Ahoi! Barbara lernt Bootfahren

 

Ahoi!

Grün ist Steuerdings, rot ist Backbums

15. Januar 2013 | 13:41 Uhr | Von Barbara Maas


Augen auf! Der Sehtest ist bestanden. Foto: fotolia

Augen auf! Der Sehtest ist bestanden. Foto: fotolia

Barbara Maas ist ein bisschen rot-grün-blind - Polizistin darf sie nie im Leben werden. Will sie auch gar nicht. Aber Boot fahren. Ein Besuch beim Augenarzt.

Flensburg. Beim Arzt im Wartezimmer zu sitzen macht ja nie Spaß. Aber jetzt fühle ich mich ungefähr so wie vorm Abi oder der mündlichen Magister-Prüfung. Es geht allerdings nicht um Goethes Faust oder die Kritische Theorie - sondern um eine Frage, die meine zweijährige Nichte zuverlässiger beantworten kann als ich: Rot oder grün?

Ja, ich erkenne rote Ampeln. Und grüne Autos. Und als Schneewittchen hätte ich auch das rote vergiftete von dem grünen gesunden Apfelbäckchen unterscheiden können. Schwierig wird's, wenn es kleine grüne und kleine rote Pünktchen gibt, die sich zu Zahlen formen. Wie beim Farbsehtest. Und den muss ich bestehen, um überhaupt zur Sportboot-Prüfung zugelassen zur werden.

"Das haben doch nur Männer, oder?"

Ich bin dran. Eine Sprechstundenhilfe steht kilometerweit von mir entfernt und hält winzige Farbtäfelchen hoch. Das erste ist einfach. "Zwölf", rufe ich und fühle mich unschlagbar. Doch dann beginnt der Horror in Rot-Grün-Orange-Ocker. "Keine Ahnung, tut mir leid", sage ich kleinlaut, kneife die Augen zusammen und beuge mich etwas weiter vor. Die Sprechstundenhilfe tritt resolut einen Schritt zurück: "Das dürfen sie nicht!" Ich sehe mich irgendwo in ferner Zukunft vom Land sehnsüchtig den Booten hinterherwinken. Ich möchte nur noch nach Hause. "Das war nicht so gut, oder?", frage ich, als sie mit mir fertig ist. "Das bespricht der Herr Doktor gleich mit ihnen." Auch das noch.

Die Tür springt auf, die weißen Kittelzipfel fliegen. "Sie wollen also einen Sportbootführerschein machen", stellt der Herr Doktor fest und grinst. "Ja", antworte ich, am Boden zerstört. "Aber ich habe da diese leichte Rot-Grün-Schwäche ... " Er sieht mich durchdringend an. "Das haben doch nur Männer, oder?" Guter Witz, den höre ich regelmäßig seit meinem neunten Lebensjahr und diesem Schulgesundheitstest. Mein Vater und meine Mutter haben mir jeweils ein rot-grün-blindes x-Chromosom vererbt, das ist sehr selten. Wie ein Lottogewinn, nur ohne Geld. Nur 0,5 Prozent aller Frauen, aber zehn Prozent aller Männer in Europa sehen Farben ungefähr so wie ich. Polizistin oder Lokomotivführerin durfte ich nicht werden - wollte ich auch nie. Aber ich will jetzt Boot fahren. Deshalb lächle ich zuversichtlich, zucke mit den Schultern und sage nur: "Sie sind der Arzt."

"Wissen Sie denn, wo Steuerbord ist?"

Und der zeigt mir wieder Bilder, es ist jetzt ein bisschen heller und die Karten sind ein bisschen näher. Und ich erkenne tatsächlich mehr. Wenn nicht, sage ich Sachen wie: "Das erste ist eine 4, das zweite könnte eine 2 sein." Wie im Abi oder an der Uni: Hauptsache, irgendwas gesagt. Der Arzt packt die Karten weg.

"Wissen Sie denn, wo Steuerbord ist?"
"Öhm. Links?"
"Rechts. Sie müssen aber noch viel lernen."
"Ich habe ja noch gar nicht angefangen ..."
"Steuerbord ist grün, Backbord ist rot."
"Aha."

Die Unterschrift - endlich

Zum Finale projiziert mein Halbgott in Weiß ein riesiges grünes Quadrat und ein riesiges rotes Kreuz nebeneinander an die Wand. "Welche Farben sehen Sie?" Kein Problem: "Das Quadrat ist grün, das Kreuz ist rot", verkünde ich selbstbewusst. "Welche Seite war noch mal rot?" Das mit Steuerdings und Backbums habe ich immer noch nicht ganz verstanden. Also sage ich: "Links." Und werde gelobt: "Sie lernen schnell", sagt der Arzt, während er das Attest unterschreibt. Dann klopft er mir auf die Schulter. "Viel Glück."

Jetzt muss ich nur noch rechts von links unterscheiden können. Links blinken, rechts fahren - das war damals meine Spezialität in der Fahrschule. Aber das weiß auf See ja keiner.


 
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