100 JAHRE MARINESCHULE MÜRWIK
100 Jahre Marineschule
Schulschiff und Botschafterin
Gorch Fock unter Vollzeug: Das Segelschulschiff dient der Marine nicht nur für Ausbildungszwecke, sondern fungiert auch als Deutschlands attraktivste Botschafterin. Foto: dpa
Flensburg / Kiel. Auch die Gorch Fock, das Segelschulschiff der Bundesmarine, hat eine Galionsfigur - einen stilisierten Albatros. Unter dem Bugsprit angebracht ist er den extremen Naturgewalten auf See direkt ausgesetzt. Entsprechend "stürmisch" ist seine Geschichte: Der erste Albatros riss auf See ab; sein Ersatz, ebenfalls aus Holz, wurde aus Gewichtsgründen abgebaut und gegen einen aus Polyester getauscht. Dieser zerbrach jedoch bei einem Werftaufenthalt. Sein Nachfolger ging in schwerer See im Ärmelkanal verloren. Nummer fünf war aus Eschenholz und von Schiffsbildhauern gefertigt - er riss bei einem Sturm in der Biskaya ab. Die aktuelle Version besteht aus Kohlefaser und hält seit sieben Jahren.
Mit seiner Geschichte symbolisiert der Albatros eindrucksvoll die Aufgabe der Gorch Fock: Wie die Galionsfigur ist auch deren Besatzung der rohen Kraft der Elemente ausgesetzt und muss gleichzeitig die Seetüchtigkeit des Schiffs aufrecht erhalten. Die Takelage wird beispielsweise ohne technische Hilfsmittel und nur mit Muskelkraft gehandhabt. Die Offizieranwärter, die auf dem Schulschiff ihre Basisausbildung durchlaufen, erlernen unter extremen Bedingungen ihr seemännisches Handwerk. "Einen Sturm abgewettert, das Schiff sicher an sein Ziel gebracht zu haben, ist auf der Gorch Fock immer ein Verdienst der gesamten Besatzung", wie der derzeitige Kommandant, Kapitän zur See Norbert Schatz, in einem Beitrag zur 100-jährigen Tradition der Marineschule Mürwik schreibt.
Bereits die Reichsmarine hatte eine Gorch Fock
Dort ist die Gorch Fock angegliedert, auch wenn der Heimathafen Kiel lautet. Die genaue Dienstbezeichnung: "abgesetzte Lehrgruppe". Von Flensburg aus steuert der Schulstab den gesamten Wirkungskontext der Gorch Fock und ist während der langen Ausbildungsreisen deren Kontaktstelle.
Bereits die Reichsmarine hatte eine Gorch Fock; sie wurde 1933 auf der Hamburger Werft Blohm & Voss gebaut. Nach dem Krieg ging sie als Reparationsleistung an die Sowjetunion, wurde in den 90er Jahren von den Tall Ship Friends zurück nach Deutschland geholt und liegt jetzt in Stralsund.
Seit 1988 werden auch Frauen an Bord ausgebildet
Als die Bundesrepublik in den 50er Jahren wieder eine Marine bekam, wurde auch die Tradition der Segelschulschifffahrt fortgesetzt. Die jetzige Gorch Fock ist in etwa baugleich mit ihrer Vorgängerin und entstand 1958 ebenfalls bei Blohm & Voss. Sie ist ein als Bark getakeltes Stahlschiff mit 23 Segeln und einer Segelfläche von 2037 Quadratmetern. Sie verdrängt gut 2000 Tonnen und weist eine Länge über alles von knapp 90 Metern aus. Ihre höchsten Masten ragen 45 Meter über Wasser. Die Baukosten betrugen damals 8,5 Millionen DM. Ihre Besatzung ist bis zu 222 "Mann" stark, darunter maximal 138 Lehrgangsteilnehmer. Seit 1988 werden auch Frauen an Bord ausgebildet. Benannt ist sie nach dem Schriftsteller Gorch Fock (Johann Wilhelm Kinau).
In ihrer Einsatzzeit - die Gorch Fock ist das dienstälteste Schiff der Bundesmarine - wurden 14 000 Kadetten und Unteroffiziere auf ihr ausgebildet. Auf 104 Auslandreisen wurden 375 Häfen in 58 Ländern angelaufen, dabei rund 750 000 Seemeilen zurückgelegt. Der unbewaffnete Großsegler dient nicht nur Ausbildungszwecken, sondern repräsentiert außerdem die Bundesrepublik im Ausland - als ihre attraktivste Botschafterin. Sie wird auch als "Weißer Schwan der Ostsee" und "Diplomatischer Eisbrecher" bezeichnet.






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