FRAUEN IM PROFIL
Heide Simonis
"Die Stärke der Frauen liegt im Netzwerken"
Frau Simonis, wenige Frauen tragen in der Wirtschaft wirklich Verantwortung...
….tatsächlich - von allen Dax-Unternehmen wird nur ein einziges von einer Frau geführt. Daneben bekommt die Mehrheit der berufstätigen Frauen 23 bis 24 Prozent weniger Lohn und wenn sie Kinder kriegt, wird sie schikaniert und gemobbt. Das ist nicht zu entschuldigen. Es wäre gut, wenn Politiker gegensteuern, wenn Gesellschaft und Unternehmen Platz schaffen würden für Frauen.
Ist es nicht auch ein bisschen die Schuld der Frauen selbst, dass sie sich diese Behandlung gefallen lassen?
Das kommt darauf an, wie die wirtschaftliche Situation insgesamt ist. Ist sie gut, dann können sie als Frau sagen: ´Das passt mir nicht. Ich geh woanders hin.` Wenn sie nicht so gut ist, dann bleiben sie da, wo sie sind und schlucken eine Menge Ungerechtigkeiten. Nach dem Grundgesetz jedenfalls ist das im Vergleich erheblich niedrigere Einkommen von Frauen nicht zu erklären. Es müsste vielleicht mal jemand zum Verfassungsgericht gehen und dort eine Klage anhängig machen.
Wie kann das konkret gehen? Die Klägerin muss ja selbst betroffen sein.
Es gibt genug, die betroffen sind. Fast alle Frauen. Aber sie wissen natürlich, dass eine Klage in ihrem Betrieb sofort zu Rachevorgängen führen würde. Und da liegt das Problem. Das liebt ja keiner, wenn er an den Pranger gestellt wird. Also würde sich das Unternehmen heftig gegen die Vorwürfe wehren und andere würden sich mitwehren. Es ist ein Stück Ungerechtigkeit in der Gesellschaft.
Was kann Politik in diesem Zusammenhang leisten?
Politik kann durch Gesetze eingreifen, durch ein Gleichstellungsgesetz, ein Frauenförderungsgesetz - wie es in Amerika üblich ist - und ein Anti-Diskriminierungsgesetz. Diese drei reichen schon aus, um auszugleichen, was ein Mann bekommt und was eine Frau bekommen sollte. Ich glaube, am Ende wären die Unternehmer froh, wenn sie nicht nur in Lohnkategorien denken würden, sondern am Ende Ruhe an dieser Front hätten. Nichts ist besser für einen Betrieb als Ruhe in der Belegschaft, die dadurch entsteht, dass die Menschen gerne dort arbeiten.
Welchen Mehrwert bringen Frauen in die Wirtschaft?
Eine amerikanische Untersuchung aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass in Betrieben, in denen Frauen die Führung übernommen haben, die Gewinnquote sprunghaft gestiegen ist. Das macht mir Mut, bei Verantwortlichen in der Wirtschaft dafür zu werben, Frauen mehr Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Frauen haben eine andere Kreativität und in der jetzigen Krise ist diese andere Kreativität gefragt; nämlich: Was machen wir in einer Situation, in der die alten Strukturen nicht mehr taugen? Was machen wir, wenn sich bestimmte Verhaltensweisen als Folge der Krise abbilden? Da können Frauen sehr viel mehr leisten als Männer. Das geben viele Männer übrigens auch zu. Machen aber trotzdem nichts draus.
Wie können wir Frauen denn was draus machen?
Wir können Netzwerke bilden - keine Seilschaften. Das ist Männersache. "Netzwerken", das ist miteinander reden, auf sich aufmerksam machen, sich gegenseitig Rückendeckung geben, sich gemeinsam für eine Sache stark machen und konkret in der Gemeinschaft einsetzen.
In unserer Serie "Frauen im Profil" haben wir Ihnen bisher die Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff vorgestellt, die Biologin und Unternehmerin Inez Linke sowie die Designerin Olivia Althaus-Apmann. Am 30. März lesen Sie das Porträt über die erfolgreiche Unternehmerin und vierfache Mutter Andrea Peters.
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