streicher und Pauken, wenn sie das Bild betrachtet. "Hörfoto" nennt sie das.

Die synästhetischen Eindrücke kann man mit einem EEG messen. Sie passieren im Gehirn, also nicht in den Sinnesorganen selbst. Zurzeit arbeiten Forscher daran, die Kopplung genauer zu lokalisieren. „Man weiß aber schon, dass die Synästhesien nicht in den primären Sinneswahrnehmungen sind, also da, wo man hell/dunkel oder laut/leise wahrnimmt“, sagt Prof. Emrich. „Sie ist lokalisiert, wo die Sinnesdaten interpretiert werden. Die primäre akustische Wahrnehmung ist also bei allen gleich. Nur die weiteren Auswertungen sind verändert.“

„Die Veranlagung, Synästhesien zu haben, ist angeboren“, sagt Prof. Emrich. „Aber wie das „Lexikon“ der Synästhesien ausgestaltet wird, wird gelernt.“  Auch  Katja Krüger hatte Synästhesien schon als Kind. Sie merkte irgendwann, dass sie ihre Umgebung anders wahrnimmt als Eltern und Freunde, erklärt die heute 44-Jährige. Irgendwie wurden damals Sätze wie „Der Himmel klingt heute schön“ merkwürdig aufgenommen.

Leben ohne Stille

"Wie ein Leben ohne Klänge ist, kann ich mir gar nicht vorstellen", sagt sie. Ihr Haus hat die dreifache Mutter farbenroh eingerichtet: Rotes Sofa, überall hängen Kinderbilder  oder kleine Flöten an der Wand. "Aber es sind  viele klare Farben, Orange als Großfarbe käme mir hier nicht herein", sagt die Musiklehrerin.  "Und eine gelbe Wand habe ich umgestrichen, die war mir zu laut." Dennoch:  Ihre Welt ist nicht wie von einem dauerhaft nervenden Tinnitus untermalt.  "Man kann das ausblenden", sagt Anna Rowedder. "Genauso, wie wir zwar Hjördis Papagena im Hintergrund hören, uns aber nicht weiter darauf konzentrieren." Tatsächlich, Katja Krügers Tochter probt immer noch ihren Part in der Zauberflöte.

Kino und Fernsehen allerdings sind für Krüger eine undurchdringliche Kakophonie, erklärt sie. Daher liest sie lieber die Rezensionen, als selbst in den Film zu gehen. Mitreden möchte sie schließlich trotzdem.  "Viel schöner als Fernsehen und Kino finde ich Schwarz-Weiß-Filme." Die brummen nur ein wenig. Wie der Kater.

 


 

Leserkommentare

 


Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben. Anmelden

Warum muss ich mich anmelden/registrieren?

shz.de distanziert sich prinzipiell von allen in den Leserkommentaren geäußerten Meinungen ohne Rücksicht auf deren Inhalte. Alle Beiträge in den Leserkommentaren geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen der User wieder.

Bitte beachten Sie unsere Richtlinien für Kommentare!

 

SHZ.DE MOBIL

Auch unterwegs bestens informiert!

Mit der iPhone-App und dem Mobilportal von shz.de haben Sie die neuesten Nachrichten aus Schleswig-Holstein immer zur Hand.

Weitere Informationen...

 
INSTITUT50PLUS
Lebendig leben...
Angebote für eine aktive Lebensgestaltung
 
HÄUFIG GELESEN

Wohnwagen gerät in Gegenverkehr

Ein Wohnwagen löste sich während der Fahrt nahe Harrislee von einem Trike, geriet in den ...mehr

 
 


KONTAKT | IMPRESSUM | AGB | DATENSCHUTZ