Friesische Traditionen
Eiderstedt, das Land der Eiderfriesen
Bredstedt. Die historischen Filmausschnitte stammen aus dem Eiderstedter Heimatfilm "Eiderstedt, das Land der Eiderfriesen", produziert im Jahr 1928 von der Kieler Firma Nordmark-Film. Frauen präsentieren vor der Kamera mit Stolz traditionelle friesische Trachten, einige Männer mit Anzug, Hosenträger, Weste, Schlips, Stock, Hut und Zylinder boßeln mit vollem Körpereinsatz. Es geht um bewusste friesische Traditionspflege!
Im Grenzland des nördlichen Schleswig-Holstein lebt neben Deutschen und Dänen auch die friesische Minderheit. Heimisch auf der Marsch an der Nordseeküste, den vorgelagerten Inseln und den Halligen ernährten sich die Nordfriesen lange Zeit von Handel, Fischfang, Seefahrt und Landwirtschaft. Mit dem Aufkommen des nationalen Gedankens im 19. Jahrhundert stellte sich auch für sie die Frage der nationalen Zugehörigkeit: Wollten sie Deutsche, Dänen - oder ausdrücklich nur Friesen sein? Heute steht die friesische Minderheit mit Verfassungsrang unter Schutz. Sie kann ihre Sprache und kulturellen Eigenarten pflegen, wird staatlich gefördert. Während auf dem Balkan ethnische Konflikte erst kürzlich zu Kriegen geführt haben, lässt sich in der deutsch-dänischen Grenzregion ein friedlicher Gegenentwurf zeigen: Minderheiten und Grenzfrieden gelten als europäisches Modell.
Im 7. und 8. Jahrhundert waren die Friesen ein germanischer Volksstamm mit einem eigenen Siedlungsgebiet zwischen Schelde und Wesermündung. Im 12. Jahrhundert wanderten einige gen Norden an die Küste Schleswigs und die vorgelagerten Inseln. Selbst innerhalb dieser Nordfriesen an der schleswig-holsteinischen Küste entwickelten sich fortan die regionalen Gemeinschaften unterschiedlich, was sich in ihrer Sprachenvielfalt zeigt. Die jeweilige Lebenssituation prägte sie: Für Insel-Friesen waren anfangs besonders Seefahrt, Wal- und Fischfang, später der Tourismus bedeutsam, für Festland-Friesen bildeten Schutzmaßnahmen gegen das Meer, Landgewinnung und Landwirtschaft im Marschgebiet die Lebensbasis.
Seit dem 19. Jahrhundert gab es mehrere Versuche der Rückbesinnung auf die gemeinsamen Wurzeln, um die friesische Identität bewusst zu machen. Pastor Feddersen aus Wester-Schnatebüll erzielte mit seinem Ausruf "Höret nicht auf Friesen zu sein!" und der Bewertung, ein Friese sei weder Deutscher noch Däne, sondern eben ein Friese, 1845 noch kaum Resonanz. Auch der Berufsrevolutionär Harro Harring scheiterte, als er im Juli 1848 auf dem Bredstedter Marktplatz einen nordfriesischen Freistaat ausrief. Ab 1879 organisierte sich die friesische Bewegung in Vereinen mit dem Ziel der Pflege von Sprache, Kultur und Landschaft; anfangs mit sehr begrenztem Erfolg. Erst der "Nordfriesische Verein von 1902" etablierte sich.
Mit der Volksabstimmung 1920 verläuft die deutsch-dänische Grenze direkt am Siedlungsgebiet der Nordfriesen. In der Folge der Grenzziehung gründete sich der national-friesische "Friesisch-Schleswigsche Verein". Dieser vertrat die Position, Friesen seien weder Deutsche noch Dänen, sondern ein eigenes Volk mit eigener Sprache und Kultur. In ihrem Streben nach Anerkennung arbeiteten sie eng mit der dänischen Minderheit Südschleswigs zusammen. Im Gegensatz dazu führte der "Nordfriesische Verein" aus, die Nordfriesen seien bei allen Eigenheiten längst zu Deutschen geworden, müssten ihre kulturellen und sprachlichen Besonderheiten pflegen, aber auch als so genannte "Grenzdeutsche" das Vaterland repräsentieren. Obwohl der nationale Gegensatz in den Vordergrund rückte, pflegten beide Richtungen friesische Traditionen, um, wie im Film gezeigt, die eigene Identität zu pflegen.
Seit 1930 gehörte die Region Nordfriesland zu den absoluten Hochburgen der Nationalsozialisten. Zwei-Drittel-Mehrheiten wählten hier NSDAP. Der Nordfriesische Verein stellte sich 1933 mit den Worten seines Vorsitzenden Rudolf Muuß zwar "restlos und vorbehaltlos hinter die neue Regierung des Führers Adolf Hitler", ließ sich aber bis 1935 nur zäh gleichschalten. Die kleinere dänisch oder national unabhängig gesinnte "Vereinigung der nationalen Friesen" beharrte in der Formulierung ihres Vorsitzenden Oldsen auf "einer ruhmreichen, eigenen Geschichte und Kultur". Aber: Eigenständige und eigensinnige friesische Arbeit - egal welcher nationalen Ausrichtung - passte nicht ins Modell des NS-Staats, eine "volkliche" Minderheit wie die Friesen erst recht nicht in die "deutsche Volksgemeinschaft".
Die Sportart Boßeln
"Boßeln" ist ein Wettkampf, der im Raum Eiderstedt und Wilstermarsch, in den Marschgebieten Dithmarschens und rund um Husum ausgefochten wird. Diese Sportart ist auch in Ostfriesland, Oldenburg, den Niederlanden und in Irland verbreitet. Grundidee ist, eine Kugel aus Hartholz oder Hartgummi, oft mit Blei gefüllt, so weit wie möglich zu schleudern. Im "Feldboßelkampf" treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Abwechselnd geworfen, beginnt der folgende Spieler an der Stelle, die der vorherige Spieler seiner Mannschaft mit der Kugel erreicht hat. Die Mannschaft, die zuerst eine bestimmte Strecke zurücklegt, gewinnt. Eine zweite Variante ist der Standkampf, bei dem Spieler einzeln gegeneinander antreten. Jeder hat drei Würfe, die er nach einer eigenen Technik ausführt. Die Weiten werden addiert. Gewonnen hat der Spieler mit der größten Weite. Traditionell von Männern ausgeübt, boßeln heute auch Frauen!
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