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10. Dezember 2016 | 11:55 Uhr

«Fuchs im Hühnerstall» : WADA-Chef Reedie vor Wiederwahl in der Kritik

vom

Sir Craig Reedie steht vor der Wiederwahl als Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur. Doch wächst die Kritik an dem Schotten, dem als langjährigen IOC-Mitglied fehlende Neutralität vorgeworfen wird.

Auf die olympische Familie ist doch Verlass. Wenn am Wochenende die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) in Glasgow zusammenkommt, kann sich Sir Craig Reedie seiner Wiederwahl als Präsident für die nächsten drei Jahre wohl sicher sein.

So hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einem Brief an die Mitglieder seine Unterstützung für den 75-jährigen Schotten bereits ausgedrückt - trotz der immer größer werdenden Kritik.

Nicht wenige sehen einen großen Interessenskonflikt, schließlich gehört Reedie seit 1994 dem IOC an und war bis zum Sommer sogar Vizepräsident unter Thomas Bach. US-Cheffahnder Travis Tygart, der einst Radstar Lance Armstrong zu Fall brachte, vergleicht die Konstellation mit dem «Fuchs im Hühnerstall». Das IOC könne nicht gleichzeitig den Sport promoten und überwachen. «Der Fuchs muss weg. Die können nicht beides verantworten», sagt Tygart.

Das IOC selbst hatte sich bereits am Mittwoch dafür ausgesprochen, dass an der WADA-Spitze mittelfristig eine neutrale Persönlichkeit stehen müsse. «Während des Treffens hat Sir Craig diesen Ansatz akzeptiert und erklärt, solch einer Lösung nicht im Wege zu stehen», sagte ein IOC-Sprecher in Lausanne. «Daraufhin hat er von der IOC-Exekutive die Unterstützung für die Wiederwahl als WADA-Präsident bekommen.» Wie der Sprecher weiter erklärte, wird das IOC gemeinsam mit den Regierungen in dem Sinne arbeiten, künftig einen neutralen WADA-Präsidenten zu haben.

US-Cheffahnder Tygart geht in seinen Forderungen jedoch deutlich weiter. Im ZDF sprach er sich jüngst generell für eine Reformierung der WADA aus. «Bei der WADA im Vorstand sitzen ganz viele, bei denen man den Eindruck hat, dass sie weg müssten.»

So sind das WADA-Exekutivkomitee und das Foundation Board mit zahlreichen IOC-Granden wie Gian-Franco Kasper, Ugur Erdener oder Nenad Lalovic besetzt - und an der Spitze steht Reedie. Ein früherer Badminton-Spieler, der in den vergangenen vier Jahrzehnten die sportpolitische Karriereleiter mit diplomatischem Instinkt nach oben geklettert ist und großen Anteil am Zuschlag für London als Gastgeber der Sommerspiele 2012 hatte. Reedie weiß, wie er sich zu positionieren hat. Oder wann es gilt, eine neue Richtung einzuschlagen.

So musste sich Reedie als WADA-Chef lange Untätigkeit bis hin zur Kungelei vorwerfen lassen. Die Anschuldigungen von Doping-Kronzeugin Julija Stepanowa gegen die dubiosen Aktivitäten in Russland waren lange Zeit bei der WADA aktenkundig, verfolgt wurde der Fall aber erst widerwillig, nachdem die ARD mit Recherchen für Druck gesorgt hatte. Dazu brachte Reedie eine öffentlich gewordene Mail an Natalja Schelanow, der Anti-Doping-Beauftragten der russischen Regierung, in Bedrängnis. Darin hatte Reedie Russlands umstrittenen Sportminister Witali Mutko für seinen Kampf gegen Doping gelobt und Konsequenzen ausgeschlossen.

Im letzten Moment wechselte der Mann aus Stirling aber doch seine Haltung und präsentierte sich als Hardliner. Im Zuge des Untersuchungsberichts von Richard McLaren forderte die Welt-Anti-Doping-Agentur einen Komplett-Bann für Russlands Sportler in Rio de Janeiro. Eine ähnliche Wandlung hatte auch Sebastien Coe als Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes vollzogen. So wurde das IOC rechts und links von der WADA und der IAAF im Anti-Doping-Kampf überholt. Es kam zu gehörigen atmosphärischen Störungen.

Beim Olympic Summit im Oktober wurden die Differenzen wieder ausgeräumt, Reedie ging gestärkt hervor und darf seitdem eine weitere Amtszeit an der WADA-Spitze für weitere drei Jahre einplanen. Auf Forderungen nach einer neutralen WADA-Führung, wie sie erst diese Woche wieder Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah als Präsident der Vereinigung Nationaler Olympischer Komitees (ANOC) aufstellte, gibt sich Reedie ganz diplomatisch. «Wenn sie das wollen, werde ich dafür sorgen, dass es passiert.»

Das wird aber kaum so schnell geschehen. Bis dahin wird Reedie den Reformprozess innerhalb der WADA moderieren. Dass seine Wiederwahl daheim in Glasgow noch scheitern könnte, glaubt der passionierte Golfer nicht. Schließlich gibt es bislang nicht einmal einen Gegenkandidaten.

Biographie Reedie auf der WADA-Homepage

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erstellt am 17.Nov.2016 | 17:02 Uhr

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