Studentenproteste

Dutschkes gemäßigte Erben

22. September 2010 | Von Jan-Hendrik Dany

"Bachelor- und Master-Reform haben ein politisches Bewusstsein bei Studenten geschaffen", sagt der Kieler AStA-Vorsitzende Fabian Arndt. Foto: AStA Kiel

Kiel. Fabian Arndt schmunzelt. Nein, einsam fühle er sich als politisch engagierter Student eigentlich nicht. Der AStA-Vorsitzende der Kieler Christian-Albrechts-Universität ist sich im Übrigen auch gar nicht sicher, ob man tatsächlich von einer heutzutage mehrheitlich apolitischen Studentenschaft sprechen kann - und verweist auf die Entwicklung der Wahlbeteiligung bei den Wahlen zum Studentenparlament (Stupa), die in den vergangenen drei Jahren um 27 Prozentpunkte angestiegen ist. Die Bachelor- und Master-Reform habe, so Arndt, "automatisch ein gewisses politisches Bewusstsein" geschaffen.

Die Frage, ob es aber nicht vielleicht doch aufregender gewesen wäre, in der wilden APO-Zeit AStA-Vorsitzender zu sein, kontert der 26-jährige Jura-Student mit dem Hinweis auf die nur wenige Monate zurückliegende Großkundgebung gegen die geplante Schließung der Medizinischen Fakultät der Universität Lübeck. Mit 14.000 Teilnehmern sei sie nach Polizeiangaben die größte schleswig-holsteinische Studentendemonstration der Nachkriegsgeschichte gewesen.

Allerdings zeuge der beträchtliche Zuspruch, den die (unabhängigen) Fachschaftslisten bei Stupa-Wahlen erführen, von einer gewissen "Abkehr" der Kommilitonen "von den großen Parteien". Ein Befund, der sich nahtlos in die gängigen Soziogramme unserer postideologischen "Was zählt, ist, was funktioniert"-Gesellschaft einfügt. Darüber hinaus dürfte die Tatsache, dass der heutigen Studentenschaft im Unterschied zu Dutschke & Co. emotionalisierende und mobilisierende Reibeflächen fehlen, zur Mäßigung und Gewaltlosigkeit ihrer Protestformen beitragen. Ein gesellschaftliches Klima der Engstirnigkeit? In die Verbrechen des "Dritten Reichs" verstrickte Väter? Bruchlos fortgesetzte Karrieren ehemaliger NS-Funktionäre? Alles Geschichte. Gott sei dank. Zumal die Folgeprodukte der damaligen Missstände, der dogmatische Hochmut und die kompromisslose, militante Radikalität der "68er" so ziemlich das Letzte wären, was die wissenschaftspolitische Debatte gebrauchen könnte.


 

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