Landleben
"Suburbanisierung", "Schlafgemeinden" - und ein Weckruf
Kiel. Die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten ist Gott sei dank Geschichte, der Hang zur Romantisierung des Landlebens allerdings auch im 21. Jahrhundert noch mit Händen zu greifen. Unterfüttert von einer - zunehmenden - Grundaversion gegen das "hektische städtische Treiben", gehören Sätze wie "Auf dem Land ist die Welt noch in Ordnung" oder "Schön, dass hier alles nicht so anonym und unpersönlich ist" zum Standardvokabular des Städters. Sicherlich trägt auch das ausgeprägte, mittlerweile sämtliche Schichten durchdringende Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein unserer Gesellschaft seinen Teil zur Allgegenwärtigkeit des Bedürfnisses bei, im Grünen zu leben. Zumal sich die abschreckende Wirkung des vermeintlichen "Provinzialismus" in Zeiten des "Global Village" abgeschwächt hat. Nahezu unbegrenzte Mobilität; auch jenseits der Ballungszentren verfügbare Kommunikationstechnologien; all die "auf dem Land" lebenden Bildhauer, Musiker und Literaten: Aus der Stadt wegzuziehen bedeutet im 21. Jahrhundert nicht mehr, aus der Welt zu sein.
Die Folge: Gegen den globalen "Urbanisierungstrend" zieht es viele Schleswig-Holsteiner, nicht zuletzt aufgrund abschreckender städtischer Immobilienpreise, aufs Land. Häufig endet die Stadtflucht aber auf halber Strecke: in den "Speckgürteln" der Ballungszentren, deren Randbezirke sich im Zuge der "Suburbanisierung" unaufhörlich auszudehnen scheinen.
Kulturkritiker geben in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass die Trennlinie Stadt-Land infolge jener immer weiter ausgreifenden "Speckgürtel" bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen und Schleswig-Holstein seine agrarisch geprägte landschaftliche Ursprungsidentität nehmen werde. Höfe, Mühlen und Weideflächen degenerierten, so der Vorwurf, doch schon jetzt zum idyllischen Restdekor pseudo-ländlicher "Schlafgemeinden". Ein Weckruf, über den es sich nach Ansicht vieler Landschaftsarchitekten lohnt, gründlicher als bisher nachzudenken.
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