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Wattwanderung
Das Barfuß-Abenteuer
Eine Strandkrabbe: Die Wanderer verlieren die Scheu vor den Tieren des Watts. Foto: Schulz
Oland. Ein Halligtag wie im Bilderbuch. Blauer Himmel, strahlende Sonne, für Abkühlung sorgt eine leichte Brise. An der Kante von Langeness sitzt eine Gruppe von Naturfreunden im Gras. Sie ziehen ihre Schuhe aus und befestigen sie sorgfältig außen am Rucksack. Vorbereitung auf ein Abenteuer, das es nur hier im Wattenmeer gibt: Über den trockengefallenen Meeresboden wollen sie wandern, hinein in eine grandiose Natur. Grenzenlose Weite, und in der Ferne wabern in der heißen Luft die Schemen der kleinen Hallig Oland. Dort soll es hingehen, über diese Einöde zwischen Wasser und Land? Der Wattführer nickt. "Ganz schön weit" steht in den Gesichtern geschrieben.
Die Stimmung ist aufgekratzt: "Jetzt oder nie." Barfuß geht’s hinein in den schwarzbraunen Schlick, die Hosenbeine hochgerollt bis zu den Knien. Zögernd zuerst tasten sie sich voran, aber bald werden die Wattwanderer mutig. Zwischen den Zehen drängt der weiche Modder nach oben, quillt unter der Ferse zur Seite und schmiegt sich dann warm um die Knöchel. Bald weicht die Skepsis ausgelassener Begeisterung. Manch einer fühlt sich an seine Kindheit erinnert, an das Toben in Schlamm und Pfützen.
Bis zu 40 Wattwürmer pro Quadratmeter
Amüsiert beobachtet Johann-Georg Carstensen die ersten Gehversuche der Wattwanderer. "Am Anfang gibt es immer großes Trara", meint der erfahrene Wattführer schmunzelnd und stützt sich auf seine Grabforke. "Aber wenn sie dann erst mal drin sind im Schlick, dann wollen sie gar nicht mehr raus." Und tatsächlich, nach wenigen Minuten hat sich die Aufregung gelegt. Die Wanderer haben das ufernahe, weiche Schlickwatt hinter sich gelassen und sind im sandfarbenen Mischwatt angelangt. Hier ist der Boden fest, stellenweise fast hart, und massiert bei jedem Schritt kräftig die Fußsohlen.
Dicht an dicht ist der Boden bedeckt von den Fraßtrichtern und spaghettiförmigen Sandhaufen der Wattwürmer. Johann-Georg Carstensen wendet mit der Forke ein Stück Wattboden um und befördert einen 30 Zentimeter langen Wurm ans Tageslicht. Selbst die U-förmige Wohnröhre ist noch zu erkennen. "Bis zu 40 Wattwürmer leben hier pro Quadratmeter", erklärt er den verblüfften Wanderern. "Die Würmer fressen den Sand, verdauen die darin enthaltenen Organismen und scheiden den reinen Sand wieder aus." Die Zuhörer staunen nicht schlecht, als sie erfahren, dass die gesamten oberen 20 Zentimeter des Wattenmeers praktisch einmal im Jahr den Darm der Wattwürmer passieren. "Fünf Euro für den, der den Wattwurm verschluckt", sagt Johann-Georg Carstensen und hält das Tierchen in die Höhe. "Hätte mich auch gewundert", meint er grinsend, als alle angewidert das Gesicht verziehen. "In all den Jahren, die ich Wattwanderungen führe, hat sich noch nie einer die fünf Euro verdient."
"Das muss man mehr als einmal erleben"
Und dann lernen die Wanderer, warum das Wattenmeer einer der produktivsten Lebensräume der Erde ist, gleich hinter dem tropischen Regenwald. Kleine Muscheln und winzige Schnecken, zahllose Würmer und Krebschen sind im Schlick oder Sand verborgen. Millionen mikroskopisch kleiner Kieselalgen auf jedem Quadratmeter Watt bilden regelrechte Weidegründe, von denen andere Organismen leben. Diese unglaubliche Vielzahl winziger Lebewesen bietet Abertausenden Zugvögeln einen reich gedeckten Tisch. Vom Spätsommer bis zum Frühjahr wird das Watt zur Drehscheibe des internationalen Vogelzugs. Vor allem die Schnepfenvögel mit ihren langen, spitzen Schnäbeln finden dort genug Nahrung, um sich für den anstrengenden Weiterflug fettzufressen.
Johann-Georg Carstensen zeigt auf ein paar handtellergroße Mulden im Watt. "Das sind Trampelkuhlen von Brandgänsen", weiß der Wattführer und erklärt, dass die Vögel mit tretenden Fußbewegungen Muscheln an die Oberfläche befördern, um sie fressen. Als er seine Zuhörer auffordert, es den Gefiederten gleich zu tun, sind alle mit Eifer dabei. Tatsächlich, es funktioniert, und nun steht ein Muschelrennen auf dem Programm. "Herzmuscheln mögen es dunkel. Deshalb buddeln sie sich mit ihrem Grabfuß schnell wieder ein", erklärt Carstensen. Fein säuberlich nebeneinander auf den feuchten Boden gelegt, flüchten die Schalentiere wirklich zurück in den dunklen, schützenden Schlick. "Der, dessen Muschel als erste verschwunden ist, darf auf Oland für alle ein Eis ausgeben", lacht Carstensen, und gut gelaunt macht sich das Grüppchen wieder auf den Weg.
Miesmuscheln und Strandkrabben, Austernfischer und Seeschwalben - der Wattführer bleibt keine Antwort schuldig. Zu allem weiß er Spannendes zu erzählen, hier, inmitten der fantastischen Kulisse des Weltnaturerbe Wattenmeer. Als die Wanderer schließlich Hallig Oland erreichen, ist die Zeit wie im Flug vergangen. Noch ein Stück waten durch einen knietiefen Priel, und nach dem Endspurt durch weichen, schwarzen Schlick ist das Ziel erreicht. Schmucke Reetdachhäuser mit liebevoll bepflanzten Vorgärten drängen sich auf der einzigen Warft. "Wir kommen wieder", sind alle sich einig. "Die Tour war ein großartiges Abenteuer", strahlt einer der Wattenläufer. "Das muss man mehr als einmal erleben."



Wird die Natur übertölpelt?
Das heimliche Meer

