FRAUEN IM PROFIL

 

"Frauen im Profil"

Erfolg zwischen Markt und Männern

22. Dezember 2009 | Von Anette Asmussen

Bücher über Bücher: Sonja Bischoffs eigene Untersuchungen über Männer und Frauen in Deutschlands Chefetagen sind längst zu Standardwerken geworden. Foto: Dewanger

Hamburg / Eiderstedt. "Nordseeluft", sagt Sonja Bischoff. Nordseeluft brauche sie zum Leben. Und so liegt ihre Wohnung kurz hinterm Deich auf Eiderstedt - ein Zuhause, das für die Hamburger Wirtschaftsprofessorin viel mehr ist, als nur eine Unterkunft für arbeitsfreie Zeiten. "Hier vergesse ich alles, hier habe ich den Kopf frei und kann denken."

Viele ihrer Bücher sind auf Eiderstedt entstanden. Sachbände, die sich mit wirtschaftlichen Themen im Allgemeinen und mit dem Vergleich von Männern und Frauen in Führungspositionen im Besonderen beschäftigen. Mitte der 80er Jahre legte Sonja Bischoff ihre erste empirische Studie über Männer und Frauen im mittleren Management vor, die erste auch bundesweit. "Damals habe ich aufgedeckt, dass Frauen, selbst wenn sie sich beruflich durchgesetzt haben, persönlich regelmäßig benachteiligt werden." Die auffällig schlechte Bezahlung weiblicher Führungskräfte im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen blieb ein Ärgernis für die engagierte Wirtschaftswissenschaftlerin - bis heute.

Junge Chefin in marodem Familienunternehmen

Sie selbst setzte sich schon früh in einer Männer-dominierten Wirtschaftswelt durch. Kaum das Abitur in der Tasche, starb der Vater und ihr "fiel ein konkursreifes Omnibusunternehmen vor die Füße". 1966 war das. Die Mutter und die zwölf Jahre ältere Schwester waren überfordert. Aber: "Die Schulden waren hoch und irgendetwas musste geschehen. Was blieb mir also übrig?" Sonja Bischoff belegte einen Buchhaltungskursus und stieg als neue Firmenchefin ins marode Unternehmen im Teutoburger Wald ein. Was folgte war ihr "Crash-Kurs fürs Leben". Zwischen Markt und Männern lernte die junge Frau tagsüber "die Kunden zu streicheln" und nach Sonnenuntergang "scharf zu rechnen". Nur ein Jahr brauchte sie, dann war der Betrieb soweit wieder hergestellt, dass er "ohne Langzeitfolgen" abgewickelt werden konnte. Die Familie überlebte finanziell und der Berufswunsch der jüngsten Tochter stand fest. Die 20-Jährige schrieb sich in Hamburg für das Studium der Betriebswirtschaftslehre ein - als eine von fünf Frauen "unter ungefähr tausend Kommilitonen".

Immer auf der Suche nach neuen Ideen und Marktchancen

Damit begann das, was das Leben von Sonja Bischoff prägen sollte: Die Arbeit unter Männern. Das sei immer angenehm gewesen, erinnert sie sich; der Umgang untereinander: sachlich, aber auch freundschaftlich verbindlich.

Als sie nach der Promotion ihre Forschungsschwerpunkte auf die Themen Männer und Frauen in Führungspositionen, Freie Berufe und Selbstständigkeit legte, geschah das nicht aus eigener Betroffenheit, sondern, weil "diese Gebiete noch von niemandem erforscht wurden". Der Schlüssel zum Erfolg, sagt die heute 62-Jährige, sei der Blick für die "weißen Flecken", die unbearbeiteten Bereiche des Wirtschaftslebens. Wer Karriere machen wolle, brauche diese Themen, die viele interessieren, die aber noch keiner untersucht hat - das und den Willen, ganz oben zu stehen. Den hat sie: "Wenn ich etwas will, dann setze ich mich an die Spitze."

"Ein Zukunftsmodell für die Wirtschaft könnte zum Beispiel in der Musik liegen"

Ihre regelmäßig veröffentlichten Untersuchungen, die Männer und Frauen in Deutschlands Chefetagen unter die Lupe nehmen, sind zu Standardwerken geworden, die Autorin längst zur gefragten Beraterin, ein gern gesehener Gast bei Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen. Ihren Blick für die "weißen Flecken" hat Sonja Bischoff behalten. So hat sie den Studiengang Entrepreneurship an der Universität Hamburg auf den Weg gebracht - eine heute anerkannte Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften, die sich mit der Gründung neuer Unternehmen beschäftigt, mit dem Finden neuer Ideen und der Auswertung ihrer Marktchancen. Und auch die eigenen Ideen treibt sie selbstverständlich weiter voran: "Ein Zukunftsmodell für die Wirtschaft könnte zum Beispiel in der Musik liegen." Die orchestrale Führung sei schließlich auch eine Form von Management. Ein Aspekt, den Sonja Bischoff künftig mit dem Präsidenten der Musikhochschule Hamburg, Professor Elmar Lampson, und dem Unternehmensberater Professor Jens U. Sievertsen bearbeiten will.

Woher nimmt die 62-Jährige diese Kraft, mit der sie beständig innovative Arbeit leistet? "Nordseeluft", sagt sie. "Die Nordseeluft mit ihren negativ ge ladenen Teilchen. Die wirkt Wunder."


 

Leserkommentare

 
STEFAN 22.12.2009 15:56
Karriere statt Kinder?

"Starke Frauen in Führungspositionen" sind für mich in der heutigen Zeit nur dann wirklich "stark", wenn sie es neben ihrem Beruf auch schaffen, ein halbwegs normales Familienleben mit Kindern zu führen. Das geht aus dem Artikel leider nicht hervor.
Wenn Frauen aufgrund Kinderwünsche ihren "Karriereschwung" unterbrechen müssen, entstehen doch erst die wirklichen Nachteile. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt die wahre Herausforderung für Frauen dar. Nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch und mental. Und es ist nun einmal so, dass nur die Frauen die Kinder bekommen können. Insofern müssen nicht - die häufig kinderlosen - "Karierefrauen", sondern leistungsstarke "Karriere-Mütter" auf dem Weg "nach oben" gefördert werden. Insbesondere vor dem Hintergrund unserer demografischen Entwicklung.



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