Regionalkrimis

"Das Böse kommt von außen"

31. Januar 2013 | 06:30 Uhr | Von Martin Schulte


Durchblick in der Krimiwelt: Maike Schmidt befasst sich beruflich mit Regionalkrimis. Foto: Staudt

Durchblick in der Krimiwelt: Maike Schmidt befasst sich beruflich mit Regionalkrimis. Foto: Staudt

Zum zweiten Mal wird der "Nord Mord Award" vergeben. Literaturwissenschaftlerin Maike Schmidt über das Phänomen Regionalkrimi und seine Eigenheiten.

Frau Schmidt, warum lesen die Menschen so gern von Verbrechen, die vor ihrer Haustür begangen werden?
Man muss da sicherlich unterscheiden zwischen den Menschen, die in der Region wohnen und denen, die von außen kommen und sich dann - meist im Urlaub - die Krimis kaufen. Die Einheimischen können sich mit den geschilderten Orten identifizieren und haben damit so eine Art Insiderwissen. Auch sind die Einheimischen natürlich daran interessiert, wie sie in den Büchern beschrieben werden. Und es geht in den Regionalkrimis ja immer auch um die Geschichte der Region, diese belehrende Komponente interessiert Einheimische wie Urlauber.

Warum ist der Regionalkrimi in den letzten Jahren so populär geworden?
Ich denke, der Hauptgrund ist, dass im Zuge der Globalisierung das Leben komplizierter geworden ist. Wir sollen flexibel sein, immer öfter unsere Region verlassen, weltläufig sein. Der Regionalkrimi steuert dieser Entwicklung entgegen, er führt die Menschen zurück nach Hause.

Der Regionalkrimi als Rückbesinnung auf die persönliche Heimat.
Ja, ich denke, dass diese Entwicklung nicht nur auf dem Buchmarkt stattfindet, sondern in vielen anderen Bereichen auch. Und weil in den Regionalkrimis der Mörder immer überführt wird, vermittelt das den Lesern eine gewisse Stabilität.

Ein fiktiver Mord schadet dem Ruf der Region also nicht, solange er aufgeklärt wird?
Der Einwand, ob die Krimigeschichten der Region nicht auch schaden könnten, kommt häufig. Aber durch die Aufklärung der Tat wird die heile Welt wiederhergestellt.

Sie haben gesagt, dass die Regionalkrimis häufig belehrend sind. Ist das der große Unterschied zu anderen Krimis?
Das ist ein ganz zentraler Punkt, weil diese Bücher sehr stark mit historischen Ereignissen oder besonderen Figuren spielen. Diese historischen Erklärungen über die Region werden meist über Helferfiguren, die das Wissen haben, weitergegeben. Und sie sind immer wichtig für die Krimihandlung. Auch die Mehrsprachigkeit spielt eine große Rolle, man findet in den Nordfriesland-Krimis beispielsweise oft niederdeutsche, friesische oder auch dänische Zitate.

Wer liest denn mehr Regionalkrimis - Einheimische oder Touristen?
Direkt nach der Veröffentlichung sind es wohl eher die Einheimischen, dann folgen, wenn die Saison beginnt, die Touristen. Für die Urlauber ist das ein ungemein interessantes Angebot, sie werden gut unterhalten und sie lernen etwas über die Region.

Sind denn die Handlungsorte wirklich real - oder ist das meiste doch fiktiv?
Das ist ein interessanter Punkt, weil die Leser vieles von dem, was sie erfahren, überprüfen. Wenn der Autor etwas fiktives hinzugefügt hat, dann kommt es schon vor, dass dem Autor Fehler unterstellt werden. Wenn Häuser etwa nicht da stehen, wie es im Buch beschrieben ist oder wenn Wege anders verlaufen. Mit dieser Grenze zwischen Authentizität und Fiktion spielen die Autoren ganz bewusst. Das ist für den Leser spannend, weil er selbst überprüfen kann, wo die Fiktion anfängt - das gilt übrigens für Einheimische und Urlauber.

Was ist denn für die Literaturwissenschaft der spannende Aspekt des Regionalkrimis?
Einmal ist es das Phänomen dieses neues Subgenres, verbunden mit der Frage, weshalb diese Bücher so gern gelesen werden. Mir geht es nicht darum, die Texte zu bewerten, ich möchte wissen, wie die Region konstruiert wird.

Wie wird die Region denn konstruiert?
Es gibt geografische Merkmale, die immer eine Rolle spielen. Das sind hier oben eigentlich immer das schlechte Wetter und das Meer. Man sieht diese Merkmale übrigens schon, wenn man sich die Cover anschaut. Da gibt es immer Segelschiffe, Meer, Leuchttürme, Strandkörbe.

Haben eigentlich alle Regionen Deutschlands ihre eigenen Kriminalgeschichten?
Ja, dieses Phänomen gibt es wirklich überall. Sobald eine Region für eine spezielle Natur oder Geschichte bekannt ist, gibt es auch Regionalkrimis.

Gibt es neben den typischen Landschaftsmerkmalen auch solche für die Mörder. Tötet der Norddeutsche anders als der Süddeutsche?
Nein, er tötet nicht anders, aber er vergräbt die Leiche im Deich, das ist dann schon spezifisch.

Und wie sieht ein typischer norddeutscher Mörder aus?
Interessanterweise kommt das Böse hier oben oft von außen.

Der Mörder ist also immer der große Unbekannte, dem alle hinterherblicken, wenn er die Dorfstraße entlangschleicht?
Am Anfang war das oft so, das Böse kam von außen in die Region. Mittlerweile hat sich das geändert. Sonst wäre die Handlung wohl auch zu durchschaubar.


 
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