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Sport

08. Dezember 2016 | 15:22 Uhr

Fußballer im Olympia-Finale : Tränen in Rio - Gold nach Boostedt? Der Typ Horst Hrubesch

vom
Aus der Onlineredaktion

Es gibt olympische Momente, die bewegender sind als Silber und Gold – jedenfalls für die Zuschauer. Horst Hrubesch, die alte Schule und die Würde der Träne.

Rio | Es gab eine Zeit, da war sein kantiger Kopf der gefürchtetste im europäischen Fußball. Am Mittwoch sorgten nur wenige Zentimeter unterhalb der HSV-Stirn von einst kullernde Krokodilstränen für einen der emotionalsten Sportmomente des Jahres. Just als kurz vor Schluss das 2:0 für die jungen Wilden der deutschen Olympia-Kicker gegen Nigeria fiel, verlor der vom Stolz überwältigte Haudegen Horst Hrubesch die Macht über seine Tränendrüsen. Erst im dritten Versuch konnte der Ehrliche sich zusammenreißen. Denn es wurde ja noch gespielt.

Brasilien will am Samstag um 22.30 Uhr die Revanche für das demütigende 1:7 im WM-Halbfinale 2014 gegen die Deutschen herbeiführen.


„Ich habe lange auf dieses Tor gewartet. Da habe ich gedacht: Jetzt sind wir durch. Dann kam es ein bisschen durch", beschreibt der 65-Jährige, der seit 2015 in Boostedt im Kreis Segeberg lebt, nüchtern seine Gefühle. Sein Gefühlsausbruch wird wohl einer der Momente der Spiele von Rio, die haften bleiben. Denn in jenem Moment wirkte es, als wolle der Bildschirm die Zuschauer in ein anderes Jahrhundert entführen. Dabei bleiben ist alles.

Deutscher Männer-Fußball und Olympia, das passte ohne Hrubesch eigentlich nie zusammen – und dank der erfolgreichen Frauen störte sich merkwürdigerweise auch nie wirklich jemand daran. Zum ersten Mal überhaupt steht eine Auswahl diesmal im olympischen Finale und sogar ins Olympische Dorf dürfen die Kicker kurzfristig einziehen. Seit der Bronzemedaille 1988 war man gar nicht mehr qualifiziert gewesen, weil es entweder an Talenten oder an der Wertschätzung in der Nachwuchspflege fehlte. Angeführt von jenem Mann an der Linie, der einst Kopfballungeheuer des HSV, Pferdezüchter und Verfasser von Angelbüchern war, ist die Würde eingekehrt, für die die Tränen nur symbolisch sind. „Schon als kleiner Junge habe ich viel Olympia geguckt und gedacht, das wäre doch was, mal eine Medaille um den Hals hängen zu haben. Nun ist es schon Silber, das ist traumhaft", frohlockt der Trainer, der noch nicht am Ziel ist.

<p>1983: Horst Hrubesch (li.) wird von Präsident Wolfgang Klein (beide HSV) verabschiedet. Die Fans wollen ihr Idol zurück.</p>

1983: Horst Hrubesch (li.) wird von Präsident Wolfgang Klein (beide HSV) verabschiedet. Die Fans wollen ihr Idol zurück.

Foto: Imago/SP

Olympionike Hrubesch ist mit dieser aus der Not geborenen Mannschaft und diesen Aufgaben Eins geworden. Als wären die erst vor kurzem zu einem Team auserwählten 18 Kicker einer so betitelten „Rumpfelf“ nun Teil seiner Familie. Gegen Nigeria im Halbfinale schien es sogar schon spielerisch zu harmonierten. Dabei ist nur ein Bruchteil der Spieler vor einem Jahr an der Qualifikation beteiligt gewesen, die über das Erreichen des Halbfinals bei der Junioren-EM 2015 erreicht wurde.

Tränen während des Spiels – während die meisten Kameras ganz woanders sind – ähnliches oder vergleichbares gibt es seit zwei Trainergenerationen nicht mehr. Taktiktafel-Professoren, kühle Alphatiere, aalglatte Verwissenschaftlicher, Laptop-Trainer und Schiedsrichter-Talker treiben sich abwechselnd in der Coaching-Zone umher – und tragen den Anschein der Kontrolle über alles und jeden nach außen.

Trainer-Legende Ernst Happel erklärt Horst Hrubesch seine Sichtweise.
Trainer-Legende Ernst Happel erklärt Horst Hrubesch seine Sichtweise. Foto: imago/Horstmüller

Hrubesch ist Familienmensch und setzt wie der neue Bayern-Trainer Carlo Ancelotti auf Nestwärme. Respekt, Anstand und Ehrlichkeit wolle er vermitteln, sagt er. Erfolg gehe nur über ein vernünftiges Miteinander mit vielen Freiheiten. Die Hierachien sind flach, doch wer Vatti ist, erklärt sich schon allein im Charisma. Bolzplatz-Feeling mit zunehmender spielerischer Klasse.

In diesem Klima schafft es ein Spieler wie Serge Gnabry (21), der bei Arsenal London keine Rolle in der ersten Mannschaft spielt, sich als Torschütze vom Dienst für hohe Aufgaben zu empfehlen. Sechs Mal hat er in den fünf Turnierspielen bereits getroffen, darunter enorm wichtige Tore wie der später 3:3-Ausgleich gegen Südkorea. Nun schallt es Sprüche wie „Gnabry muss in die Bundesliga!“ Stete Rotation ist unter Hrubesch auch viel mehr ruhestiftendes Element als Konfliktherd. Denn er weiß die Dinge zu vermitteln. Nils Petersen kann davon ein Lied singen, der Freiburger ist trotz seiner sechs Tore meist nur Joker. Hrubesch weiß wie es ist, wenn man nicht spielen darf. 1980 beim Europapokal-Finale gegen Nottingham Forest setzte ihn Trainer Branco Zebec ebenfalls auf die Ersatzbank. Kein Zuckerschlecken für den ehrgeizigen Mann, der immer größer scheint als seine 1,88 Meter Köpermaß.

Hrubesch gegen Ende seiner Karriere in der Reservistenrolle bei Borussia Dortmund.
Hrubesch gegen Ende seiner Karriere in der Reservistenrolle bei Borussia Dortmund. Foto: imago/Pressefoto Baumann

 

Horst Hrubesch wirkt anders, weil er sich viel von seiner Einfachheit bewahrt hat, „Manni Banane, ich Kopf – Tor“ – so erklärte er in den 1980ern die Formel für den Sieg. Als Trainer setzt er mehr auf moderne spielerische Elemente. 95 Prozent der über 9000 teilnehmenden HSV-Fans votierten vor wenigen Tagen in einer Online-Abstimmung der „Hamburger Morgenpost“ dafür, dass sie ihr Idol gerne in irgendeiner Form in den Verein integrieren würden. Nach den Olympischen Spielen in Rio wird Hrubesch seine Trainer-Karriere beim DFB beenden, im Fußball-Ruhestand sieht er sich noch nicht.

Hrubesch als Jugend-Trainer, das funktioniert. 2008 bis 2009 half er als Coach der U21 aus und formte eine Truppe, die bei der Europameisterschaft 2009 den ersten Titel einer deutschen U21 überhaupt einholte, ein Jahr zuvor war ihm gleiches mit der U19 gelungen. Einige der Spieler um Manuel Neuer und Jerome Boateng sollten 2014 dass Gerüst für den WM-Erfolg der Herren in Brasilien werden. Noch heute singen die Spieler Loblieder über ihren Ex-Coach, der ihnen auf den Weg in die Weltklasse eine Stütze war. Nachdem Hrubesch 2013 vom erfolglosen Rainer Adrion das Amt erneut übernommen hatte, ging es bei der EM 2015 gleich wieder bis ins Halbfinale. Auch hier soll es Tränen gegeben haben – für Olympia.

Nun triumphiert der deutsche Fußball abermals in Brasilien und könnte am Samstag sogar vergoldet heimkehren. „Ich habe den Jungs in der Kabine gesagt: Was Ihr hier geleistet habt und vor allem wie Ihr es geleistet habt, wie Ihr miteinander umgegangen seid, ist genial“, sagt Hrubesch. „Nun soll es Gold werden“.

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erstellt am 18.Aug.2016 | 15:32 Uhr

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